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Du denkst, ich schlafe? Ich schlafe nicht; ich höre alles...

Jan 2019
15

Am heutigen Tage des großen Theaters unserer Freunde auf der Insel können wir also nur mit einem großen Theater des Ostens antworten.

»Das geht nicht, Ilja Iljitsch«, sagte Sachar. »Ich würde mich von Herzen freuen, wenn es ginge; aber es geht schlechterdings nicht!«

Rufen wir sie also zur Ordnung: « Odaaaa, Odaaaaar! » :-)

Iwan Gontscharow: Oblomow - Aus Kapitel 11 / 12

Kaum hatte Ilja Iljitschs Schnarchen Sachars Ohr erreicht, als er auch schon vorsichtig ohne Geräusch von der Ofenbank sprang, auf den Zehen auf den Flur ging, seinen Herrn einschloß und sich zum Haustor begab.

»Ah, Sachar Trofimowitsch! Seien Sie uns willkommen! Man hat Sie ja so lange nicht gesehen!« sagten in verschiedenen Tonarten die Kutscher, Lakaien, Frauen und Kinder am Tore.

»Was macht denn Ihrer? Er ist wohl ausgegangen?« fragte der Hausknecht.

»Er schläft«, erwiderte Sachar finster.

»Nanu?« sagte ein Kutscher. »Ich möchte meinen, es ist doch noch zu früh; um diese Tageszeit ... er ist wohl krank?«

»Wo wird er krank sein! Er hat sich vollgesoffen«, versetzte Sachar in einem Tone, als ob er selbst davon überzeugt wäre. »Können Sie es glauben: er allein hat anderthalb Flaschen Madeira und zwei Liter Kwaß getrunken: da hat er sich nun hingelegt.«

»Sieh mal an!« sagte der Kutscher neidisch.

»Warum hat er sich denn heute betrunken?« fragte eine der Frauen.

»Nein, Tatjana Iwanowna«. antwortete Sachar, indem er ihr nach seiner Gewohnheit einen schiefen Blick zuwarf; »das ist nicht bloß heute so; er ist überhaupt ein rechter Taugenichts geworden; es ekelt einen, davon zu reden!«

»Er ist offenbar ganz wie der Meine!« bemerkte die Frau mit einem Seufzer.

[ ... ] Hier verlassen wir nun die tratschenden Seelen für einen Augenblick und kehren zu späterer Stunde zurück. [ ... ]

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Warte, warte nur balde ... Pfingsttägliche Betrachtungen

Mai 2018
21

oder, ‘Wie ein bisschen Naschen die Menschheit in die Freiheit stürzte...’

So der heilige Geist niedergefahren und die Jünger fortan sprachbegabte, fielen wohl auch einige dieser Ambrosianischen Tropfen auf die hier geliebten Denker und Dichter. Ein Buch das heute in der Gänze wohl eher unbekannt ist offenbart Perlen der philosophischen Betrachtungen. Es ist der Beginn eines Krieges und Voltaires Ansichten gehören heute zum Grundbestand eines jeden denkenden Menschen (auch wenn zuweilen Zweifel daran aufkommen). Es soll angeblich in feuchtfröhlichem Gelage am Hofe Friedrichs II. die Idee entstanden sein, der christlichen Religion und ihren allseits bestimmenden Themen ein Werk entgegenzusetzten, dass die Positionen der französischen Aufklärung in verständlicher Form zusammenfasste. Welch ein Affront! Es verbreitete sich subversiv vergnüglich an passenden Orten und konnte nicht aufgehalten werden. Sogleich nach Erscheinen wurde es allerdings in Paris verbrannt und Voltaire musste sich auf die Flucht begeben! Und das, obwohl er durchaus den Glauben an einen Gott als Bedingung der menschlichen Moral rechtfertigte, ohne den das Volk kurz über lang alle Hemmungen und Ängste verlieren und zu gewalttätigen Mitteln gegen die herrschende Ordnung greifen würde.

