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Farbenlehren und Gedichte

Okt 2021
17

Warum die Zitronen sauer wurden

Ich muss das wirklich mal betonen:
Ganz früher waren die Zitronen
(ich weiß nur nicht genau mehr, wann dies
gewesen ist) so süß wie Kandis.

Bis sie einst sprachen: „Wir Zitronen,
wir wollen groß sein wie Melonen!
Auch finden wir das Gelb abscheulich,
wir wollen rot sein oder bläulich!“

Gott hörte oben die Beschwerden
und sagte: „Daraus kann nichts werden!
Ihr müsst so bleiben! Ich bedauer!“
Da wurden die Zitronen sauer . . .

Heinz Erhardt

 

— — —

 

Diese Wochen haben wir ja viel von Farbenlehren gehört, von Flaggen und von Ampeln,
Sahen Stieg und Fall, sah’n Max und Moritz, wie sie strampeln.
Sie sondierten die Visionen, und sich feierlich verschworen,
Nicht zu schwatzen vor dem Ende, WER für WAS nun auserkoren.

So bleibt es spannend. Doch laut Geraune, schon in spe,
Verbleibt den Habenden, das Portemonnaie.
Sie solltens schreien: „Nehmt uns mehr“,
Laut hinaus, „vom Millionär! 🙄

Da kullerten die Taler
- vor Lachen!
Der Politikus macht Sachen!

— — —

 

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Der Spatz

Es flog ein Spatz spazieren
hinaus aus großer Stadt.
Er hatte all die Menschen
und ihr Getue satt.

Er spitzte keck den Schnabel
und pfiff sich was ins Ohr.
Er kam sich hier weit draußen
wie eine Lerche vor.

Er traf hier auch manch Rindvieh,
sah auch manch Haufen Mist . . .
Er sah, dass es woanders
auch nicht viel anders ist.

Heinz Erhardt

 

— — —

Nach einem alten Lied ( ¿Y tú qué has hecho? )

 

 

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In den alten Stamm des Baumes, schnitzte,
ein Mädchen freudetrunken ihren Namen.
Der Baum in Innersten ergriffen, schwitzte
Und auf des jungen Mädchen heil’ges Froh-Locken
ließ seine Blüten fallen er, ... wie Samen.

Ich bin der Baum, sprach er, so traurig und ergriffen,
Du bist die Schönheit, die sich mir verschrieb.
Von nun an hüt’ ich deinen Namen heilig
In Zeit und Raum, die mir verblieb!

Du ranntest fort, im jugendlichen Schwange.
Vergaßt der Blüten, wie der Tat.
Schüttelst ab der Liebe Tropfen,
Voll Eile, unbedacht! — Schon lange.

Es kamen Feuer, viele ! — Wie die Winter,
Knarrend ächzt der greise Baum im Winde.
Doch tief verborgen, unterm Moos Gesinnter
Trug fort den Namen er, vom Kinde.

J.T.L.

Psychogramm einer Wahl

Sep 2021
26

Warm dringt das letzte Herbstlicht durch die ungewaschenen Fenster und strahlt auf den Wahlzettel. Ich hätte auch sehr früh schon gehen können, doch wie immer kommen einem verhangene Fetzen in den Sinn die alles unbestimmt nach hinten schieben. Habe ich wirklich eine Wahl?

Soviel ist mir inzwischen klar, solch eine Wahl ist keine Wahl zwischen zukünftigen Dingen und Menschen die ich tatsächlich direkt beeinflusse, die eine Wahl für mich ist. Ich bekomme nur etwas vorgesetzt aus dem ich auswählen kann. Und selbst das ist unbestimmt! Da kann man zum einen Leute direkt mit einem ausreichenden Mandat ausstatten, die keiner - geschweige denn ich - persönlich kennt. Mea Culpa! Sie sind aber auch auf bestimmte Ränge und Plätze gestellt, so dass auch ihre “Wahl” eher die vorbestimmte Auswahl einer bestimmten Interessengruppe ist. Reden wir mal nicht von den Weiteren, die sich zum Teil als möchtegern Imperative verstehen, und doch auch nichts weiter als Aushängeschilder einer bestimmten und meist etwas verworrenen Interessengruppe sind. Ihr oft einziger Vor- bzw Nachteil ist, dass sie keiner registrierten Partei oder Fraktion angehören und im Weiteren deshalb auch nicht viel zu melden haben werden. Sie sind aber versorgt; nicht schlecht!
Zum anderen gibt es Parteien aus-zu-wählen, die freundlich um meine Stimme als Blankoscheck bitten, nach dem Motto: “Macht damit was ihr wollt”!

