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Warte, warte nur balde ... Pfingsttägliche Betrachtungen

Mai 2018
21

oder, ‘Wie ein bisschen Naschen die Menschheit in die Freiheit stürzte...’

So der heilige Geist niedergefahren und die Jünger fortan sprachbegabte, fielen wohl auch einige dieser Ambrosianischen Tropfen auf die hier geliebten Denker und Dichter. Ein Buch das heute in der Gänze wohl eher unbekannt ist offenbart Perlen der philosophischen Betrachtungen. Es ist der Beginn eines Krieges und Voltaires Ansichten gehören heute zum Grundbestand eines jeden denkenden Menschen (auch wenn zuweilen Zweifel daran aufkommen). Es soll angeblich in feuchtfröhlichem Gelage am Hofe Friedrichs II. die Idee entstanden sein, der christlichen Religion und ihren allseits bestimmenden Themen ein Werk entgegenzusetzten, dass die Positionen der französischen Aufklärung in verständlicher Form zusammenfasste. Welch ein Affront! Es verbreitete sich subversiv vergnüglich an passenden Orten und konnte nicht aufgehalten werden. Sogleich nach Erscheinen wurde es allerdings in Paris verbrannt und Voltaire musste sich auf die Flucht begeben! Und das, obwohl er durchaus den Glauben an einen Gott als Bedingung der menschlichen Moral rechtfertigte, ohne den das Volk kurz über lang alle Hemmungen und Ängste verlieren und zu gewalttätigen Mitteln gegen die herrschende Ordnung greifen würde.

Recht so, meine Herren, erobert euch die Erde, denn sie gehört dem Starken oder dem Geschickten, der sich ihrer bemächtigt. Ihr habt euch die Zeiten der Unwissenheit, des Aberglaubens, des Wahnsinns zunutze gemacht, um uns unser Hab und Gut zu rauben und uns mit Füßen zu treten, um euch auf Kosten der Unglücklichen zu mästen. Zittert vor dem anbrechenden Tag der Vernunft.

Voltaire „Philosophisches Wörterbuch“
Voltaire ( François-Marie Arouet 1694–1778 ) »Dictionnaire philosophique portatif« (Philosophisches Taschenwörterbuch), zuerst Genf/London 1764.

Voltaire

Ueber den Satz: »Alles ist gut.«

(»Tout est bien.«)

Ich bitte euch, ihr Herren, mir den Satz: Alles ist gut, zu erklären, denn ich verstehe ihn nicht.

Bedeutet es, Alles ist der Theorie der bewegenden Kräfte gemäß eingerichtet und angeordnet, so verstehe ich das und räume es ein.

Versteht ihr darunter, daß Jeder sich wohl befindet, daß Jeder zu leben hat, daß Niemand leidet? Ihr wißt, wie falsch das ist.

Ist eure Ansicht die, daß all das beklagenswerthe Elend, welches auf der Erde lastet, in Beziehung auf Gott gut ist und daß er sich dessen freut? An eine solche Scheußlichkeit glaube ich nicht und ihr eben so wenig.

Ich bitte euch, erklärt mir den Satz: Alles ist gut. Der superkluge Platon ließ Gott gnädigst die freie Wahl zwischen fünf Welten, und zwar aus dem Grunde, weil es, wie er sagt, nur fünf regelmäßige Körper in der Geometrie giebt, nämlich das Tetraedron, den Kubus, das Hexaedron, das Dodekaedron und das Ikosaedron. Allein warum will er der göttlichen Macht so enge Schranken setzen? Warum will er ihr nicht die Kugel gestatten, die noch regelmäßiger ist, und selbst den Kegel, die mehrseitige Pyramide, den Cylinder etc.?

Gott wählte nach ihm nothwendiger Weise die beste aller möglichen Welten. Dies System wurde von verschiedenen christlichen Philosophen angenommen, obgleich es dem Dogma der Erbsünde zu widerstreiten scheint; denn unser Erdball ist nach jener Katastrophe der bestmögliche Erdball. Er war es vorher; er könnte es mithin noch jetzt sein; viele Leute aber glauben, daß er, weit entfernt der beste zu sein, vielmehr der schlechteste aller denkbaren Erdbälle ist.

