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Wer nicht sucht, wird doch finden - in honour to s9y

Jun 2004
29

Serendipity – Über die Lehre, mal insgesamt ein wenig Ruhe zu geben und dann plötzlich Maßgeblichkeiten wie Tesa-Film, Amerika oder Eric Cantona zu entdecken.

von Wolf Lepenies, entnommen aus der Süddeutschen Zeitung vom 03.05.2003

1992 suchte Alex Ferguson, der Manager von Manchester United, dringend einen neuen Stürmer. Sein Versuch, David Hirst aus Sheffield abzuwerben, scheiterte. Daraufhin nahm er den bei Leeds spielenden Franzosen Eric Cantona unter Vertrag. Mit Cantona schaffte ManU zwei Mal das „Double“: Die Mannschaft holte die englische Meisterschaft und den Pokal. Ferguson hatte Hirst gesucht und Cantona gefunden. Die englische Presse jubelte: „A moment of supreme serendipity“.

1492 suchte Christoph Kolumbus den Seeweg nach Indien – und irrte sich bei der Berechnung des Erdumfangs. Ferdinand und Isabella von Spanien schrieben ihm nach der Rückkehr von seiner Reise: „Uns scheint, dass sich alles, was zu erreichen Ihr uns anfangs versichert habt, zum größten Teil als wahr erwiesen hat, so als hättet Ihr es gesehen, bevor Ihr uns davon berichtet habt.“ Doch was die katholischen Majestäten nicht wissen konnten, Kolumbus wollte es nicht wissen: Der Entdecker hatte gefunden, was er nicht gesucht hatte. Amerika. Ein Fall von Serendipity.

1896 misslang der Firma Beiersdorf die Entwicklung eines neuen Wundpflasters. Zog man das zu stark haftende Pflaster ab, riss die Wunde auf. Jahrzehnte später wurde das fatale Produkt zum Verkaufsschlager: als Tesa-Film. Umgekehrt ging es dem US-Unternehmen 3M, das einen stark haftenden Klebstoff suchte und stattdessen eine Substanz fand, die sich leicht und ohne Rückstand wieder ablösen ließ. Damit waren die „Post-it Notes“ erfunden, die kleinen farbigen Erinnerungszettel, die heute in jedem Haushalt und in jedem Büro kleben. Was sich schmerzlos lösen sollte, blieb schmerzhaft haften, und was auf immer haften sollte, löste sich besonders leicht. Wie das Leben? Wie das Leben. Man findet das Gegenteil dessen, wonach man sucht: Serendipity.

In den USA gibt es Hunderte von Serendipity Shops, Dutzende von Serendipity Golfplätzen – jeder Spieler, der seinen Ball dort suchen muss, wo er ihn nicht finden wollte, weiß warum – und ein Nudistencamp mit dem vielversprechenden Namen Serendipity Park. Die Schauspielerin Janet Leigh, nach ihrem Hobby gefragt, nannte kurz und bündig: „Serendipity“, und so hieß auch ein Film mit John Cusack und Kate Beckinsale. Die Serendipity Bibel schließlich will durch raffiniert geplante Zufallslektüre die Ungläubigen bekehren wie einst den Hl.Augustinus: „Nimm und lies!“

Die Geschichte des Wortes „Serendipity“ wird man bald lesen können. Erforscht hat sie, zusammen mit Elinor Barber, Robert K. Merton. „The Travels and Adventures of Serendipity“ ist ein opus postumum: Merton, ein Klassiker der modernen Soziologie, starb, 92 Jahre alt, am 23. Februar in New York. Der junge Merton hatte in Philadelphia als Zauberer seinen Lebensunterhalt verdient, bevor er die Soziologie zu seinem Brotberuf machte. Zeitlebens blieb er ein Magier, unter dessen soziologischem Scharfblick die Wirklichkeit zu einem einzigen Überraschungsfeld wurde. Mertons großes Vorbild war Laurence Sterne, der Schöpfer von Tristram Shandy.

„A Shandean Postscript“ nannte der Soziologe sein Lieblingsbuch, das er stets mit dem Kürzel OTSOG zitierte: on the Shoulders of Giants. In einem wohlkomponierten Chaos von gelehrten Abschweifungen und absichtsvoll in die Irre führenden Zitaten zeichnete Merton darin die Geschichte eines Satzes von Isaac Newton nach, der bekannt hatte, seine Entdeckungen als Zwerg auf den Schultern von Riesen gemacht zu haben. Robert K. Merton, ein Riese auf den Schultern von Riesen, war der Entdecker der Soziologie als einer fröhlichen Wissenschaft.

