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Du denkst, ich schlafe? Ich schlafe nicht; ich höre alles...

Jan 2019
15

Am heutigen Tage des großen Theaters unserer Freunde auf der Insel können wir also nur mit einem großen Theater des Ostens antworten.

»Das geht nicht, Ilja Iljitsch«, sagte Sachar. »Ich würde mich von Herzen freuen, wenn es ginge; aber es geht schlechterdings nicht!«

Rufen wir sie also zur Ordnung: « Odaaaa, Odaaaaar! » :-)

Iwan Gontscharow: Oblomow - Aus Kapitel 11 / 12

Kaum hatte Ilja Iljitschs Schnarchen Sachars Ohr erreicht, als er auch schon vorsichtig ohne Geräusch von der Ofenbank sprang, auf den Zehen auf den Flur ging, seinen Herrn einschloß und sich zum Haustor begab.

»Ah, Sachar Trofimowitsch! Seien Sie uns willkommen! Man hat Sie ja so lange nicht gesehen!« sagten in verschiedenen Tonarten die Kutscher, Lakaien, Frauen und Kinder am Tore.

»Was macht denn Ihrer? Er ist wohl ausgegangen?« fragte der Hausknecht.

»Er schläft«, erwiderte Sachar finster.

»Nanu?« sagte ein Kutscher. »Ich möchte meinen, es ist doch noch zu früh; um diese Tageszeit ... er ist wohl krank?«

»Wo wird er krank sein! Er hat sich vollgesoffen«, versetzte Sachar in einem Tone, als ob er selbst davon überzeugt wäre. »Können Sie es glauben: er allein hat anderthalb Flaschen Madeira und zwei Liter Kwaß getrunken: da hat er sich nun hingelegt.«

»Sieh mal an!« sagte der Kutscher neidisch.

»Warum hat er sich denn heute betrunken?« fragte eine der Frauen.

»Nein, Tatjana Iwanowna«. antwortete Sachar, indem er ihr nach seiner Gewohnheit einen schiefen Blick zuwarf; »das ist nicht bloß heute so; er ist überhaupt ein rechter Taugenichts geworden; es ekelt einen, davon zu reden!«

»Er ist offenbar ganz wie der Meine!« bemerkte die Frau mit einem Seufzer.

[ ... ] Hier verlassen wir nun die tratschenden Seelen für einen Augenblick und kehren zu späterer Stunde zurück. [ ... ]

Als es vier Uhr durch war, schloß Sachar behutsam ohne Geräusch die Tür des Vorzimmers auf und schlich auf den Zehen in seine Stube; von dort aus trat er an die Tür des Wohnzimmers seines Herrn und hielt zuerst das Ohr heran; dann kauerte er sich nieder und legte das Auge ans Schlüsselloch. In dem Zimmer ertönte ein gleichmäßiges Schnarchen.

»Er schläft«, flüsterte er; »ich muß ihn wecken; es ist bald halb fünf.«

Er hustete und trat ins Zimmer.

»Ilja Iljitsch! Hören Sie, Ilja Iljitsch!« begann er, am Kopfende von Oblomows Bett stehend, mit leiser Stimme. Das Schnarchen dauerte fort.

»Nein, was der schläft!« sagte Sachar. »Wie ein Ratz!«

»Ilja Iljitsch!«

Sachar berührte Oblomow leise am Ärmel.

»Stehen Sie auf! Es ist halb fünf.«

Ilja Iljitsch ließ als Antwort darauf nur ein Brummen vernehmen, wachte aber nicht auf.

»So stehen Sie doch auf, Ilja Iljitsch! Was ist das für eine Schande!« sagte Sachar mit erhobener Stimme.

Es erfolgte keine Antwort.

»Ilja Iljitsch!« wiederholte Sachar und berührte seinen Herrn am Ärmel.

Oblomow drehte den Kopf ein wenig herum und öffnete mühsam in der Richtung nach Sachar hin das eine Auge, das wie gelähmt aussah.

»Wer ist da?« fragte er mit heiserer Stimme.

»Ich bin es. Stehen Sie auf!«

»Mach, daß du wegkommst!« brummte Ilja Iljitsch und versank wieder in festen Schlaf. Statt des Schnarchens ließ sich nun ein Pfeifen durch die Nase vernehmen. Sachar zupfte ihn am Rockschoße.

»Was willst du?« fragte Oblomow in drohendem Tone und öffnete auf einmal beide Augen.

»Sie haben mir befohlen, Sie zu wecken.«

»Nun ja, ich weiß. Du hast deine Pflicht erfüllt – nun mach, daß du wegkommst! Das übrige ist meine Sache...«

»Nein, ich gehe nicht weg«, versetzte Sachar und berührte ihn wieder am Ärmel.