Leibniz bekannte sich in seiner Theodicäe zu Platon’s System. Mehr als ein Leser beklagte sich, den Einen so wenig zu verstehen, wie den Andern. Was uns betrifft, so bekennen wir, nachdem wir Beide zu wiederholten Malen durchgelesen, unumwunden, wie wir zu thun pflegen, unsere Unwissenheit; und da das Evangelium uns über diese Frage nichts offenbart hat, verharren wir ohne Gewissensskrupel in unserer Finsterniß.

Leibniz, der von Allem redet, läßt sich auch über die Erbsünde vernehmen; und da Jedermann, der ein System hat, Alles in seinen Plan zu bringen weiß, was damit im Widerspruch stehen könnte, so stellte er den Satz auf, daß der Ungehorsam gegen Gott und das daraus hervorgegangene schreckliche Unheil integrirende Theile der besten aller möglichen Welten, nothwendige Ingredienzien jeder möglichen Glückseligkeit seien. »Calla, calla, señor Don Carlos: todo che se haze es por su ben«.

Wie! aus einem Orte des Wohllebens vertrieben werden, aus einem Orte, wo man ewig gelebt haben würde, wenn man nicht unglücklicher Weise einen Apfel gegessen hätte! Wie! im Elend elende und verbrecherische Kinder zeugen, die selbst alle Leiden erdulden und sie wieder auf andere vererben werden! Wie! alle Krankheiten ausstehen, allen Kummer und Verdruß erfahren, eines schmerzhaften Todes sterben und zur Erfrischung Ewigkeiten hindurch in der Hölle braten: das Alles sollte das beste Loos sein, das uns beschieden werden könnte? Das ist doch wahrhaftig nicht allzu gut für uns, und inwiefern könnte es wohl gut für Gott sein?

Leibniz fühlte wohl, daß sich hierauf nichts erwidern lasse: auch schrieb er dicke Bücher, worin er selbst nicht verstand, was er sagte.

Das Dasein des Uebels mag allenfalls ein Lucullus lachend hinwegleugnen wollen, wenn er sich wohl befindet und mit seinen Freunden und seiner Geliebten in seinem Apollosaal eine stattliche Mahlzeit hält. Allein er stecke nur den Kopf zum Fenster hinaus, so wird er Unglückliche sehen; er bekomme das Fieber, so ist er es selbst.

Ich citire nicht gern. Es ist gewöhnlich eine ziemlich mißliche Sache damit; man läßt das, was der citirten Stelle vorhergeht oder darauf folgt, unberücksichtigt und setzt sich tausenderlei Kritteleien aus. Hier kann ich indessen nicht umhin, den Kirchenvater Lactanz zu citiren, der im 13. Kapitel seines Buchs vom Zorne Gottes dem Epikur folgende Worte in den Mund legt: »Entweder will Gott das Böse aus der Welt entfernen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder endlich er will es und kann es. Will er es und kann es nicht, so ist das ein Unvermögen, was dem Wesen Gottes widerspricht; kann er es und will es nicht, so ist es Bosheit, die seiner Natur nicht minder zuwider läuft; will er es nicht und kann es auch nicht, so ist es Bosheit und Unvermögen zugleich; will er es aber und kann es auch (was der einzige von diesen Fällen ist, der dem Wesen der Gottheit entspricht): woher kommt dann das Böse auf Erden?«

Das Argument ist schlagend. Auch beantwortet Lactanz es sehr schlecht, indem er sagt, Gott wolle das Böse, habe uns aber die Weisheit verliehen, vermittelst deren man das Gute erwirbt. Man muß gestehen, daß diese Antwort im Vergleich mit dem Einwurf sehr schwach ist; denn sie setzt voraus, daß Gott die Weisheit nicht anders verleihen konnte, als indem er das Böse ins Dasein rief; und dann mit welcher allerliebsten Weisheit sind wir ausgerüstet!