Umso trauriger waren seine Freunde, als Merton starb. Nun würden sie zwei Bücher nicht mehr lesen können, die es in Manuskriptform längst gab und auf deren Unvollendung Merton, ein großer Appetitanreger, so oft hingewiesen hatte. Es handelte sich um eine Studie zum „OL-Aphorismus“ – dem ebenso bestimmten wie rätselhaften Ausspruch einer „Old Lady“: „Wie kann ich sagen, was ich denke, bevor ich sehe, was ich sage?“ – und um die Geschichte von „Serendipity“, der Kunst zu finden, was man nicht suchte. Jetzt aber stellt sich – Glück im Unglück – heraus, dass Robert K. Merton kurz vor seinem Tod das „Serendipity“-Manuskript zum Druck freigegeben hatte.

„Serendipity“ kam am 28. Januar 1754 auf die Welt. Der Erzeuger war Horace Walpole, der zehn Jahre später mit „The Castle of Otranto“ den ersten Schauerroman schreiben sollte. Geburtsort von „Serendipity“ war ein Brief Walpoles an Horace Mann, den britischen Geschäftsträger in Florenz. In diesem Brief spricht Walpole von seiner Fähigkeit, im gegebenen Moment genau das zu finden, wonach er gerade suchte. Um dem Briefpartner zu verdeutlichen, was er meint, erzählt er aus dem Märchen der „Drei Prinzen von Serendip“, das 1557 in Venedig erschienen war: „Wenn die Hoheiten reisten, fanden sie, durch Zufall und Scharfsinn, stets Dinge, die sie nicht gesucht hatten. So entdeckte einer von ihnen, dass auf der gleichen Straße, auf der sie reisten, vor kurzem ein Maultier vorbeigekommen war, das auf dem rechten Auge blind war, denn nur auf der linken Seite war das Gras abgefressen, und dort war es viel schlechter als auf der rechten Seite.“

Walpole fährt fort: „Verstehen Sie jetzt, was Serendipity ist?“
Mit dieser Frage wird Walpole den Freund und Briefpartner in Florenz genau so ratlos zurückgelassen haben wie später die Leser seiner Korrespondenz. Denn was Horace Walpole seinen „Talisman“ nannte – die Fähigkeit, im gegebenen Moment das Gesuchte zu finden –, war ziemlich genau das Gegenteil von Serendipity, wie er sie im gleichen Brief kurz danach beschrieb. Von „serendipity“, „a very expressive word“, wie Walpole sein Wortkind charakterisierte, konnte nur die Rede sein, wenn man etwas fand, was man nicht gesucht hatte. Auch hatten die drei Prinzen aus Serendip, dem alten Namen für Sri Lanka (Ceylon), gar nichts gesucht, sie waren lediglich sorgfältige Beobachter und lieferten ein Beispiel der „Scharfsinnsproben“, an denen im Umkreis der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht die orientalische Literatur besonders reich ist.

Nur ein einziges Mal – in dem erwähnten Brief an Horace Mann – sprach Walpole von „serendipity“. Dort blieb das Wort fast 80 Jahre lang verborgen. Als aber die Briefe Walpoles im Laufe des 19. Jahrhunderts veröffentlicht wurden, waren damit die Voraussetzungen für den späteren „Serendipity Boom“ geschaffen. Dieser Boom profitierte lange Zeit von der Zweideutigkeit, die Walpole seiner eigenen Erfindung gegeben hatte. Konnte von Serendipity auch die Rede sein, wenn man fand, wonach man gesucht hatte – nur an einem anderen Ort oder zu einer anderen Zeit als geplant? Erst allmählich setzt sich die Kernbedeutung durch: zu finden, was man nicht gesucht hatte. In diesem strengen Wortsinne konnte zwar bei Kolumbus, nicht aber bei Alex Ferguson, dem Manager von Manchester United, von Serendipity die Rede sein.

Im Laufe der von Umleitungen und Irrwegen bestimmten Wortgeschichte von Serendipity wird Horace Walpole vom Leser zum Autor der Geschichte von den drei Prinzen, aus den Prinzen wird eine Prinzessin, in London öffnet der erste Serendipity Shop und eine zentrale Rolle im Serendipity Boom spielt das Magazin „Notes and Queries“, das 1849 von einem Bücherliebhaber begründet wurde, der – wie könnte es anders sein – als Pseudonym den Namen Merton gewählt hatte. In einer Psychologie des Erfinders aus dem Jahre 1931 wird Serendip zum „Persischen Gott des Zufalls“, ein Roman erscheint, in dem ein Koch, den Appetit eher hemmend, Serendip heißt, und Ernest Jones sieht in Serendipity die Schlüsselkategorie der Traumdeutung Sigmund Freuds.

