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Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung

Jul 2026
27

Über Imperien und das archaische Athen - ihrer Animo für Spektakel und Theatralik

Es gibt unter den Mythen und Erinnerungen meiner frühen Kindheit Geschichten, die mein ganzes Leben dergestalt geprägt haben, dass ihre innere Fragestellung, ihre Essenz immer wieder in mir auftauchten und noch auftauchen; mir begegneten; manchmal ganz unvermutet.

Zwei von ihnen sind: “Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral” mit der ungestellten Frage an Anfortas und “Der Trank des Schierlingsbechers” durch Sokrates. Beide berühren mich stark; bis heute. In meinen Erinnerungen muss ich ihnen sehr früh begegnet sein, nicht durch Erzählungen sondern selbstgelesen, so dass ich wohl doch im eigentlichen Sinne kein Kind mehr gewesen sein kann. Sie haben aber dass innere Kind angesprochen und sind dort all die Jahrzehnte wohl verwahrt worden. Selbst die größten Beschädigungen des Lebens, zerbrochener Kronleuchter, konnten ihrem inneren Kern nichts anhaben.

Sokrates, ein wahrer Anarchist im Denken der Etablierten. Er glaubte daran, dass nur gute Politik betrieben werden könne, wenn man den Einzelnen nur ereichte und verbesserte. Deshalb ging er hinaus und sprach auf den Plätzen und Straßen Athens. Die Jugend hing an seinen Lippen und er war berüchtigt durch gezieltes Fragen die Menschen zur Selbsterkenntnis zu führen. Das freie Denken aber macht Unabhängig. Und, “Das freie Denken kann man töten, aber nicht besiegen”. So ist seine Verurteilung (in der damals üblichen Form) ein Lehrstück das die Zeit überdauerte. Er hätte sich selbst vom Tode freisprechen können indem er seiner Verurteilungsklage einen Gegenvorschlag entgegengesetzt hätte, doch er verzichtete und wurde zum Tode verurteilt. Platon machte daraus die zwei Bücher des Phaidon, und gründete nach seinem Tod die Schule der Philosophen, die berühmte Akademie von Athen, aus deren Mitte Aristoteles weit hervorstrahlte und sich in seinem Denken zum Yang der Geisteswelt machte. Platons Ying und Aristoteles Yang überdauerten die Zeiten, wir haben uns schon mit ihnen beschäftigt. Heute, am 27. Juli, jährt sich der Tag an dem Sokrates zu seinem Denken, zu seiner Unabhängigkeit stand - im Jahre 398 v. Chr. - und, in einer eindrücklichen Erzählung, den Schierlingsbecher bis zur Neige leerte.

Dieser Becher wurde zum Symbol, zum Symbol zu seinen Überzeugungen zu stehen, sich selbst treu zu bleiben. Platon überlieferte uns was uns über Sokrates bekannt ist, machte aus dem Redner einen Ewigen, einen Überzeugenden und Überzeugten, dessen Entitäten, seine Kronleuchter, noch hell und strahlend an ihren Decken hingen.

Da steh’ ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor...

Parzival irrte herum, getrieben von der ungestillten Suche, naiv bis ins Mark, ein Kind das im entscheidenden Moment versagt und die Frage nicht stellt, wieder hinaus getrieben wird, neue Runden auf seinem Erkenntnisrad zu drehen, bis es ganz bereit ist das Moment zu nutzen, dem Mitleid Worte zu verleihen. Es ist der entscheidende Augenblick selbst, aber auch das Ergebnis von vorangegangenen Mühen, von Abwegen und Geduld. Für Aristoteles ist dieser Moment (Kairos) ‘das Gute in der Zeit’, für die Sophisten ein Stil in der Rhetorik, einer Kunstform, für andere, wie Platon und Aristoteles selbst aber eine Methode, ein Mittel, um andere zu manipulieren. Es gilt also Geistesgegenwärtig zu sein, den Pfeil abzuschießen wenn er reif ist; nicht zu zögern. Wir könnnen es also als ein kummulatives Element betrachten, aber auch als ein Ergebnis vorangegangener Werdung. Wir können es als ‹ Gutes in der Zeit › und als ‹ Dolchstoß › betrachten, als erlösende Hilfe ebenso wie als vernichtende Zerstörung. Dieses Momentum jedenfalls, ist pfeilschnell wie der Wind, kaum erkannt und schon vorbei, spitz wie Jener, und nur im rechten Moment zu erwischen. Es ist ‹ die Gelegenheit beim Schopfe packen › aber nicht von Hinten, weshalb der flinke Herr - nebst geflügelten Schuhen - ein kahles Haupt, aber mit einer Haarlocke über der Stirn trägt, die man unmittelbar ergreife.