Jede Wahl ist also ein eher unbestimmtes Mandat für eine Gruppe, die über die Modalitäten ihrer Zusammensetzung augenscheinlich selbst bestimmt und sich dem direkten und verantworteten Mandat eines Wahlbürgers zu entziehen sucht. Um sicher zu gehen, haben sie das Modell der Ausgleichsmandate erfunden. Herrlich! Damit lässt sich die etwas dümmliche Wählerschaft wunderbar vorführen. Ihr einziger Nachteil ist, dass es letztendlich die Menge der Parlamentarier im Hohen Hause aufbläht und immense zusätzliche Kosten verursacht — und so letztlich doch irgendwie wieder auffällt. Aber ACH, paperlapapp das wird ja aus dem Steuersäckl bezahlt. Müssten die Parteien ihre zusätzlichen Parlamentarier selbst bezahlen, aus einem fest definierten Budget der eigentlichen festgelegten Menge, das heißt, sich selbst beschneiden, wäre es schnell aus damit. Nee nee, 🙂 aber man wird ja nochmal träumen dürfen! Jedenfalls fragt man nicht die Frösche wann und wieviel man den oder vom Teich ablassen kann.

Da sie - unsere Politiker - also so handeln, darf es nicht wundern, dass ganz allgemein der Staat, bzw seine Finanzen als ein unendlicher Topf für Zugriffe von Interessen, für unendlich unverschämte, geradezu kleptographisch räuberische Plünderungen angesehen wird. Warum sollten Firmen, Verträge, ganz allgemein Menschen diesbezüglich mit angezogener Bremse, dem Allgemeinwohl verflichteter Gesinnung handeln, wenn ihnen dies von ihren Parlamentsvertretern nicht vorgelebt wird? Milliarden werden verpulvert; ohne Konsequenzen! Es schüttelt einen, je mehr man darüber nachdenkt, und so nimmt es nicht Wunder, dass viele Wähler gar nicht mehr wählen und alles einfach geschehen lassen.

Ich nicht! Denn ich gehöre zu einer Generation die wenigstens die innere Pflicht fühlt einer Wahl, und sei sie noch so unvollkommen, nachzukommen. Es gibt nichts anderes und die Auswahl an entsprechenden Alternativen ist sehr begrenzt! Was sie ersetzt, zeigt uns Geschichte; Leider!

Man nennt es Demokratie — Herrschaft des Volkes. In unserem Fall, repräsentative Demokratie, da wir ja zu viele und zu blöd sind etwas direkt entscheiden zu können. Außerdem kommt es der Neigung des Menschen entgegen, unbestimmt und verantwortung-s-los zu sein, haben wir doch mit dem Leben selbst schon genug zu tun.

Nun wäre es zu einfach den Schluss zu ziehen, dass sie, die Politiker, unsere spiegelbildlichen Vertreter an allem Schuld und Auslöser dieser Zustände wären. Sie bilden aber nur ab, was wir sind! Oder eben einen Teil dessen, was wir selber sind. Darüber mache ich mir keine Illusionen.

Habe ich also eine Wahl? ... Hmm! ... So und jetzt gehe ich wählen...! Später mehr dazu.

Der Chinese kichert und schüttelt das laotische Haupt – aus dem die Bitcoins purzeln – angesichts dieser Umstände. Der russische Bär lacht sich ins grimmige Fäustchen, während noch schnell ein paar vorgefertigte Wahlzettel im aufgetauten Permasumpf entsorgt werden. Uncle Sam, der Kapitalist nimmt ein erfrischendes Bad in seinem Geldspeicher und singt: “Money makes the world go round”. Captain Kirk sieht endlich seiner Erstumrundung entgegen, und Jeff grinst sich einen. Der Taliban ist auch nur ein Mensch und dreht freudestrahlend ein paar Runden im Autodrom. Alles ist gut!