Eine glänzende Karriere machte Serendipity in den Naturwissenschaften, wo es bald zur Kernmetapher im Reich der Erfindungen und der Entdeckungen wird. Es ist freilich ein für die exakten Fächer gefährlich unscharfer Begriff. Daher versuchen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts Philosophen und Praktiker der Naturwissenschaften, Serendipity vom bloßen Zufall zu unterscheiden. Zufallsfunde kommen unverdient und sind selten – Serendipity dagegen hat immer etwas mit der Fähigkeit zur systematischen Bildung von Hypothesen zu tun. Der Zufall, so Pasteur, hilft nur den vorbereiteten Köpfen. Dies gilt für Wöhler und die Harnstoffsynthese und für die Vulkanisierung des Kautschuks durch Charles Goodyear, es trifft auf Röntgen ebenso zu wie auf Flemings Entdeckung des Penicillins. Zum modernen Paradebeispiel von Serendipity wird 1953 die Entschlüsselung der DNS-Struktur durch Watson und Crick.

In der Literatur ist Serendipity eher die Regel als die Ausnahme. Man kann sie provozieren – und davon profitieren. Bezeichnend ist die Kritik Sainte-Beuves, der Alexis de Tocqueville vorwarf, zu wenige Bücher gelesen zu haben, nach denen er nicht gesucht hatte. Nimm und lies! Jeder Leser hat seine Erfahrungen mit Serendipity gemacht. Wie oft hat man nicht das Buch entliehen oder gekauft, das genau neben dem Buch stand, nach dem man gesucht hatte! Heute ist das Internet zu einer Suchmaschine geworden, in der man durch ein raffiniertes System von Links dorthin verführt wird, wo man gar nicht hin wollte. Ein ganzes Entdeckerleben könnte man damit verbringen, den 358 000 hits für „Serendipity“ nachzuspüren, die „Google“ in 0,06 Sekunden aufruft.

Serendipity herrscht auch in der Politik – nicht zuletzt in England mit seiner Tradition des systematischen Durchwurstelns („muddle through“), die unweigerlich zu Überraschungen führen muss. Im 19. Jahrhundert nannte Disraeli die Überzeugung, „that something will turn up“ die Kernmaxime der englischen Politik – und ahmte damit die Figur des Mr. Micawber aus Charles Dickens’ Roman „Oliver Twist“ nach.

Die Hoffnung, dass sich schon irgendetwas finden werde, ist das Vertrauen in Serendipity. In den USA schwankt dabei die Wertschätzung des „expressiven Wortes“. Auf der einen Seite gelten Diktatoren als fanatisch genaue Planer, die Serendipity, ein Element der Freiheit, hassen; auf der anderen Seite sehen Kritiker in Serendipity eine Gefahr für die Demokratie, wenn politische Prozesse beliebig und unberechenbar für den Bürger werden.

Merton spricht davon, dass in den USA der „New Deal“ Franklin D. Roosevelts eine Blütezeit der Serendipity gewesen sei. Der Hinweis bleibt eher vage – mit Ausnahme eines überzeugenden Beispiels. Es betrifft Robert Merton selbst. In der Zeit der großen Depression führte Roosevelt „Bank Holidays“ ein, um die Geldentnahme von individuellen Sparkonten zu erschweren. Besorgt, nicht rechtzeitig an seine Ersparnisse zu kommen, hob daraufhin Merton, ein ausgesprochen armer Student, bei erster sich bietender Gelegenheit sein gesamtes Guthaben ab und investierte es in die zwölf Bände des Oxford English Dictionary. Im OED blätternd, fand er dort den Eintrag „Serendipity“, der 1912 zum ersten Mal aufgenommen worden war. Ohne Franklin D. Roosevelt und den New Deal hätte Robert Merton nie gefunden, wonach er nicht gesucht hatte.

Robert K. Mertons und Elinor Barbers Buch „The Travels and Adventures of Serendipity. A Study in Historical Semantics and the Sociology of Science“ wird zuerst auf Italienisch bei Il Mulino in Bologna und dann auf Englisch bei Princeton University Press erscheinen.

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