Der Ursprung des Bösen war von jeher ein Abgrund, dessen Boden Niemand zu sehen bekommen hat. Dies trieb eben so viele alte Philosophen und Gesetzgeber dermaßen in die Enge, daß sie ihre Zuflucht zu zwei Grundprincipien, einem guten und einem bösen, nahmen. Typhon war das böse Princip bei den Aegyptern, Arimanes bei den Persern. Die Manichäer nahmen bekanntlich diese Theologie an; da aber diese Leute nie, weder mit dem guten, noch mit dem bösen Princip persönlich verkehrten, darf man ihnen nicht aufs Wort glauben.

Unter den Dummheiten, wovon diese Welt strotzt und die man auch zu den Uebeln derselben rechnen kann, ist es keine der geringsten, zwei allmächtige Wesen anzunehmen, die sich darum schlagen, welches von ihnen in den Angelegenheiten dieser Welt am thätigsten die Hände im Spiel haben soll, und die einen Vertrag schließen, wie die beiden Aerzte im Molière: »Lassen Sie mir das Brechmittel, so lasse ich Ihnen den Aderlaß«.

Basilides behauptete im ersten Jahrhundert der Kirche, sich hierin an die Lehre der Platoniker lehnend, Gott habe seinen untergeordnetsten Engeln aufgetragen, unsere Welt zu schaffen, und diese hätten, in Ermangelung hinreichender Geschicklichkeit, ein Machwerk zu Stande gebracht, wie wir es vor uns sehen. Diese theologische Fabel hält nicht Stand vor dem furchtbaren Einwurf, daß es nicht im Wesen eines allmächtigen und allweisen Gottes liegt, ein Weltgebäude von Baumeistern aufführen zu lassen, die nichts von der Sache verstehen.

Simon, der den Einwurf vorausahnte, kömmt ihm durch die Erzählung zuvor, daß der Engel, welcher der Werkstätte vorgestanden, verdammt worden sei, weil er seine Sache so schlecht gemacht; allein das höllische Feuer, worin dieser Engel brennt, heilt uns nicht von unsern Uebeln.

Die Geschichte der Pandora bei den Griechen widerlegt den Einwurf eben so wenig. Die Büchse, worin sich alle Uebelbefinden und auf deren Boden die Hoffnung zurückbleibt, ist zwar eine schöne Allegorie; allein diese Pandora wurde vom Hephästos nur verfertigt, um sich am Prometheus zu rächen, der einen Menschen aus Koth gebildet hatte.

Die Inder trafen es nicht besser. Nachdem Gott den Menschen geschaffen, gab er ihm eine Arznei, die ihm eine ewige Gesundheit sicherte. Der Mensch belud seinen Esel damit, der Esel hatte Durst, die Schlange zeigte ihm eine Quelle, und während der Esel trank, nahm die Schlange die Arznei zu sich.

Die Syrer ersannen folgende Fabel. Der Mann und das Weib, die im vierten Himmel erschaffen waren, ließen sich einst gelüsten, statt der Ambrosia, ihrer natürlichen Nahrung, einen Kuchen zu essen. Die Ambrosia hatte sie durch die Haut ausgedünstet, nachdem sie aber von dem Kuchen gegessen, mußten sie zu Stuhle gehen. Der Mann und das Weib baten einen Engel, ihnen zu zeigen, wo das geheime Kabinet sei. »Seht ihr,« sprach der Engel, »jenen kleinen Planeten, ein Punkt, ein Nichts an Größe, dort unten einige sechzig Millionen Meilen von hier, das ist das heimliche Gemach des Weltalls, macht schnell, daß ihr hinkommt.« Sie gingen hin, man ließ sie dort, und seit dieser Zeit war unsre Welt, was sie dermalen ist.

Man kann nun aber immer auch die Syrer fragen, warum Gott es zugab, daß der Mensch den Kuchen aß und daß uns daraus eine so unsägliche Menge der schrecklichsten Uebel erwuchs.