Quax, der Bruchpilot, Maurice, meint dagegen nur: „Frischer Fisch aus dem Nil und Kaffee, in dem der Löffel stecken bleibt: Das ist es doch, worauf es im Leben ankommt.

Am nächsten Tag herrscht Kater. Schwarzer Kater. Aber alle sind irgendwie erleichtert, dass sie nun wieder unter sich sind. Das Spiel beginnt, die Krämer kramen! Alte Rechnungen und spitze Messer werden gezückt und vorerst wieder weggesteckt. Sie zeigen aber wer der Hase und die Meute ist.

Die Absurdität der ausgeklügelten gegenseitigen Wägung im 2-Stimmen Wahlsystem wird überdeutlich, dass bestimmte Menschen definitiv abgewählt wurden und dennoch wieder einziehen. « Schließlich wollen wir so tun als ob wir dich respektieren, lieber Wähler, aber dann doch nicht wirklich im Ernst, oder?! Das hätte ja schmerzhafte persönliche Konsequenzen. Das kann doch keiner wollen! Da wir es also besser wissen, nehmen wir uns was uns zusteht. »

In einem anderen Fall wird eine Zulassungs-Begrenzung als Partei zwar gerissen und doch sind deren 3 Bewerber, ausgeschrieben “drei ” (!), als Direktmandate dennoch hinein gewählt. Zum Ausgleich für diese Ungerechtigkeit bekommt diese Partei 36 - sechunddreißig - Ausgleichsmandate hinzu. Nun kann man sogar eine Fraktion bilden und hat automatisch mehr Rechte und mehr Geld zur Verfügung. Unsere Lederhosen jedenfalls wissen davon ein Lied zu singen.

Es locken Posten und Kronen und das Vergessen. Dann kann das Spiel erneut beginnen.

Sie verstehen? Ein geniales System, es sichert Existenzen, Pfründe, Machtoptionen, es schafft sich seine eigene Welt, eine Blase, die nun während der folgenden vier Jahre von allerlei Interessen und Gruppen weiter genährt und gepflegt wird. Hinter den Mauern – abgeschirmt von den Fährnissen des Lebens – werden gerade die Entscheidungsträger und ihre Zuarbeiter in einen volatil gesättigten Zustand gebracht, schwebend über den Dingen mit den komplexen Bedürfnissen einer bestimmten Klientel bearbeitet, die Schrecken einer wesentlichen Veränderung an die Wand gemalt, bis es dasteht, das Gespinst eines Buffets, dass sich nicht mehr von selbst erneuert; Beschrieben das Grauen eines zukunftsleeren Tisches, dem knurrenden Magen das Entsetzen des Ausbleibens der steten Befüllung, der dürstenden Seele die Abstinenz edler durchgeistender Tropfen. Schon sieht er es verdampfen, verdunsten, sich in Luft auflösen, einem hageren Gespenste — der WIRKLICHKEIT — weichen ... Nein! DAS kann er nicht zulassen!

Wie sich unser Demo.krat an diesem Punkt seines Werdens entscheidet, ist nicht schwer zu erraten. Er bleibt sich treu und verrät doch seine ursprüngliche Intention eines Volks-Vertreters, so er jemals eine solche hatte. Das Wahl-Volk wird auf einmal unbestimmt und verdunstet ihm vor Augen, es ist ja auch so wankelmütig, da er ja das wahre Volk in Konkretum verdichtet vor Augen hat. Es hat seine wirtschaftlichen Nöte. Es muss also bei Laune gehalten werden. Da es dasjenige Volk ist, das den Staat und damit auch unseren Vertreter ernähret, kann es nicht falsch sein es zu schützen. Man ist unter sich. Unter Seinesgleichen!

Denken Sie nur an die VW-Betriebsräte; sie sind hohe Manager und werden von ihresgleichen anerkannt und gleichermaßen entlohnt. Alleine ihnen eine Vorteilsnahme zu unterstellen grenzt an völligem Unverständnis. Es ist ein Prinzip! Und gilt ebenso in der Politik! Und so entstehen an solchen Orten enge Freundschaften und stabile Verbindungen, gesellschaftlicher Austausch, bis hin zur gegenseitigen Hilfe und Vorteilnahme. Der Übergang in die gekaufte Republik ist fließend! Und so wird sehr schnell, nur aus dem davorgesetzten Stand.punkt und Artikel, aus der Herrschaft des Volkes, aus Demos “Volk” und kratein “herrschen” — “Das Volk beherrschen”.