Erich Kästner postet treffend: Sokrates zugeeignet / Es ist schon so: Die Fragen sind es, / aus denen das, was bleibt, entsteht. / Denkt an die Frage jenes Kindes: / »Was tut der Wind, wenn er nicht weht?«

Die Anatomie einer Selbstzerstörung: Was uns Thukydides über Populisten, Oligarchen und die Krisen der Gegenwart lehrt

Wenn wir heute über die „Krise der Demokratie“ sprechen, blicken wir meist auf die Bildschirme unserer Gegenwart: auf algorithmisch angefeuerte Echokammern, schrille populistische Redner und das subtile, aber stetige Abwandern politischer Macht in die Hände einer globalisierten, superreichen Elite. Wir neigen dazu, diese Phänomene als Krankheiten des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Doch das wirksamste Lehrstück über diese Dynamiken wurde vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben.

Jedem Interessierten seien hier die wundervoll eindrücklichen Vorlesungen, inbesondere „Pericles and the Peloponnesian War (Thucydides, Pt. 4)“ von Professor Barth, an der Arizona State University in den USA empfohlen. Solange solche Lehrer lehren und ihre Zuhörer finden, darf mir nicht bange werden!

In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges seziert der athenische Historiker Thukydides den Untergang der attischen Demokratie. Er hinterließ uns kein bloßes Geschichtsbuch, sondern – in seinen eigenen Worten – ein „Besitztum für immer“ (ktēma es aiei), eine überzeitliche Blaupause dafür, wie eine freie Gesellschaft sich unter dem Druck von Krisen, Demagogen und internen Spaltungen selbst zerfleischt.

1. Vom Staatsmann zum Demagogen: Die Stunde der Populisten

Der Wendepunkt für die athenische Demokratie war laut Thukydides nicht der Ausbruch des Krieges gegen Sparta im Jahr 431 v. Chr., sondern ein innerer Verlust: der Tod des Perikles. Thukydides beschreibt Perikles als einen Mann, der die Masse führen konnte, ohne ihr nach dem Mund zu reden.1 Unter ihm war Athen „namentlich eine Demokratie, in Wirklichkeit aber die Herrschaft des ersten Mannes“.2 Perikles besaß die Autorität, das Volk zu zügeln, wenn es übermütig wurde, und es aufzurichten, wenn es verzweifelte. Denken Sie an seine berühmte Gefallenenrede; einer Rede zur Ehre der Toten, die ihr Leben für Athen riskiert und geopfert haben. Sie handelt von Rechtstaatlichkeit und Gesetz und mahnt die Athener zur aktiven Teilhabe an der Demokratie.

„Jeder Mann von Verstand wird einsehen, dass der Tod, wenn er unbemerkt zu einem Mann bei voller Kraft und mit Hoffnung für sein Land kommt, nicht so bitter ist wie eine elende Niederlage für einen weich gewordenen Mann.“

Nach seinem Tod im Jahr 429 v. Chr. entstand ein Machtvakuum, das eine neue Generation von Politikern füllte: die Demagogen (wörtlich „Volksführer“).3 Männer wie Kleon oder später der schillernde Alkibiades besaßen nicht mehr die moralische Integrität des Perikles.4 Um an die Macht zu kommen, kehrten sie das Verhältnis um: Sie führten das Volk nicht mehr, sondern ließen sich von den Launen der Masse treiben, die sie zuvor selbst aufgestachelt hatten.1

