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Wie man Sex im Internet sucht

Mär 2005
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Die Chronik einer sündigen Nacht von Umberto Eco

Wer das Internet zu erkunden beginnt, geht meist sofort daran, sich mit Playboy und Penthouse in Verbindung zu setzen. Und wer das einmal getan und sich die Ausklappseiten mit den Häschen der letzten zwei Monate auf den Bildschirm geholt hat, läßt’s in Zukunft bleiben, denn - wie groß und hochauflösend der Bildschirm auch sein mag - es ist leichter und befriedigender, sich das Heft am Kiosk zu kaufen. Doch gewöhnlich erzählen einem die Freunde, sie hätten irgendwo unerhörte Bilder gefunden, und so versucht man es auch mal, sei’s auch nur, um zu beweisen, daß man ein guter “Surfer” ist.


Vorgestern nacht, müde vom Navigieren zwischen Bibliographien über die Metapher, Programmen zur Erzeugung von Hypertext-Stories und der “Kritik der reinen Vernunft” in einer alten englischen Übersetzung, verlangte ich von meinem Web Crawler “Sex”. Er identifizierte 2088 Adressen und gab mir die ersten 100. Die Anarchie des Internet führt dazu, daß man nie wissen kann, welche Adressen die interessanten und welche die blöden sind. Ich las vielversprechende Titel wie “Die Gärten der Lust” - “Bilder nur für Erwachsene” - “Arrgghh, nackte Frauen!!” - “Die Sexgöttinnen der westlichen Hemisphäre”, aber meistens geriet ich an Orte, wo man mir leckere Bilder nur dann versprach, wenn ich zuvor eine Überweisung tätigte.

Unverzagt weiterklickend gelangte ich schließlich zu “Kramer’s Korner-Erotica”, von wo aus ich mich mit “Supermodels”, mit “Very Hot Links”, erneut mit Penthouse und Playboy sowie mit “Babes on the Web” in Verbindung setzen konnte. Ich wählte “Supermodels”, und da lieferte mir dieser Mr. Kramer Photos und Informationen über eine Reihe von Models (bekleidet), die ihm sympathisch sind. Ich klickte auf Cindy Crawford und erfuhr alles über sie, aber ungefähr so, als hätte ich mir ein Heft von La famiglia cristiana gekauft.

Enttäuscht versuchte ich es mit “Very Hot Links”, von wo aus ich wieder auf Playboy verwiesen wurde sowie auf ein Western Canada’s Gay and Lesbian Magazine, das mir jedoch sofort zu verstehen gab, ich dürfe nicht erwarten, darin irgendwelche Bilder zu finden. So wechselte ich zu “Babes on the Web”, wo mir die Adressen von fünfzig “Babes” angeboten wurden, jede mit ihrer eigenen Homepage und einige mit faszinierenden Namen wie Chok-Eng Cheng. Na also, dachte ich, sehen wir doch mal, was diese Puppen zu bieten haben.

Fast wahllos klickte ich auf Jennifer Amon. Es erschien Jennifers Seite mit ihrem Photo (nur der Kopf); sie war nicht abstoßend, aber auch keine Bombe. Eine normale Frau, die mir mitteilte, daß sie Programmanalytikerin an dem höchst seriösen Oberlin College sei, wonach sie mir weitere detaillierte Auskünfte über ihre beruflichen Qualifikationen gab. Sie begann damit, daß ihre Siamkatze am 15. August um zwanzig nach zwölf gestorben sei, und am Ende bat sie mich, falls ich durch UD zu ihrer Seite gelangt sei, einen gewissen Joe Lang zu grüßen. Von Sex keine Spur. Jennifer macht entweder Reklame für sich selbst, oder sie fühlt sich einsam und möchte mit jemandem kommunizieren.

Aber was treibt denn dieser Kramer da für ein Spiel? Ich kehre zu ihm zurück und klicke auf seine Biographie. Ich erfahre, daß er 28 Jahre alt ist, in Boston studiert hat, in Jersey City in einer Bank arbeitet und sich in der Freizeit als Berater für die Einrichtung von Webseiten anbietet. Um Kunden zu locken, offeriert er Verbindungen mit erotischen Seiten, ein paar überaus keusche Photos von schönen Mädchen, und animiert zur Begegnung mit Girls und Dolls, die keine Puppen, sondern höchst sittsame Damen sind.

Verzweifelt kehre ich zur Liste der “Hundert Heißen Adressen” zurück und finde etwas, das mich vom Stuhl aufspringen läßt. Ein gewisser Dan Moulding erklärt mir, wenn ich Busen, Genitalien oder andere Teile des weiblichen Körpers sehen wolle, superpornographisches Material in rauhen Mengen, dann läge ich bei ihm richtig. Eilends klicke ich auf OK, und es erscheint eine Message, die mir sagt, daß ich ein großer Schmutzfink sei und mich schämen solle.

Dan Moulding ist ein strenger Moralist aus Utah (also vielleicht ein Mormone), der mir zunächst Vorwürfe macht, weil ich, indem ich im Internet Pornobilder suche oder verbreite, die Leitungen verstopfe. Sodann erklärt er mir, daß ich, wenn ich Sex im Computer suche, ein kranker Mensch sein müsse, der keine Freunde - geschweige denn Freundinnen - habe, ob ich denn keine Verwandten hätte, die mir lieb und teuer seien, ich solle doch bedenken, daß meine Großmutter, wenn sie wüßte, was ich da treibe, an plötzlicher Arterienerweiterung sterben könnte. Am Ende (nachdem er mir nahegelegt hat, mich bußfertig einem Priester, einem Rabbiner oder einem Pastor anzuvertrauen) gibt er mir eine Liste von Adressen (im Internet), bei denen ich moralische Hilfe finden könne, einschließlich der eines auf die Rehabilitation von Pornofreaks wie ich spezialisierten Dienstes.

Er schließt: Schreiben Sie mir (dmoulding@eng.utah.edu), und ich gebe Ihnen einen Haufen Briefe zu lesen “von Versagern wie Ihnen, die dumm genug waren, um in meine Falle zu gehen”.

Es war drei Uhr nachts. Dieser Ansturm von Sex hatte mich erschöpft.

Ich legte mich schlafen und träumte von friedlichen Schafherden, Engeln und sanftmütigen Einhörnern.

entnommen von eco-online

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