Wie sonst ließe sich der Pathos und die Überheblichkeit erklären mit der Politiker - wo es doch so gänzlichst gar nicht ihre Art ist - plötzlich zum Wohle aller wirkmächtige Dinge beschließen, von deren Anspruch und Folgen sie meist wenig Ahnung haben und nie wissen, wie sie einst aus diesem angerichteten Schlamassel wieder herauskommen; sei es am Hindukusch, in der schleichenden Aushöhlung der freiheitlichen Grundrechte im Kampf gegen den Terror, oder eben in Pandemiezeiten. Alles aus gutem Grund und doch grundfalsch im Ergebnis. Die Geschichte zeigt es immer wieder.

Meist läuft es doch so, wenn der Demokrat sich endlich in die Höhen eines Ministeramtes gebracht hat: Tue wenig bis gar nichts und niemand kann dir ans Leder. Sollte es dennoch soweit kommen, dass man gezwungen ist zu handeln, haben sich obskure 10-Punkte Pläne bewährt, die so lange medial durchgeritten werden, bis jederman denkt, sie wären tatsächlich dafür da etwas konkret zu bewirken. Sobald sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einer nächsten Krise zuwendet - und das ist gewiß - ist die Gefahr vorüber und der Plan wird bis zum nächsten Ereignis in die Dunkelheit der Schubladen zurück gelegt. Solche Ereignisse zu handeln gehört heute zum politischen Handwerk. Hat man an ein, zwei Stellschräubchen gedreht, kann alles so weiter laufen wie bisher und weiterer Schaden ist erfolgreich vermieden und abgewendet.

Schlimmer ist, wenn die Krisen anhalten und wirklich etwas getan werden muss. Dann sieht sich unser Vertreter plötzlich gezwungen zu handeln und etwas auf die eigene Kappe zu nehmen. Alles unter der medial scharf-gerichteten Aufmerksamkeits-Bestrahlung der Öffentlichkeit. Dies ist ein sehr unangenehmer Zustand. Denn das Ende ist womöglich offen und unvorhersehbar. Also folgt man einer Erzählung und bleibt ihr treu. Solch ein Narrativ ist wohl das einzige was hilft — und Zeit. Längst hat die — WIRKLICHKEIT — das Narrativ überholt und doch herrscht nackte Angst es anzupassen, sich wieder in das Unbestimmte zu ergeben; die Folgen zu tragen. Der Demo.krat ist schließlich auch nur ein Mensch!

Nun tut man natürlich all denjenigen Unrecht die sich ihre Gesinnung bewahrt haben und aufrecht gegen die Mühlen ankämpfen. Sie sind aber im Strom der Wahrnehmung eher die Ausnahme als die Regel. Einsame Don Quichotes, meist eher von den eigenen Leuten vom Hofe gejagt, als vom Wähler mißbilligt.

Wer setzt sich nun durch? Zum Einen die Jäger, die Narzisten, die genügend Skrupellosigkeit mitbringen ein paar Opfer auf ihrem Wege zu hinterlassen. Sie sind Kämpfer, und Psychopaten und ihr Platz, die Arena. Doch werden sie auch ebenso schnell aus dem Wege gerollt wenn ein neuer Platzhirsch die Herde beansprucht; ihr eigener Zenit an Machthunger überschritten ist. Dann gibt es die ruhend Sit.ZEN.den. Sie überstehen oft lange und schadlos die Wirren der Tagesgeschäfte, aus denen sie sich heraushalten, die Nächte der langen Messer, denn sie nutzen eine besondere Form der Machtausübung, die seit dem amerikanischen Politologen Joseph S. Nye gemeinhin als Soft Power gegenüber der Hard Power bezeichnet wird. Verkürzt in etwa: Eine kulturelle Attraktivität des ideologischen Narrativs. Sie geht nicht gegen an, sondern nutzt das Vertrauen als Basis. Sie hören so lange zu bis sich ein Weg abzeichnet, der in der erschöpfenden Entkräftung der Kontrahenten einen Lösungsweg ergibt. Ihre Hard Power ist diejenige, die ihre Kontrahenten bei ihnen für möglich halten, nicht aber deren konkrete Anwendung. Ihr wahrer Schatz liegt in der Attraktivität ihrer “Vision”. Dies kann gänzlichst ohne eine solche auskommen. Aber es ist die Nutzung der positiven Kraft, also eine Entgegennahme, ganz ein wenig so wie es die östlichen Kampfkünste vermitteln. Jeder kriegerische Akt ist ein Akt der Gewalt, der Zerstörung. Darauf kann nichts bauen! Hinwendung und Verwandlung sind die Kennzeichen eines großen Staatskünstlers. Auch ein solcher hinterläßt so manchen Psychopaten ausgelaugt und entnervt am Wegesrand, doch nicht aus Zerstörung, sondern aus Entkräftung!