Die Parallele zu Heute

Populismus funktioniert heute exakt nach dem thukydideischen Muster des Kleon. Wo Perikles auf Mäßigung und langfristige Strategie setzte, bedienen moderne Populisten die Affekte: Wut, Kränkung und die Sehnsucht nach einfachen Sündenböcken.5 Sie inszenieren sich – wie Kleon im berühmten Mytilene-Debattenschluss – als die „wahren Stimmen des einfachen Mannes“ gegen eine vermeintlich abgehobene, intellektuelle Elite. Das Ergebnis ist eine Politik des permanenten emotionalen Ausnahmezustands, in der rationale Argumente als Schwäche oder Verrat diffamiert werden.6

2. Die Instrumentalisierung der Krise: Die Sizilische Expedition

Wie gefährlich diese populistische Dynamik wird, zeigt das dramatischste Kapitel bei Thukydides: die Entscheidung zur Sizilischen Expedition (415 v. Chr.). Angetrieben von der rhetorischen Brillanz und dem grenzenlosen Egoismus des jungen Alkibiades, verfiel die athenische Volksversammlung in einen kollektiven Rausch. Alkibiades versprach unermesslichen Reichtum und die totale Vorherrschaft.

Warnende Stimmen, wie die des besonnenen Generals Nikias, wurden als feige und unpatriotisch niedergeschrien. Thukydides notiert bitter, dass das Volk für das ferne Sizilien stimmte, ohne überhaupt zu wissen, wie groß die Insel war oder wie viele Menschen dort lebten. Die Expedition endete in einer totalen Katastrophe; die athenische Flotte und Armee wurden vernichtet.5

Populistischer Rausch (Alkibiades) 
  ➔ Überheblichkeit & Ausblendung von Fakten 
  ➔ Strategische Katastrophe (Sizilien) 
  ➔ Kollektives Trauma & Destabilisierung der Institutionen

Dieses Muster wiederholt sich in der Moderne. Wenn populistische Bewegungen komplexe geopolitische oder ökonomische Realitäten ignorieren und stattdessen radikale, vermeintlich “einfache” Lösungen versprechen, führen sie Demokratien in moderne „Sizilische Expeditionen“. Das kollektive Erwachen aus dem Rausch hinterlässt eine tief traumatisierte, misstrauische Gesellschaft, deren Vertrauen in die eigenen Institutionen nachhaltig zertrümmert ist.

3. Der Schatten der Oligarchen: Das Ausnutzen der Instabilität

Die Zerstörung einer Demokratie durch den Populismus ist jedoch meist nur die erste Phase. Die zweite gehört den Oligarchen.

Nach der Katastrophe von Sizilien war Athen geschwächt und tief gespalten.2 Diesen Moment der maximalen Instabilität nutzte eine Gruppe reicher, oligarchisch gesinnter Bürger.3 Im Jahr 411 v. Chr. inszenierten sie einen Staatsstreich und errichteten das Regime der Vierhundert – eine Herrschaft der Wohlhabenden, die die demokratischen Rechte drastisch beschnitt.7 Später, nach der endgültigen Niederlage Athens, installierte Sparta die Schreckensherrschaft der „Dreißig Tyrannen“.

Thukydides zeigt uns hier eine bittere Wahrheit: Populismus und Oligarchie sind keine Gegensätze;
sie sind siamesische Zwillinge im Prozess des demokratischen Verfalls.
1

  • Der Populismus höhlt die demokratische Kultur von innen aus, polarisiert die Gesellschaft und lähmt die Handlungsfähigkeit des Staates.

  • Die Oligarchie nutzt dieses Chaos, um sich im Hintergrund die tatsächliche Macht zu sichern.

Die Parallele zu Heute

Unsere Gegenwart ist geprägt von einer subtilen Form dieser Oligarchisierung. Superreiche Akteure, Technologie-Giganten und mächtige Wirtschaftsnetzwerke operieren oft jenseits demokratischer Kontrolle.8 Sie nutzen die politische Lähmung und Polarisierung, die durch populistische Kulturkämpfe entsteht, um Steuersysteme zu ihren Gunsten zu beeinflussen, regulatorische Rahmenbedingungen auszuhebeln und politische Entscheidungen zu kaufen.2 Während die Masse sich über populistische Scheingefechte zerstreitet, verlagert sich die echte Gestaltungsmacht in die Hinterzimmer des großen Geldes.9