Von jenem vierten Himmel gehe ich schnell zu Lord Bolingbroke über, um der Langenweile zu entgehen. Dieser Schriftsteller, unstreitig ein großer und tiefer Geist, gab dem berühmten Pope die Grundidee zu seinem Gedicht über den Satz: Alles ist gut, die man in der That Wort für Wort in Bolingbroke’s nachgelassenen Schriften wiederfindet und die Lord Shaftesbury schon früher seinen Charakteristiken einverleibt hatte. In dem Kapitel von den Sittenlehrern bei Shaftesbury findet man wörtlich Folgendes:

»Auf jene Klagen über die Mängel der Natur läßt sich Mancherlei erwidern. Wie konnte sie (heißt es) so ohnmächtig und mangelhaft aus den Händen eines vollkommnen Wesens hervorgehen? Allein ich stelle in Abrede, daß sie mangelhaft ist – – Ihre Schönheit ergiebt sich eben aus den Widersprüchen, und die Harmonie des Ganzen entspringt aus einem beständigen Kampf – – Jedes Wesen muß dem andern geopfert werden; die Pflanzen den Thieren, die Thiere der Erde - ; und die Gesetze der Centralkraft und der Schwere werden nicht einem armseligen Thiere zu Liebe gestört werden, das binnen Kurzem durch eben diese Gesetze, mögen sie es immerhin während seines Lebens beschützen, wieder zu Staub wird«.

Bolingbroke, Shaftesbury und Pope, der ihre Gedanken in das Gold seiner Verse faßte, lösen die Frage nicht befriedigender als die übrigen. Ihr »Alles ist gut« will weiter nichts sagen, als das Alles durch unwandelbare Gesetze regiert wird. Allein wer weiß das nicht? Ihr lehrt uns nichts Neues, wenn ihr die Bemerkung, die alle kleine Kinder bereits an den Schuhen abgelaufen haben, wiederholt, daß nämlich die Fliegen dazu da sind, von den Spinnen gefressen zu werden, wie die Spinnen von den Schwalben, die Schwalben von den Spechten, die Spechte von den Adlern, die Adler, um von den Menschen getödtet zu werden, die Menschen, um sich einander zu tödten und von den Würmern gefressen zu werden, so wie demnächst noch von den Teufeln, wenigstens von tausenden immer 999.

Das ist eine bündige und consequente Ordnung bei den Thieren jeder Gattung; überall herrscht Ordnung. Wenn sich in meiner Blase ein Stein bildet, so geschieht das vermittelst einer ganz bewundernswürdigen Mechanik: steinige Substanzen gehen zu kleinen Theilen in mein Blut über, werden in den Nieren filtrirt, passiren durch die Uriteren, lagern sich in meiner Blase und, vermöge einer ausgezeichneten Newton’schen Attractionskraft, sammeln sie sich dort an. Der Stein bildet sich und wird immer größer. In Folge der schönsten Einrichtung von der Welt stehe ich Schmerzen aus, die zehnmal ärger sind als der Tod. Ein Chirurg, der die vom Tubalkain erfundene Kunst vervollkommnet hat, stößt mir ein spitzes und scharfes Eisen in das Perinäum, faßt meinen Stein mit seiner Zange, vermöge eines nothwendigen Mechanismus zerbröckelt er bei seinen Bemühungen, und in Folge des nämlichen Mechanismus sterbe ich unter entsetzlichen Qualen. Alles das ist gut; Alles das ist die augenscheinliche Folge unwandelbarer physischer Principe. Das gebe ich zu und wußte es längst so gut, wie Ihr.

Wären wir gefühllos, so ließe sich gegen diese Physik nichts einwenden. Aber davon ist hier nicht die Rede; wir fragen Euch, ob es keine fühlbaren Uebel giebt, und woher sie kommen? »Es giebt keine Uebel,« sagt Pope in seiner vierten Epistel über den Satz: Alles ist gut; »giebt es besondere Uebel, so machen sie in ihrer Gesammtheit das allgemeine Wohl aus«.

Ein seltsames allgemeines Wohl, in der That, das aus dem Stein, der Gicht, allen möglichen Verbrechen, allen möglichen Leiden, dem Tode und der Verdammniß bestehen soll.

Der Fall der Menschen ist das Pflaster, welches wir auf alle jene besondern Krankheiten des Körpers und der Seele legen, die Ihr in ihrer Gesammtheit allgemeine Gesundheit nennt. Allein Shaftesbury und Bolingbroke wagten die Erbsünde zu bestreiten. Pope redet nicht davon. Offenbar untergräbt ihr System die christliche Religion in ihren Grundfesten und erklärt doch durchaus nichts.