Recht so, meine Herren, erobert euch die Erde, denn sie gehört dem Starken oder dem Geschickten, der sich ihrer bemächtigt. Ihr habt euch die Zeiten der Unwissenheit, des Aberglaubens, des Wahnsinns zunutze gemacht, um uns unser Hab und Gut zu rauben und uns mit Füßen zu treten, um euch auf Kosten der Unglücklichen zu mästen. Zittert vor dem anbrechenden Tag der Vernunft.

Voltaire „Philosophisches Wörterbuch“
Voltaire ( François-Marie Arouet 1694–1778 ) »Dictionnaire philosophique portatif« (Philosophisches Taschenwörterbuch), zuerst Genf/London 1764.

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Die Logik der seltsamen Position

Sep 2017
05

oder, Wie der gerade verstorbene Dichter John Ashbery (* 28. Juli 1927) den Film-Künstler Jim Jarmusch inspirierte.

 

 

 

All beauty, resonance, integrity,
Exist by deprivation or logic
Of strange position.

–“Le livre est sur la table,” Some Trees (1956)
 

 

» 1974 entdeckte ich die wunderschönen Gedichte von John Ashbery zum ersten Mal in “Some Trees”. Besonders diese kurzen Eröffnungszeilen vibrieren seither in mir. Ihre prägnante Eleganz schien mir vom Dichter eine Herausforderung zu sein, sie wörtlich zu nehmen. Das habe ich auch getan. Das Verstehen, dass diese drei Qualitäten “durch Entbehrung existieren”, hat mich dazu geführt, Begrenzungen als Stärken anzunehmen. Ebenso hat mich die wundervolle “Logik der seltsamen Position” dazu ermutigt, die inhärente Gabe des Gefühls eines Außenstehenden zu feiern und die Dinge von den Rändern aus enthusiastisch zu betrachten. «

Jim Jarmusch, in “90 lines for John Ashbery’s 90th birthday” (Literary Hub, 28 Juli 2017)

 

Also versuchen wir es ein mal:

Der Dichter sagt uns, Alle Schönheit, Resonanz und Integrität, bestehen entweder durch ihre Entbehrung oder durch die Logik ihrer besonderen Lage. So liegt das Buch (des Lebens) auf dem Tisch. Ich betrachte es in dem ich es wiege und wende, im Nahen wie im Entfernten, erlese mir seinen Zauber von Rande her, durchfließe seine innere Mitte und ende vollgesogen wieder am Rande: Erkenne die Schönheit, Hinterlassenschaft und wahren Kern nicht, weil ich in ihr bin oder verbleibe, sondern, weil ich sie und es mit wechselnden Standpunkten und Entfernungen, von Außen betrachte. Ihre Besonderheit erkenne ich, weil sie sie sich bewußt von dem Alltäglichen entfernt, einen erhabenen oder eigenen Standpunkt hat. Das Beschreiben der drei genannten Qualitäten ist deshalb in besonderer Weise dazu geeignet den Rändern mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sie erst ermöglichen das innere Wesen zu erkennen. Dies sollte auch einer Gesellschaft zu eigen sein. Bravo Jim! Ein Weg, den es zu gehen lohnt.

John BergerUnd nicht zu vergessen: Ich muss herzhaft über SIE und MICH und DICH lachen können. Ohne dies wird das Leben sterben. Denn hier ist es, wo wir uns begegnen!
So inspirieren auch mich diese alten Knaben immer wieder. Ein mir sehr wertvoller, der auch mit 90 aus dem vollen Leben schied, schrieb dazu:

» Ich las so gerne, weil ich mich durch die Bücher in das Leben anderer hineinversetzen konnte. Deshalb las ich. Unzählige Bände. Und jeder handelte vom richtigen Leben, aber nie von dem, was mit mir geschah, bevor ich mein Lesezeichen fand und weiterlas. Während ich las, vergaß ich die Zeit. [...]
  Im Moment laufe ich Gefahr, nur noch Unsinn zusammenzuschreiben.
  Schreib einfach auf, was du findest.
  Ich werde nie wissen, was ich gefunden habe.
  Nein, das wirst du nie wissen. Alles, was du wissen musst, ist, ob du lügst oder ob du die Wahrheit erzählst.
 «

John Berger (* 5. Nov 1926), in “Hier, wo wir uns begegnen”.

Danke, all meinen Johns & Jims!