4. Die Kernzelle des Verfalls: Die sprachliche und moralische Perversion (Stasis)

Das tiefste und erschreckendste Lehrstück des Thukydides findet sich in seiner Analyse der Stasis (des Bürgerkriegs) auf der Insel Korfu. Hier beschreibt er, wie die politische Polarisierung zwischen Demokraten und Oligarchen die menschliche Natur korrumpiert und die Sprache selbst zerstört:

„Auch die gewohnte Bedeutung der Worte in Bezug auf die Taten änderte man nach eigenem Ermessen. Kopflose Verwegenheit galt nun als treue Kameradschaft, vorsichtige Zögerlichkeit als feige Ausflucht, Maßhalten als Deckmantel der Unmännlichkeit.“

Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, kollabiert das Fundament jeder Demokratie: das gemeinsame Verständnis von Wahrheit, Recht und Anstand. Die politische Arena ist dann kein Ort des Diskurses mehr, sondern ein Schlachtfeld, auf dem der Kompromiss als Verrat gilt und die totale Vernichtung des politischen Gegners das einzige Ziel ist.

Genau an diesem Abgrund steht die moderne Demokratie im Zeitalter von Fake News, “alternativen Fakten” und einer radikalen Polarisierung, die den politischen Mitbewerber zum existentiellen Feind erklärt.4 Wenn Begriffe wie „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“ je nach politischem Lager ins exakte Gegenteil verkehrt werden, wiederholen wir das korfiotische Drama auf globaler Bühne.

Thukydides als Weckruf

Das Lehrstück, das uns Thukydides erteilt, ist von grimmiger Nüchternheit. Demokratien sterben selten durch den Angriff von außen; sie sterben an ihren eigenen, inneren Krankheiten. Sie gehen zugrunde, wenn das Volk verlernt, zwischen staatsmännischer Klugheit und populitischer Schmeichelei zu unterscheiden. Sie gehen zugrunde, wenn die wirtschaftliche Ungleichheit so groß wird, dass oligarchische Interessen das Gemeinwohl ersticken. Und sie gehen zugrunde, wenn die Sprache des Hasses die Sprache der Vernunft ersetzt.

Thukydides war kein Optimist, aber er war ein Realist. Seine Chronik des Niedergangs ist kein Todesurteil für die Demokratie, sondern ein dringlicher, über Jahrtausende hallender Warnruf: Eine freie Gesellschaft bleibt nur so lange frei, wie ihre Bürger bereit sind, die Anstrengung der Vernunft gegen die Verlockungen der Demagogen zu verteidigen.

Lassen Sie dies ein wenig nachhallen... Wollen wir uns wirklich ergeben...?

In Perikles letzter Rede an seine Athener sehen wir wie alles in einer einzigen großen Warnung kulminiert: „Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man hat. Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man besitzt, als bei dem Versuch zu scheitern, mehr zu gewinnen. Haltet fest an eurer Freiheit.“ Hören Sie Professor Barth zu wenn er den heutigen Imperien ins Gewissen spricht, über Perikles Demokratien davor warnt, sich aufzugeben! Eindrücklichst!

Ein Raum im Matrixgefüge von Begriffen, die Zeit und Sprache verbinden

Interessant an diesem Gerangel, wie Athen, nach kurzer Blüte selbst imperialer Tyrann, versuchte, das einzig verbliebene freie Eiland Melos in die Knechtschaft zu zwingen und sich darauf folgender Dialog entspann:

1. Die Realität von Macht vs. Gerechtigkeit

  • Athener: Wir werden keine Zeit mit schönen Reden über Gerechtigkeit oder das Wiedergutmachen vergangener Fehler verschwenden. Sie wissen genau wie wir, dass in der realen Welt Gerechtigkeit nur eine Frage zwischen Gleichstarken ist. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.

  • Melier: Selbst wenn wir die Gerechtigkeit beiseitelassen und nur über Eigennutz sprechen, liegt es in Ihrem Interesse, den allgemeinen Schutz aller Menschen nicht zu zerstören – nämlich das Recht eines Menschen in Gefahr, eine faire Behandlung zu erwarten. Wenn Sie fallen, wird Ihr Sturz ein schreckliches Beispiel für die Welt sein.

2. Neutralität und Reputation

  • Melier: Warum können wir nicht einfach neutral bleiben? Wir wollen Freunde statt Feinde sein, aber Verbündete keiner Seite.