Gleichwohl wurde dies System seit einiger Zeit von mehreren Theologen, die gern Widersprüche zugeben, gebilligt. Immerhin! man darf Niemand den Trost mißgönnen, nach bestem Vermögen über die Fluth von Uebeln, die uns überschwemmt, zu philosophiren. Kranken, die man einmal aufgegeben hat, mag man billiger Weise erlauben, zu essen, was sie wollen. Man hat sogar dies System für sehr trostreich erklären wollen. »Gott,« sagte Pope, »sieht mit gleichem Auge den Untergang des Helden und den Tod des Sperlings, die Vernichtung eines Atoms und den Zusammensturz ganzer Sonnensysteme, das Platzen einer Seifenblase und einer Welt«.

Nun, das gesteh’ ich, ein herrlicher Trost! Findet Ihr nicht eine beträchtliche Linderung Eures Schmerzes in der Erklärung Lord Shaftesbury’s, der da sagt, Gott werde seine ewigen Gesetze nicht eines so armseligen Thiers wegen, wie der Mensch sei, stören? Wenigstens muß man gestehen, daß dies armselige Thier wohl berechtigt ist, sein Loos in aller Demuth zu beklagen und, indem es klagt, nachzuforschen, warum diese ewigen Gesetze nicht dem Wohlbefinden jedes Einzelwesens gemäß eingerichtet sind.

Das System: Alles ist gut, stellt den Urheber der ganzen Natur nur als einen mächtigen und böswilligen König hin, der wenig darnach fragt, ob es 4 oder 500,000 Menschen das Leben kostet, und ob die übrigen ihr Dasein in Jammer und Elend hinschleppen, wenn er nur seine Zwecke erreicht.

Weit entfernt also sehr tröstlich zu sein, muß vielmehr die Hypothese von der besten aller möglichen Welten die Philosophen, welche sich dazu bekennen, in Verzweiflung setzen. Die Frage nach dem Ursprunge und Zweck des Guten und des Bösen bleibt ein unentwirrbares Chaos für Jeden, der in gutem Glauben danach forscht. Sie ist eine Uebung des Scharfsinns für Leute, die gern disputiren; sie kommen mir wie Galeerensklaven vor, die mit ihren Ketten spielen. Was das gedankenlose Volk betrifft, so gleicht es so ziemlich den Fischen, die man aus einem Flusse in einen Behälter gebracht hat. Sie haben keine Ahnung davon, daß sie als Fastenspeise verzehrt werden sollen. Auch erfahren wir durch uns selbst nicht das Geringste von den Ursachen unsers Geschicks.

Fast alle Kapitel der Metaphysik können wir füglich mit jenen beiden Buchstaben beschließen, wodurch die römischen Richter erklären, daß eine Sache ihnen nicht klar sei: N. L., non liquet. Vor Allem aber wollen wir die Elenden zum Schweigen bringen, die, wie wir unter der Last menschlichen Elends seufzend, dasselbe noch durch die Raserei der Verleumdung vergrößern. Wir wollen ihre fluchwürdigen Betrügereien zu Boden schlagen und im Glauben an die Vorsehung Schutz und Zuflucht suchen.

Es gab Vernünftler, die behaupten wollten, es liege nicht in der Natur des Wesens aller Wesen, daß die Dinge anders sein könnten, als sie sind. Das ist ein hartes System; ich kenne es nicht genau genug, um mich nur an die Untersuchung desselben zu wagen.

Quelle:
Kandid oder die beste Welt. Von Voltaire. Leipzig 1844, S. 25-37.
Es handelt sich um den Artikel »Tout est bien« (Alles ist gut) aus Voltaires »Dictionnaire philosophique portatif« (Philosophisches Taschenwörterbuch), zuerst Genf/London 1764. Der Text folgt der Übersetzung von A. Ellissen von 1844.


