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MAX HORKHEIMER - Materialismus und Moral - 1933

Mai 2019
14

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant, Grundform des Kategorischen Imperativs 1785

 

Zeitschrift für Sozialforschung

Herausgegeben im Auftrag des INSTITUTS FÜR SOZIALFORSCHUNG von Max Horkheimer

Jahrgang II 1933 Heft 2, LIBRAIRIE FÉLIX ALCAN / PARIS, September 1933.

Max Horkheimer,
Professor der Sozialphilosophie.

Die Aufteilung auf Seiten wurde beibehalten, soweit es die Anmerkungen zuließen und aufgeteilte Sätze dahingehend korrigiert, ansonsten ganz weggelassen. [Sig.]

 

Materialismus und Moral.

Von
Max Horkheimer.

Dass die Menschen selbständig die Frage zu entscheiden versuchen, ob ihre Handlungen gut oder böse seien, ist offenbar eine späte geschichtliche Erscheinung. Während ein hoch entwickeltes europäisches Individuum nicht bloss wichtige Entschlüsse, sondern auch die meisten instinkthaften und zur Gewohnheit gewordenen Reaktionen, aus denen sich sein Leben zum grössten Teil zusammensetzt, vor das Licht des klaren Bewusstseins bringen und moralisch bewerten kann, erscheinen die menschlichen Handlungen als umso zwangsmässiger, je früheren geschichtlichen Bildungen ihre Subjekte angehören. Die Fähigkeit, triebhafte Reaktionen moralischer Kritik zu unterziehen und auf Grund individueller Bedenken zu verändern, konnte sich erst mit steigender Differenzierung der Gesellschaft herausbilden. Schon das Autoritätsprinzip des Mittelalters, von dessen Erschütterung die moralische Fragestellung der Neuzeit ihren Ausgang nimmt, ist der Ausdruck einer späten Phase dieses Prozesses. War bereits der ungebrochene religiöse Glaube, welcher der Herrschaft dieses Prinzips vorherging, eine reichlich komplizierte Vermittlung zwischen naivem Erlebnis und triebhafter Reaktion, so bezeichnet das mittelalterliche Kriterium der von der Kirche gutgeheissenen Tradition, dessen ausschliessliche Geltung freilich noch einen stark zwangshaften Charakter trug, bereits einen moralischen Konflikt. Wenn Augustin ¹) erklärt: „Ego vero evangelio non crederem nisi me catholicae ecclesiae commoveret auctoritas", so setzt diese Bekräftigung, wie Dilthey ²) erkannt hat, bereits den Zweifel im Glauben voraus. Der gesellschaftliche Lebensprozess der neueren Zeit hat nun die menschlichen Kräfte so stark gefördert, dass wenigstens die Mitglieder einzelner Schichten in den fortgeschrittensten Ländern in einem verhältnismässig weiten Bereich ihres Daseins nicht bloss dem Instinkt oder der Gewohnheit folgen, sondern unter mehreren vorgestellten Zielen selbständig zu wählen vermögen. Die Ausübung dieser Fähigkeit geschieht freilich in viel kleinerem Umfang, als gemeinhin angenommen wird.

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To my friends..

Apr 2019
12

Zwist
Wir werden uns nicht einigen und wir sollen und müssen uns nicht einigen. Freunde, wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. (MRR, 25.4.1997)

Du denkst, ich schlafe? Ich schlafe nicht; ich höre alles...

Jan 2019
15

Am heutigen Tage des großen Theaters unserer Freunde auf der Insel können wir also nur mit einem großen Theater des Ostens antworten.

»Das geht nicht, Ilja Iljitsch«, sagte Sachar. »Ich würde mich von Herzen freuen, wenn es ginge; aber es geht schlechterdings nicht!«

Rufen wir sie also zur Ordnung: « Odaaaa, Odaaaaar! » :-)

Iwan Gontscharow: Oblomow - Aus Kapitel 11 / 12

Kaum hatte Ilja Iljitschs Schnarchen Sachars Ohr erreicht, als er auch schon vorsichtig ohne Geräusch von der Ofenbank sprang, auf den Zehen auf den Flur ging, seinen Herrn einschloß und sich zum Haustor begab.

»Ah, Sachar Trofimowitsch! Seien Sie uns willkommen! Man hat Sie ja so lange nicht gesehen!« sagten in verschiedenen Tonarten die Kutscher, Lakaien, Frauen und Kinder am Tore.

»Was macht denn Ihrer? Er ist wohl ausgegangen?« fragte der Hausknecht.

»Er schläft«, erwiderte Sachar finster.

»Nanu?« sagte ein Kutscher. »Ich möchte meinen, es ist doch noch zu früh; um diese Tageszeit ... er ist wohl krank?«

»Wo wird er krank sein! Er hat sich vollgesoffen«, versetzte Sachar in einem Tone, als ob er selbst davon überzeugt wäre. »Können Sie es glauben: er allein hat anderthalb Flaschen Madeira und zwei Liter Kwaß getrunken: da hat er sich nun hingelegt.«

»Sieh mal an!« sagte der Kutscher neidisch.

»Warum hat er sich denn heute betrunken?« fragte eine der Frauen.

»Nein, Tatjana Iwanowna«. antwortete Sachar, indem er ihr nach seiner Gewohnheit einen schiefen Blick zuwarf; »das ist nicht bloß heute so; er ist überhaupt ein rechter Taugenichts geworden; es ekelt einen, davon zu reden!«

»Er ist offenbar ganz wie der Meine!« bemerkte die Frau mit einem Seufzer.

[ ... ] Hier verlassen wir nun die tratschenden Seelen für einen Augenblick und kehren zu späterer Stunde zurück. [ ... ]

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