  • Athener: Nein. Ihre Neutralität schadet uns mehr als Ihre Feindseligkeit. Für unsere Untertanen sieht es so aus, als wären wir zu schwach, um Sie zu erobern, wenn wir Sie in Ruhe lassen. Ihr Hass beweist unsere Macht; Ihre Freundschaft wäre ein Zeichen unserer Schwäche.

3. Hoffnung, Ehre und die Götter

  • Melier: Sich sofort zu unterwerfen bedeutet, sich völlig aufzugeben. Wenn wir kämpfen, gibt es immer noch Hoffnung, dass wir uns behaupten können. Wir vertrauen darauf, dass die Götter uns begünstigen werden, weil wir als Gerechte gegen Ungerechte kämpfen, und wir vertrauen darauf, dass unsere spartanischen Verbündeten kommen werden, um uns aus Ehre zu retten.

  • Athener: Die Hoffnung ist ein teures Gut, das diejenigen ruiniert, die alles auf eine Karte setzen. Was die Götter betrifft: Wir tun nichts, was dem Glauben der Menschen über den Himmel widerspricht. Es ist ein notwendiges Naturgesetz, dass die Starken herrschen, wo immer sie können. Wir haben dieses Gesetz nicht gemacht, wir befolgen es nur. Und was die Spartaner betrifft – sie achten vor allem auf ihren eigenen Vorteil. Sie werden sich nicht für Sie in Gefahr bringen.

Das Ergebnis:

Die Melier weigerten sich zu kapitulieren. Die Athener belagerten die Insel, nahmen sie schließlich ein, richteten alle erwachsenen Männer hin, verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten sie mit ihren eigenen Kolonisten neu.

Tiefes Durchatmen - Was folgern wir daraus?

Ähnlich Sokrates der dies für sich allein entschied, war der heroische Kampf der Melier ein verlorener Kampf, mit schrecklichen Folgen. Doch so zwingend wie folgerichtig. Nur weil die Starken stark sind, müssen die Schwachen nicht erleiden was sie müssen. Wasser ist weich und dennoch zwingt es das Härteste, das wissen wir seit Laotse. Aber es kann dauern. Wir müssen Verluste hinnehmen; auch unsere Eigenen. Alles eine Frage der Haltung !

Spektakel und Theatralik haben und hatten wir zur Genüge. Mache sich Jeder seinen eigenen Reim darauf...! 🙂

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Psychogramm einer Wahl

Sep 2021
26

Warm dringt das letzte Herbstlicht durch die ungewaschenen Fenster und strahlt auf den Wahlzettel. Ich hätte auch sehr früh schon gehen können, doch wie immer kommen einem verhangene Fetzen in den Sinn die alles unbestimmt nach hinten schieben. Habe ich wirklich eine Wahl?

Soviel ist mir inzwischen klar, solch eine Wahl ist keine Wahl zwischen zukünftigen Dingen und Menschen die ich tatsächlich direkt beeinflusse, die eine Wahl für mich ist. Ich bekomme nur etwas vorgesetzt aus dem ich auswählen kann. Und selbst das ist unbestimmt! Da kann man zum einen Leute direkt mit einem ausreichenden Mandat ausstatten, die keiner - geschweige denn ich - persönlich kennt. Mea Culpa! Sie sind aber auch auf bestimmte Ränge und Plätze gestellt, so dass auch ihre “Wahl” eher die vorbestimmte Auswahl einer bestimmten Interessengruppe ist. Reden wir mal nicht von den Weiteren, die sich zum Teil als möchtegern Imperative verstehen, und doch auch nichts weiter als Aushängeschilder einer bestimmten und meist etwas verworrenen Interessengruppe sind. Ihr oft einziger Vor- bzw Nachteil ist, dass sie keiner registrierten Partei oder Fraktion angehören und im Weiteren deshalb auch nicht viel zu melden haben werden. Sie sind aber versorgt; nicht schlecht!
Zum anderen gibt es Parteien aus-zu-wählen, die freundlich um meine Stimme als Blankoscheck bitten, nach dem Motto: “Macht damit was ihr wollt”!