»Na aber, faß mich doch nicht an!« sagte Ilja Iljitsch mit sanfter Stimme, drückte den Kopf in das Kissen und wollte wieder weiterschnarchen.

»Das geht nicht, Ilja Iljitsch«, sagte Sachar. »Ich würde mich von Herzen freuen, wenn es ginge; aber es geht schlechterdings nicht!«

Er berührte den Herrn von neuem.

»Na, so erweise mir doch die Liebe und störe mich nicht!« bat Oblomow inständig und öffnete die Augen.

»Ja, jetzt soll ich Ihnen die Liebe erweisen; aber nachher werden Sie selbst darüber ärgerlich sein, daß ich Sie nicht geweckt habe...«

»Ach du mein Gott! Was ist das für ein Mensch!« sagte Oblomow. »Na, laß mich doch noch ein bißchen schlafen, wenn auch nur eine Minute; was kommt es denn auf eine Minute an? Ich weiß ja selbst...«

Ilja Iljitsch verstummte auf einmal, da ihn der Schlaf plötzlich wieder übermannte.

»Aufs Schlafen verstehst du dich!« sagte Sachar, der davon überzeugt war, daß sein Herr ihn nicht hörte. »Nun seh einer, er schläft wie ein Klotz von Espenholz! Wozu bist du eigentlich auf die Welt gekommen?«

»So steh doch auf, sag ich dir!...« brüllte Sachar los.

»Was? Was?« sagte Oblomow drohend und hob den Kopf in die Höhe.

»Ich sage, wollen Sie nicht aufstehen, gnädiger Herr?« erwiderte Sachar in sanftem Tone.

»Nein, wie hast du das gesagt, he? Wie kannst du es wagen, so – he?«

»Wie denn?«

»So grob zu reden?«

»Das ist Ihnen nur im Schlaf so vorgekommen ... bei Gott, nur im Schlaf.«

»Du denkst, ich schlafe? Ich schlafe nicht; ich höre alles...« Aber dabei schlief er schon wieder.

»Na«, sagte Sachar ganz verzweifelt, »ach, du Mensch, du! Was liegst du da wie ein Baumstamm? Es wird einem ja übel, wenn man dich bloß ansieht. Seht nur einmal her, liebe Leute! ... Pfui, so was!«

»Stehen Sie auf, stehen sie auf!« begann er plötzlich in ängstlichem Tone. »Ilja Iljitsch! Sehen Sie nur, was um Sie herum geschieht...«

Oblomow hob schnell den Kopf in die Höhe, blickte um sich und legte sich mit einem tiefen Seufzer wieder hin.

»Laß mich in Ruhe!« sagte er würdevoll. »Ich habe dir befohlen, mich zu wecken; aber jetzt ändere ich meinen Befehl, hörst du wohl? Ich werde von selbst aufwachen, sobald es mir gut scheinen wird.«

In solchen Fällen nahm Sachar manchmal von weiteren Versuchen Abstand und sagte: »Na, dann schlafe, hol’ dich der Teufel!« Manchmal aber bestand er auch auf seinem Willen, und so machte er es auch jetzt.

»Stehen Sie auf, stehen Sie auf!« schrie er aus voller Kehle und ergriff Oblomow mit beiden Händen beim Rockschoße und beim Ärmel. Oblomow sprang plötzlich unerwartet auf die Beine und stürzte auf Sachar los.

»Warte du nur, ich will dich lehren, was es heißt, seinen Herrn stören, wenn er schlafen will!« sagte er.

Sachar rannte Hals über Kopf von ihm weg; aber Oblomow hatte kaum drei Schritte gemacht, als seine Schläfrigkeit vollständig verschwunden war. Er begann sich zu recken und zu gähnen.

»Gib mir . . . Kwaß . . .« sagte er zwischen dem Gähnen hindurch.

In diesem Augenblicke brach hinter Sachars Rücken jemand in ein helles Gelächter aus. Beide sahen sich um.

»Stolz! Stolz!« rief Oblomow ganz entzückt und stürzte dem Ankömmling entgegen.

»Andrei Iwanowitsch!« sagte Sachar grinsend.

Stolz schüttelte sich immer noch vor Lachen; er hatte die ganze vorhergehende Szene mit angesehen.

Von der Zähigkeit des Schleims die Seite zu wechseln

Okt 2017
31

1517 - 2017

Es ist doch eine allgemein bekannte Tatsache, dass unsere Nase einen höchst regulatorischen Einfluss auf unsere Verbindungen und Empfindungen hat. Wir können uns gut riechen oder eben nicht, wir haben ein Gefühl für olfaktorische Heimat, für Wärme und Kälte, für Nähe und Ferne und all das oft und eigentlich unterhalb der bewußten Wahrnehmungschwelle. Es ist der Schritt zur Empathie, der Bindung.

