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Im Gehen geht es besser....

Sep 2003
22

Ich halte den Gang für das Ehrenvolleste und Selbständigste in dem Manne, und ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge.

Johann Gottfried Seume

Johann Gottfried Seume: Mein Sommer 1805

Diessmal habe ich nur den kleinsten Theil zu Fusse gemacht; ungefähr nur hundert und funfzig Meilen. Lieber wäre es mir und besser gewesen, wenn meine Zeit mir erlaubt hätte, das Ganze abzuwandeln. Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt. Ueberfeine und unfeine Leute mögen ihre Glossemen darüber machen nach Belieben; es ist mir ziemlich gleichgültig. Ich halte den Gang für das Ehrenvolleste und Selbständigste in dem Manne, und ich bin der Meinung, dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloss desswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zu viel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen. Das Gefühl dieser Wahrheit scheint unaustilgbar zu seyn. (...) Wo alles zu viel fährt, geht alles sehr schlecht: man sehe sich nur um! So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der usprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen, wie man soll: man thut nothwendig zu viel, oder zu wenig. Fahren zeigt Ohnmacht, Gehen Kraft. Schon desswegen wünschte ich nur selten zu fahren, und weil ich aus dem Wagen keinem Armen so bequem und freundlich einen Groschen geben kann. Wenn ich nicht mehr zuweilen einem Armen einen Groschen geben kann, so lasse mich das Schicksal nicht lange mehr leben!

Sein Gepäck:
Ein blauer Frack, zwei Westen, zwei Hosen und zwei Unterhosen, zwei Paar Strümpfe, vier Halstücher, zwei Taschentücher, ein Paar Straßenschuhe, ein Paar Pantoffeln, ein Paar Stiefel. Außerdem trug er Flickzeug, eine Bürste und zwei Notizbücher bei sich. Und seine Bibliothek, die umfangreicher war als alles andere: Jeweils ein Band von Homer, Theokrit, Anakreon, Platus, Horaz, Virgil, Tacitus, Sueton, Terenz, Tibull, Catull und Properz.

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