Ach du grüne Neune! Jetzt habe ich mich doch tagelang etwas hinreißen lassen und sehe schon einen schier unendlichen Weg des weiteren Beschreibens vor mir. Aber Sie sehen worauf ich hinauswollte. 😅 Ich anerkenne die Kunst so lange regiert zur haben, ohne dass einen am Ende ein Brutus das Licht auslöscht! Respekt!

 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

 

DAS LIED VON DER MOLDAU, Bertolt Brecht

So long..!

» Hab’ ich es denn Euer Gnaden nicht gesagt, es seien Windmühlen, und das könne nur der verkennen, der selber welche im Kopf habe? «  M. de Cervantes, Sancho Panza an seinen Don

Pferd und Reiter - Ein Ausflug in die Vergangenheit

Mär 2019
10

10. Oktober 1994
Die Fremde III.
Born to survive in Africa and everywhere...

Schwarzer Tod im Lande der Geduldigen. Sehnsuchtsland - Märchenland - Land der Kasten und Land der Religionen. Was ist nur aus dir geworden. Elend herrscht. Millionen leben im Dreck, hausen auf Müllbergen, verbringen ihr Leben zwischen Ratten und heiligen Kühen. Keiner aber wagt aufzustehen und “Schluß!!!” zu rufen. Bereitschaft zum Leiden. Ist es schon Stumpfsinn, Apathie? oder gerät hier nur das westliches Denken wieder einmal an die Grenzen seiner Schublade? Riesiges Land - Kontinent in sich - Sammelbecken und Aufbewahrungsort strebsamer und arbeitsamer Menschen - Millionen von Menschen, die still ihr Leid ertragen, still sich ins Joch ihrer uralten Traditionen und Vorstellungen zu fügen scheinen. Was ist das nur für ein Kontinent, der sich vor Millionen von Jahren auf den Weg machte vom Indischen Ozean nach Nordosten - langsam dahindriftend - bis er schließlich mit Macht unaufhaltsam auf die asiatische Landmasse aufstieß - Gebirge voller Wunder und prächtiger Größe auftürmte und die Menschen im Norden und Süden gleichsam in sich selbst einschloß. Menschenreiche die sich mit ungeheurer Schnelligkeit vermehrten, deren Kinderreichtum Glanz und Elend, Sicherheit der Großfamilie und ängstliches Erschaudern der westlichen Welt vor dieser Explosion des Bevölkerungswachstums förderte. Wie alle großen Dinge dieser Welt ist auch dieser Mikrokosmos Indiens gleichsam ungeheuer kompliziert strukturiert, aber ebenso auch lapidar einfach und erkennbar. Blickt man aus der Fremde, aus der Ferne - so kann einem beides begegnen - steht man unmittelbar darinnen, so wird auf der einen Seite die verwirrende Vielfalt offenbar, auf der anderen Seite aber auch der Langmut und der einfache Umgang der Menschen mit diesen Strukturen. Wenige nur fragen, sind neugierig diese Strukturen zu erkennen und zu durchstoßen. Denn dazu bedarf es eines bewußten analytischen Vorgehens, dessen westlicher Ansatz nicht so ohne weiteres in eine Kultur übernommen werden kann, die schon seit Jahrtausenden genau den umgekehrten Weg geistiger Besinnung und Erforschung nimmt. Lange hört man nichts aus diesem Lande der Ewigen, dann plötzlich steht es im Mittelpunkt des Weltinteresses. Nicht aber positive oder erstaunliche Geschichten sind es, die dieses Aufmerken auf sich lenken. Es ist die Angst vor diesem Menschengewirr, dessen Antrieb, Wurzeln und Zukunft man im Westen nicht versteht. Der Schwarze Tod ist wieder aufgetaucht. Die Menschen dicht an dicht streben in Panik in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die Beulen- und die Lungenpest raffen viele Leute dahin. Es kommt zu einem Loch in der Versorgung der Bevölkerung mit den entsprechenden Medikamenten. Voller Angst decken