N. L.

Variations on: Whatever is, is RIGHT.
[*] Henry St. John Bolingbroke lebte, nachdem er sich aus dem aktiven Politikerleben zurückgezogen hatte, wie auch Alexander Pope und Sir Robert Walpole, dem ersten Premierminister Großbritanniens, in Twickenham in der früheren Grafschaft Middlesex nicht weit voneinander entfernt und war letzterem in herzlichster Abneigung verbunden, da sich beide in ihrer aktiven Zeit das Leben gegenseitig erschwerten. Sir Robert war wiederum der Vater des hier schon genannten Horace Walpole, des großen Briefeschreibers, Wortschöpfers und Gartenliebhabers, der einen Großteil seiner Berühmtheit mit dem 1794 erschienenen Buch „Über die englische Gartenkunst“ erlangte, in dem er das Konzept des Englischen Landschaftsgartens beschreibt. Sein Schlösschen ebenfalls in Twickenham, heute ein Teil Londons, benannte er “Strawberry Hill”. So ließe sich der Faden sicher weiter spinnen ... Doch dies ist eine andere Geschichte!

Von der Zähigkeit des Schleims die Seite zu wechseln

Okt 2017
31

1517 - 2017

Es ist doch eine allgemein bekannte Tatsache, dass unsere Nase einen höchst regulatorischen Einfluss auf unsere Verbindungen und Empfindungen hat. Wir können uns gut riechen oder eben nicht, wir haben ein Gefühl für olfaktorische Heimat, für Wärme und Kälte, für Nähe und Ferne und all das oft und eigentlich unterhalb der bewußten Wahrnehmungschwelle. Es ist der Schritt zur Empathie, der Bindung.

Ebenso verhält es sich mit den Folgen des heute zu feiernden Jubiläums, der Veröffentlichung der 95 Thesen des Dr. Martin Luther (nach dem griech. Eleutherius – der Befreite) im Jahre 1517. Wer kann es ihm verdenken, dass er mit 35 Jahren aus dem liederlich klingendem “Martinus Luder”, ein Wortspiel machte und ein Statement setzte.

Wahrlich interessant ist es doch, wie sich das lutheranische, gleichwohl eher reformkatholische, die neu-evangelische und protestantische Weltenansicht in die folgenden Jahrhunderte und deren Seelen hineingeschrieben hat, so dass man heute zwar durch und durch davon geprägt sich fühlt und lebt, ansonsten aber vielleicht mit seiner Institution als Kirche eher wenig zu tun hat.

Selbst die Katholiken leben inzwischen in ihr, sind ein Teil ihres akzeptierten Seins, denn die Ethik, die Wissenschaft, die Politik, die Philosophie, die Musik, Kunst und Literatur, um nur ein paar ihrer Felder zu nennen, sind ganz von diesem Geiste des Aufbruchs durchdrungen und geprägt.
Der große Gulliver hat sich zu drehen begonnen und seine Säfte geraten in Bewegung. Es ist ein zähes Ringen um die Hoheit, um das Allgemeine und das Individuum. Erst wenn die großen zähen Brocken sich gelöst, werden auch die Kapilaren und feineren Strukturen gelüftet, wird ein Licht geworfen, wo die Dunkelheit herrscht. Ein neuer Geist zieht ein und gestaltet seine Umgebung. Dies dauert Jahrhunderte und ist ein schmerzhafter, ja, mitunter tödlicher Prozess, wirft wie alles Neue in seinem Übereifer neue Schatten wo das Licht vergangener Zeiten noch schien.

So findet man das Fort.schritt.hafte im Momentum der Entscheidung es zu gehen, den Bruch zu vollziehen. “Hier stehe ich, ich kann nicht anders.” Damit kann Luther als Mensch beider Systeme, des ausgehenden Mittelalters und der Neuzeit verstanden werden. Durchaus in Vielem noch in der Zähigkeit des Alten verhaftet, doch in der konzeptionellen Lage einer neuen Zeit eine Stimme zu geben. Im rechten Moment die Tür aufzustoßen ohne zu wissen, wohin sie mit dieser massiven Lageveränderung führen würde.

Dies hat den Denkern zu denken gegeben. Gleichwohl sie alle auf den Schultern von Riesen standen; Und deren Rote Fäden trotz aller Umwürfe und Lageveränderungen die Gebilde, die Jahrtausende überdauerten.

Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten.

Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden.

Äußerten wir oben, daß die Geschichte des Menschen den Menschen darstelle, so läßt sich hier auch wohl behaupten, daß die Geschichte der Wissenschaft die Wissenschaft selbst sei. Man kann dasjenige, was man besitzt, nicht rein erkennen, bis man das, was andre vor uns besessen, zu erkennen weiß. Man wird sich an den Vorzügen seiner Zeit nicht wahrhaft und redlich freuen, wenn man die Vorzüge der Vergangenheit nicht zu würdigen versteht. ¹

Einer dieser Fäden ist beschrieben durch die Philosophical Lectures des Samuel Coleridge, bzw seinen Anmerkungen zu Wilhelm Gottlieb Tennemann 12-bändigem Werk: Geschichte der Philosophie, Band VIII., um die 2. Dekade des 19. Jhds.

"Teilen Sie die Menschheit in zwei grosse disproportionale Teile, die Wenigen, die die Fähigkeit kultiviert und gepflegt haben spekulativ zu denken, d.h. durch Reduktion auf Prinzipien; und die Vielen, die entweder aus ursprünglichem Unvermögen oder Gebrechen oder aus Mangel an Kultivierung, nicht in diesem Sinne in der Lage sind, überhaupt zu denken:
und man darf dann, so ist es meine Überzeugung, die vorige Klasse, die beschriebene Minderheit in zwei Unterarten unterteilen, kaum weniger unverhältnismäßig in der vergleichenden Anzahl der in ihnen enthaltenen Individuen, namentlich in die geborenen Konzeptionisten, die geistigen Kinder des Aristoteles und die geborenen Idealisten, oder Ideatae, die spirituellen Kinder Platons.
" ²

²) Samuel Taylor Coleridge (1772 - 1834), englischer Lyriker und Literaturkritiker

Divide Mankind into two very disproportionate parts, the Few who have and have cultivated the faculty of thinking speculatively, i.e. by reduction to Principles; and the Many who either from original defect or deficience, or from want of cultivation, do not in this sense, think at all:
and you may then, according to my belief, subdivide the former class, the illustrious Minority into two species, scarcely less disproportionate in the comparative number of Individuals contained in each, viz. the born Conceptionists, the spiritual children of Aristotle, and the born Ideists, or Ideatae, the spiritual children of Plato.

 

¹) Aus dem Vorwort von Johann Wolfgang von Goethes “Zur Farbenlehre” (1808-1810), die auch Coleridge bezüglich seiner Einteilung durchaus beeinflusste.

Dialogon - Chutneys und Dämonen - 24 hours later

Sep 2017
18

Schweißgebadet, aufgefrischt,
Kampf verloren - Nacht erlischt!

Dämmernd in das Blau des Tages ziehen die Geschwader der Nacht an einem vorbei. Hämisch grinsend.
Die kleinen Teufelchen reiten in meinen Blautöpfen, bemalen und beschmieren ihre Wände, kichern und verkriechen sich wieder in ihren Gläsern.

Don Quichotte © CC, Yelkrokoyade ⇔ Wikipedia

Mein Glaube an das Wahre und Gute hat gelitten auf dieser Reise des Lebens.
Was ist die Wahrheit? Nur ein Gespinst, ein glaubenstechnischer Nebel für das Leben selbst?

Oh mein Kafka, du erklärst die Wahrheit gleichzeitig zum unabdingbaren Lebenselexier, wie zum Leben selbst; bestehend aus den Geschichten, die die Menschen aus ihrem Innern selbst entstehen lassen.

Geschichten, die miteinander verwoben ein unentflechtbares Band von Erzählungen ergeben, einen Kortex, einem wabernden rindenartigen geschwulstigen Etwas in dessen Raume wir uns bewegen und fort.während existierend hineinschreiben.

Unsere Nächte verbringen wir damit Schneisen und Pfade in dieses Dickicht zu hauen, gegen die riesig kreisenden Arme der Riesen zu kämpfen, die doch selbst nichts weiter sind als Windmühlen im Wind der Geschichte(n).