Jede Wahl ist also ein eher unbestimmtes Mandat für eine Gruppe, die über die Modalitäten ihrer Zusammensetzung augenscheinlich selbst bestimmt und sich dem direkten und verantworteten Mandat eines Wahlbürgers zu entziehen sucht. Um sicher zu gehen, haben sie das Modell der Ausgleichsmandate erfunden. Herrlich! Damit lässt sich die etwas dümmliche Wählerschaft wunderbar vorführen. Ihr einziger Nachteil ist, dass es letztendlich die Menge der Parlamentarier im Hohen Hause aufbläht und immense zusätzliche Kosten verursacht — und so letztlich doch irgendwie wieder auffällt. Aber ACH, paperlapapp das wird ja aus dem Steuersäckl bezahlt. Müssten die Parteien ihre zusätzlichen Parlamentarier selbst bezahlen, aus einem fest definierten Budget der eigentlichen festgelegten Menge, das heißt, sich selbst beschneiden, wäre es schnell aus damit. Nee nee, 🙂 aber man wird ja nochmal träumen dürfen! Jedenfalls fragt man nicht die Frösche wann und wieviel man den oder vom Teich ablassen kann.

Da sie - unsere Politiker - also so handeln, darf es nicht wundern, dass ganz allgemein der Staat, bzw seine Finanzen als ein unendlicher Topf für Zugriffe von Interessen, für unendlich unverschämte, geradezu kleptographisch räuberische Plünderungen angesehen wird. Warum sollten Firmen, Verträge, ganz allgemein Menschen diesbezüglich mit angezogener Bremse, dem Allgemeinwohl verflichteter Gesinnung handeln, wenn ihnen dies von ihren Parlamentsvertretern nicht vorgelebt wird? Milliarden werden verpulvert; ohne Konsequenzen! Es schüttelt einen, je mehr man darüber nachdenkt, und so nimmt es nicht Wunder, dass viele Wähler gar nicht mehr wählen und alles einfach geschehen lassen.

Ich nicht! Denn ich gehöre zu einer Generation die wenigstens die innere Pflicht fühlt einer Wahl, und sei sie noch so unvollkommen, nachzukommen. Es gibt nichts anderes und die Auswahl an entsprechenden Alternativen ist sehr begrenzt! Was sie ersetzt, zeigt uns Geschichte; Leider!

Man nennt es Demokratie — Herrschaft des Volkes. In unserem Fall, repräsentative Demokratie, da wir ja zu viele und zu blöd sind etwas direkt entscheiden zu können. Außerdem kommt es der Neigung des Menschen entgegen, unbestimmt und verantwortung-s-los zu sein, haben wir doch mit dem Leben selbst schon genug zu tun.

Nun wäre es zu einfach den Schluss zu ziehen, dass sie, die Politiker, unsere spiegelbildlichen Vertreter an allem Schuld und Auslöser dieser Zustände wären. Sie bilden aber nur ab, was wir sind! Oder eben einen Teil dessen, was wir selber sind. Darüber mache ich mir keine Illusionen.

Habe ich also eine Wahl? ... Hmm! ... So und jetzt gehe ich wählen...! Später mehr dazu.

Der Chinese kichert und schüttelt das laotische Haupt – aus dem die Bitcoins purzeln – angesichts dieser Umstände. Der russische Bär lacht sich ins grimmige Fäustchen, während noch schnell ein paar vorgefertigte Wahlzettel im aufgetauten Permasumpf entsorgt werden. Uncle Sam, der Kapitalist nimmt ein erfrischendes Bad in seinem Geldspeicher und singt: “Money makes the world go round”. Captain Kirk sieht endlich seiner Erstumrundung entgegen, und Jeff grinst sich einen. Der Taliban ist auch nur ein Mensch und dreht freudestrahlend ein paar Runden im Autodrom. Alles ist gut!

Quax, der Bruchpilot, Maurice, meint dagegen nur: „Frischer Fisch aus dem Nil und Kaffee, in dem der Löffel stecken bleibt: Das ist es doch, worauf es im Leben ankommt.

Am nächsten Tag herrscht Kater. Schwarzer Kater. Aber alle sind irgendwie erleichtert, dass sie nun wieder unter sich sind. Das Spiel beginnt, die Krämer kramen! Alte Rechnungen und spitze Messer werden gezückt und vorerst wieder weggesteckt. Sie zeigen aber wer der Hase und die Meute ist.