sich die Leute mit Antibiotika ein, so daß mancher Apotheker der wartenden Menschenschlange nur noch achselzuckend gegenübertreten kann. Andere horten diese lebensrettende Arznei, bis sich die Preise überschlagen und fetter Reibach gemacht werden kann. Im Bewußtsein eines Europäers ist diese Krankheit nur noch in der Geschichte. Das Mittelalter ist voll davon. Doch das davon keine Rede sein kann, beweisen die Annalen der W.H.O., die penibel die auftretenden Fälle dieser Seuche sammelt. Im Bewußtsein der Menschen ist sie dennoch nicht, obwohl diese Sammlung durchaus nicht nur aus Einzelfällen besteht und schon gar nicht nur in Dritteweltländern zu finden ist. Zwei Begleiter des Menschen stecken hinter dieser unausrottbaren Krankheit. Zum einen ist es der Mensch selbst, der Vieles ertragen kann sobald er sich daran gewöhnt. Es ist die Reinlichkeit, die nur da Fuß fassen kann, wo der Mensch nicht mehr in dem Zwange des eigenen Überlebens behaftet ist, in Gesellschaften, in denen das Existenzielle fehlt. Doch das sind nur 20% der Weltbevölkerung. Sie erheben sich aus dem Kampf mit solchen Dingen und sind stolz darauf. Aber sie haben viel gefährlichere Seuchen entwickelt, die nicht nur sie selbst, sondern die ganze Welt bedrohen und gefährden. Dinge, die in den Statistiken der Welt- Gesundheits-Organisation gar nicht auftauchen, weil es geistige Krankheiten - Denkgewohnheiten und Weltanschauungen sind. Das zweite Übel sind die ewigen Begleiter der Menschen - die Ratten. Überlebensfähig wie kein zweites Lebendiges auf dieser Erde, klug und anpassungsfähig, sind sie der Untergrund auf dem die Menschen leben. Ihnen genügt die Nische, die die Menschen ihnen in ihren Handlungsgewohnheiten schaffen. Schmutz und Unrat wird unter den Teppich gekehrt und vergessen. Oben sieht es rein und sauber aus und damit ist das Auge und Denken des Menschen befriedigt. Die Kraft erlahmt und wendet sich anderen Aufgaben zu. Die Ratten blinzeln, schnuppern und freuen sich und unerkannt erobern sie das Schattenreich, das die Zweibeiner ihnen lassen. Auch die Ratten haben ihre Begleiter. Es sind jene Flöhe, die die Überträger dieser fürchterlichen Geißel des Menschen sind. Leben ihre Wirte gut, so kann auch dem Floh nichts passieren. Ihn kümmert nicht, was sein Wirken anrichtet. Pferd und Reiter sind gut gerüstet. Das bißchen DDT das verstreut wird kann ihnen nichts anhaben und die Menschen müssen schon bald, ob der Gefährlichkeit dieses Pulvers, weitere Ausbringung desselben einstellen. Schon bald wendet sich die Aufmerksamkeit wieder anderen Dingen zu und das ewig gleiche Spiel des Vergessens beginnt erneut. In diesem Kosmos des Lebens, diesem verwirrendem Gedränge aus Menschenleibern, heiligen Tieren und Heiligen, aus tausenden von Göttern, die unnachgiebig in dieses Gefüge eingreifen, leben sie - die Gotteskinder. Die Ratten vom Schrein des Shah Daula in Gujrat, Pakistan. Mäusen und Ratten nicht unähnlich, in ihrer menschlichen Gestalt enstellt, sind sie ein eigenartiges und bemerkenswertes Phänomen des indischen Subkontinentes. Verflochten in dieses unaussprechliche Durcheinander von Göttern, Heiligen und Menschen, leben sie am Rande und gleichsam mittendrin. Am Schrein von Shah Daula würde der gefesselte, verwirrte westliche Betrachter wahrscheinlich vorbeiziehen, ohne auch nur zu ahnen wo er sich hier befindet, oder was sich hinter dem geschwungenen Tor verbirgt. In diesem Lande, in dem die Fruchtbarkeit der