Ich bin durchzogen von Rissen, augenscheinlich und wortwörtlich. Sie sind die Nahtstellen an denen die Vase zu Bruch ging, zersplittert, verletzlich, wegbare Pfade, Abkürzungen im Raum.
Sie halten das wuchernde Geflecht im Zaum, sind die Gräber der Nacht, durch Zauber vernäht um den neuen Tag zu be.gehen.

Es ist der Tag ein neues Chutney zu kochen! Reife Früchtchen kleinzuschnippeln, mit allerhand Zutaten anzureichern, sie mit grundlegender und verfeinernder Geistigkeit zu versehen.
Man muss komponieren mit diesen Zutaten; aufpassen, nicht zuviel an Bitternis, Schärfe, der Süße und des Salzes, dem heimlichen Komplott hinzuzufügen. Auch das Saure ist Teil seiner vollendeten Form.

Den Flammen übergeben dampft es ein, bildet ein fruchtiges Kompott des Lebens, von Spice durchzogener Risse, eingemuster Gedichte.
Verbannt in den Schrank, erzählen sie ihre Geschichten über Jahre, aber des Nachts erwachen die Dämonen, springen bisweilen aus ihren Gläsern und tanzen mit ihren verzogenen Masken, fechten alte Gefechte, besudeln die heilenden Wände.
Dem letzten bißchen verbliebener Würde verbleibt die letzten Gefechte auszufechten, als letzte Verteidigungslinie.

Sind Spuren im Sand
Menschen entsandt.

Ja, Ja!
Ornellas großes Ohr lauscht auf die kleinen Dinge um die großen zu gestalten, denn “Das große Ganze beginnt mit einem Ohr für die kleinen Dinge”. So ist das mit der Welt, sie ist einseitig und man hört so oft nur mit dem einen Ohr hin.

So setzen sich die Geschichten fort. Halb hingehört, ergänzt dazugedichtet und fertig ist ein neues Gespinst, dass seinem Faden, den faden alten Pfaden folgt.

Doch scheint es genau das zu sein, wessen die Menschen bedürfen. Eine gesättige Masse der Mitte. Mit immer neu erhöhtem Familiengeld gekaufte Mehrheiten, die nicht merken, wie sie im eigenen Safte dahinköcheln, ausgenommen mit immer neuen kleinen Flatrates und Neuerungen, die einem das Geld wie an einer Zugschnur aufgeperlt auf der anderen Seiten wieder hinausziehen.

Neue Wohnviertel hübsch und glatt und mit allen Annehmlichkeiten versehen, doch ohne Leben, ohne Facetten, geeignet ihren schmorigen Dienst zu tun, so dass es den Bewohnern schon recht vorkommt, wenn sie die Farben des Lebens nur noch mit den jeweiligen Jahres-Modefarben der “Lacoste” Hemden und des täglich schimmernden “Hugo” auf ihrem Bistro-Tisch verwechseln. Ein Hoch auf diese Annehmlichkeiten, alles ein wenig Bio und Hip, bärtig urige Crafter als Lieferanten des neuen Lebensgefühls.

Die gesellschaftlichen Ränder sind dann entweder der unter den Teppich gekehrte Schmutz, der an allem sowieso keine Teilhabe mehr hat; denn die Annehmlichkeiten der Mitte sind ihnen unbezahlbar. Oder es sind die völlig abgehoben Superreichen einer anderen Welt. Unreguliert und uneinholbar, nicht zu greifen, da sie mit keiner zaghaften Begrenzung zu fassen sind; globales Treibgut, Schaum einer Gesellschaft, gefangen in ihrer eigenen Blubberblase.

Diese vermakelte Mitte merkt gar nicht wie sie am Tropfe hängt und nur noch selbstvergessen ihrem hippen Dasein frönt, ganz ihrem Smartphone angehörig, das sie willenlos dahinsteuert. Eine Art von Massenhypnose. Oanzapft iss! Wie sagte schon Hegel?

Sie anerkennen sich, als gegenseitig sich anerkennend.

Über allem schwebt der Weltenhumor. Und das ist gut so. Denn sonst wäre es unerträglich!