Ebenso verhält es sich mit den Folgen des heute zu feiernden Jubiläums, der Veröffentlichung der 95 Thesen des Dr. Martin Luther (nach dem griech. Eleutherius – der Befreite) im Jahre 1517. Wer kann es ihm verdenken, dass er mit 35 Jahren aus dem liederlich klingendem “Martinus Luder”, ein Wortspiel machte und ein Statement setzte.

Wahrlich interessant ist es doch, wie sich das lutheranische, gleichwohl eher reformkatholische, die neu-evangelische und protestantische Weltenansicht in die folgenden Jahrhunderte und deren Seelen hineingeschrieben hat, so dass man heute zwar durch und durch davon geprägt sich fühlt und lebt, ansonsten aber vielleicht mit seiner Institution als Kirche eher wenig zu tun hat.

Selbst die Katholiken leben inzwischen in ihr, sind ein Teil ihres akzeptierten Seins, denn die Ethik, die Wissenschaft, die Politik, die Philosophie, die Musik, Kunst und Literatur, um nur ein paar ihrer Felder zu nennen, sind ganz von diesem Geiste des Aufbruchs durchdrungen und geprägt.
Der große Gulliver hat sich zu drehen begonnen und seine Säfte geraten in Bewegung. Es ist ein zähes Ringen um die Hoheit, um das Allgemeine und das Individuum. Erst wenn die großen zähen Brocken sich gelöst, werden auch die Kapilaren und feineren Strukturen gelüftet, wird ein Licht geworfen, wo die Dunkelheit herrscht. Ein neuer Geist zieht ein und gestaltet seine Umgebung. Dies dauert Jahrhunderte und ist ein schmerzhafter, ja, mitunter tödlicher Prozess, wirft wie alles Neue in seinem Übereifer neue Schatten wo das Licht vergangener Zeiten noch schien.

So findet man das Fort.schritt.hafte im Momentum der Entscheidung es zu gehen, den Bruch zu vollziehen. “Hier stehe ich, ich kann nicht anders.” Damit kann Luther als Mensch beider Systeme, des ausgehenden Mittelalters und der Neuzeit verstanden werden. Durchaus in Vielem noch in der Zähigkeit des Alten verhaftet, doch in der konzeptionellen Lage einer neuen Zeit eine Stimme zu geben. Im rechten Moment die Tür aufzustoßen ohne zu wissen, wohin sie mit dieser massiven Lageveränderung führen würde.

Dies hat den Denkern zu denken gegeben. Gleichwohl sie alle auf den Schultern von Riesen standen; Und deren Rote Fäden trotz aller Umwürfe und Lageveränderungen die Gebilde, die Jahrtausende überdauerten.

Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten.

Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.

Äußerten wir oben, daß die Geschichte des Menschen den Menschen darstelle, so läßt sich hier auch wohl behaupten, daß die Geschichte der Wissenschaft die Wissenschaft selbst sei. Man kann dasjenige, was man besitzt, nicht rein erkennen, bis man das, was andre vor uns besessen, zu erkennen weiß. Man wird sich an den Vorzügen seiner Zeit nicht wahrhaft und redlich freuen, wenn man die Vorzüge der Vergangenheit nicht zu würdigen versteht. ¹

Einer dieser Fäden ist beschrieben durch die Philosophical Lectures des Samuel Coleridge, bzw seinen Anmerkungen zu Wilhelm Gottlieb Tennemann 12-bändigem Werk: Geschichte der Philosophie, Band VIII., um die 2. Dekade des 19. Jhds.

"Teilen Sie die Menschheit in zwei grosse disproportionale Teile, die Wenigen, die die Fähigkeit kultiviert und gepflegt haben spekulativ zu denken, d.h. durch Reduktion auf Prinzipien; und die Vielen, die entweder aus ursprünglichem Unvermögen oder Gebrechen oder aus Mangel an Kultivierung, nicht in diesem Sinne in der Lage sind, überhaupt zu denken:
und man darf dann, so ist es meine Überzeugung, die vorige Klasse, die beschriebene Minderheit in zwei Unterarten unterteilen, kaum weniger unverhältnismäßig in der vergleichenden Anzahl der in ihnen enthaltenen Individuen, namentlich in die geborenen Konzeptionisten, die geistigen Kinder des Aristoteles und die geborenen Idealisten, oder Ideatae, die spirituellen Kinder Platons.
" ²

²) Samuel Taylor Coleridge (1772 - 1834), englischer Lyriker und Literaturkritiker

Divide Mankind into two very disproportionate parts, the Few who have and have cultivated the faculty of thinking speculatively, i.e. by reduction to Principles; and the Many who either from original defect or deficience, or from want of cultivation, do not in this sense, think at all:
and you may then, according to my belief, subdivide the former class, the illustrious Minority into two species, scarcely less disproportionate in the comparative number of Individuals contained in each, viz. the born Conceptionists, the spiritual children of Aristotle, and the born Ideists, or Ideatae, the spiritual children of Plato.