Frau ihre Ehe bestimmt, nimmt dieser Schrein, wenigstens in seinem kleinen Umkreis eine bedeutende Stellung ein. Unfruchtbarkeit ist ein häufiger Scheidungsgrund und gleichzeitig eine soziale Schwächung der Frau in ihrem Umkreis. Alle reden mit, bestimmen untereinander das Leben, lassen individuelle Entscheidungen nur begrenzt zu, hemmen bewußt und unbewußt Herzensentscheidungen. So ziehen noch heute die Frauen mit ihrer Unfruchtbarkeit gezwungenermaßen zum Schrein von Shah Daula und bitten zu den Göttern und ihren Heiligen. Menschlicher Glaube vollzieht die Wunder der Verwandlung von Unfruchtbarkeit in Fruchtbarkeit, von Mißachtung in Anerkennung der Hoffenden und Flehenden. Aber erhören die Götter das Bitten, so fordern sie schrecklichen Lohn - wie weiland Rumpelstilzchen von der Königin - das erste Kind! Das sind die Mäuse vom Schrein des Shah Daula. Es sind jene entstellten Kinder mit kleinen schmalen Köpfen (prenatale Mikrozephalie), die bettelnderweise mit ihren heiligen Männern vom Schrein oder auch an Familien verpachtet umherziehen und den Menschen ihren Tribut abfordern, der jenem Geber eine Ablaß seiner Verfehlungen, einen Pluspunkt im nachtodlichem Leben gewährt. Das Karma als Motor im indischen Leben erschafft diese uneinsehbare Struktur des Bestimmtseins vom Geistigen im irdischen Leben. »Gotteskinder leben nie an einem Ort, sie laufen immer weg...«. Mit diesen lakonischen Worten, ergeben in dieses Gefüge, ergibt sich die Mutter einer »Maus« in das Schicksal eines weggegebenen Kindes. Sie wollen es nicht weggeben, müssen sich aber dem Willen ihres Mannes, der Verwandten und Bekannten beugen, müssen ihr Leid ertragen, den Schnitt vergessen. Schwer ist es sich auf die Suche zu machen nach den verlorenen Kindern - den Mäusen, wie sie überall genannt werden. Doch fest ist dieses Gefüge, das auch handfeste ökonomische Gründe hat und manche Suche bleibt erfolglos - »Was man nicht findet, muß man vergessen...« - scheint dann der einzig rettende Gedanke zu sein. Es ist eine merkwürdige Fügung, die die Ratten als festen, untergründigen Bestandteil des menschlichen Lebens mit diesen armen Geschöpfen vom Schrein des Shah Daula verbindet. Sie sind Randexistenzen, nicht wegzudenken, eingefügt in das Leben, in das Verbundensein mit den Göttern und ihren Mittlern. Atomtechnik, Raketen und Satelliten bringt dieses Land heutzutage hervor, aber im Leben der Menschen bestimmen weiter die uralten Vorstellungen und Rituale das Alltägliche. Bewundernswert gelassen wird dieser Riß zwischen Zustand und Möglichkeit ertragen, leben Hunderttausende auf engstem Raum miteinander. Hindutempel, moslemische Gebetshäuser, Christenkapellen, buddhistische Schreine, persische Paria und alle Formen anderer geistiger Hinwendung. Mitunter kommt es zu fürchterlichen Aufständen und Feindschaften - nicht gegen die sozialen und alltäglichen Zustände mit und in denen die Menschen leben - nein - sondern gegen Religionen und zwischen ihren aufgestachelten, stets in Massen auftretenden Fundamentalisten. Blut fließt, Vertreibungen setzen ein, das Militär muß die Ordnung wieder herstellen und alles kommt nach einiger Zeit wieder zur Ruhe - setzt sich wie die Schwebeteilchen im Wasser - immer auf den nächsten Stein des Anstoßes wartend. Die Religionen haben in diesem Mikrokosmos ein unentwirrbares Geflecht gegenseitiger Abhängigkeiten, spiritueller und lebenspraktischer Besonderheiten geschaffen - die uns Staunen machen...