 

¹) Aus dem Vorwort von Johann Wolfgang von Goethes “Zur Farbenlehre” (1808-1810), die auch Coleridge bezüglich seiner Einteilung durchaus beeinflusste.

Fremdbestimmung - Reggaetechnisch gesehen

Sep 2017
26

26. Juli 1994
Die Fremde II.
Born to survive in Africa and everywhere...

Überleben ist eine Kunstform des Lebens! Sie ist anarchisch und zugleich zukünftig. Wer sich ihr verschreibt, ob gewollt oder nicht, reduziert sich auf sein Minimum. Doch gibt es unglaubliche Unterschiede ihres Auftretens. Massen strömen auf der Flucht, Grenzen nehmend, herdengleich zu Orten, von denen sie sich Rettung versprechen. Nichts als das Hemd auf dem Leib, einen Notvorrat in der einen, das Wertvollste in der anderen Hand. So schleppen sie sich hunderte von Meilen, ausgemergelte Gestalten, stolpernd über Leichen, um einen imaginären Ort zu erreichen, der ihnen das Überleben verspricht. Internationale Hilfe läuft an, aber sie nimmt sich ihre Zeit. Tage, Wochen vergehen - Organisation und Bereitwilligkeit haben ihre eigene Zeit und Bürokratie. Nichts, so scheint es, kann das große Sterben aufhalten. Man stelle sich vor alle Einwohner Hamburgs machten sich mit einem Male auf und würden ein kleines Dorf an der niederländischen Grenze besetzen. Alles lagert sich, hunderttausende von hungrigen und durstigen Menschen, auf einem Fleck. Schon nach Stunden hat sich dieser Ort rasant verändert. Staub weht durch die Luft, überall Menschen, Köpfe, Glieder, sie röcheln, husten, sinken in sich zusammen, aufeinander, übereinander und ihre Leichen werden kaum noch wahrgenommen. Bäume werden zu Brennholz, Rauchschwaden von feuchtem Holz ziehen dick und trübe übers Gelände. Brunnen vertrocknen, überall liegen die Exkremente unschuldig Schwacher, Pfützen und Seen werden zu stinkenden Kloaken, verschlammen, verenden. Krankheiten breiten sich aus wie Staub im Wind, die Erde hat ein blutendes Geschwür. Schwäche breitet sich aus, einer nach dem anderen sinkt müde nieder, rührende Szenen der Hilfsbereitschaft werden karg und matt. Die Schwäche ist wie Durchfall, sie nimmt alle Initiative, sie reduziert sich auf das Stadium des Vegetierens, des Wartens, des hilflosen Herbeisehnens von einem erlösenden Ende. Ärzte, Helfer, Reporter ziehen mit steinernen Gesichtern durch die zusammengesunkenen Massen - genauso hilflos, am Ende mit ihrem Wunsch aus Steinen Brot und aus dem Staub Wasser zu machen. Ihr Überleben ist ein Anderes. Sie müssen sich vor diesem ungeheuren Leid verschließen, es ausblenden, dürfen sich davon in ihrer Arbeit nicht beeinflussen lassen. Die Seele wird hart und leer. Sie stehen mitten unter verwesenden Leichenbergen und gehen ihrer Arbeit nach, berichten mit zitternder Stimme und kalten, leeren Augen der Welt durch ihren Guckkasten von dieser menschlichen Tragödie, wollen andere aufrütteln, gegen das Vergessen ankämpfen. Darauf reduziert sich ihr Sinnen, immer mit dem realistischen Verdacht, daß sie nur Teil einer gigantischen Fütterungsmaschinerie sind, die Bilder und leere Worte im Dreißigsekundentakt in ebenso hilflose leere Köpfe hämmert. Die vermeindlich zivilisierte Welt mit ihrer ängstlich abgesicherten Existenz erträgt dieser Bilder des Leids nicht. Sie muß sich wehren, sie muß sie ausblenden und vergessen. Um zu überleben wird an die eigenen Sorgen und die Schwierigkeiten ihrer Überwindung gedacht. Reduktion ist ihr ureigenstes Verhalten. Reduktion schafft Möglichkeiten der Vielfalt, aber die Sinne erlahmen unter der Massenvielfalt, den einstürzenden Informationen und ihrer sofortigen Verdrängung und Ausblendung.

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