Die Absurdität der ausgeklügelten gegenseitigen Wägung im 2-Stimmen Wahlsystem wird überdeutlich, dass bestimmte Menschen definitiv abgewählt wurden und dennoch wieder einziehen. « Schließlich wollen wir so tun als ob wir dich respektieren, lieber Wähler, aber dann doch nicht wirklich im Ernst, oder?! Das hätte ja schmerzhafte persönliche Konsequenzen. Das kann doch keiner wollen! Da wir es also besser wissen, nehmen wir uns was uns zusteht. »

In einem anderen Fall wird eine Zulassungs-Begrenzung als Partei zwar gerissen und doch sind deren 3 Bewerber, ausgeschrieben “drei ” (!), als Direktmandate dennoch hinein gewählt. Zum Ausgleich für diese Ungerechtigkeit bekommt diese Partei 36 - sechunddreißig - Ausgleichsmandate hinzu. Nun kann man sogar eine Fraktion bilden und hat automatisch mehr Rechte und mehr Geld zur Verfügung. Unsere Lederhosen jedenfalls wissen davon ein Lied zu singen.

Es locken Posten und Kronen und das Vergessen. Dann kann das Spiel erneut beginnen.

Sie verstehen? Ein geniales System, es sichert Existenzen, Pfründe, Machtoptionen, es schafft sich seine eigene Welt, eine Blase, die nun während der folgenden vier Jahre von allerlei Interessen und Gruppen weiter genährt und gepflegt wird. Hinter den Mauern – abgeschirmt von den Fährnissen des Lebens – werden gerade die Entscheidungsträger und ihre Zuarbeiter in einen volatil gesättigten Zustand gebracht, schwebend über den Dingen mit den komplexen Bedürfnissen einer bestimmten Klientel bearbeitet, die Schrecken einer wesentlichen Veränderung an die Wand gemalt, bis es dasteht, das Gespinst eines Buffets, dass sich nicht mehr von selbst erneuert; Beschrieben das Grauen eines zukunftsleeren Tisches, dem knurrenden Magen das Entsetzen des Ausbleibens der steten Befüllung, der dürstenden Seele die Abstinenz edler durchgeistender Tropfen. Schon sieht er es verdampfen, verdunsten, sich in Luft auflösen, einem hageren Gespenste — der WIRKLICHKEIT — weichen ... Nein! DAS kann er nicht zulassen!

Wie sich unser Demo.krat an diesem Punkt seines Werdens entscheidet, ist nicht schwer zu erraten. Er bleibt sich treu und verrät doch seine ursprüngliche Intention eines Volks-Vertreters, so er jemals eine solche hatte. Das Wahl-Volk wird auf einmal unbestimmt und verdunstet ihm vor Augen, es ist ja auch so wankelmütig, da er ja das wahre Volk in Konkretum verdichtet vor Augen hat. Es hat seine wirtschaftlichen Nöte. Es muss also bei Laune gehalten werden. Da es dasjenige Volk ist, das den Staat und damit auch unseren Vertreter ernähret, kann es nicht falsch sein es zu schützen. Man ist unter sich. Unter Seinesgleichen!

Denken Sie nur an die VW-Betriebsräte; sie sind hohe Manager und werden von ihresgleichen anerkannt und gleichermaßen entlohnt. Alleine ihnen eine Vorteilsnahme zu unterstellen grenzt an völligem Unverständnis. Es ist ein Prinzip! Und gilt ebenso in der Politik! Und so entstehen an solchen Orten enge Freundschaften und stabile Verbindungen, gesellschaftlicher Austausch, bis hin zur gegenseitigen Hilfe und Vorteilnahme. Der Übergang in die gekaufte Republik ist fließend! Und so wird sehr schnell, nur aus dem davorgesetzten Stand.punkt und Artikel, aus der Herrschaft des Volkes, aus Demos “Volk” und kratein “herrschen” — “Das Volk beherrschen”.

Wie sonst ließe sich der Pathos und die Überheblichkeit erklären mit der Politiker - wo es doch so gänzlichst gar nicht ihre Art ist - plötzlich zum Wohle aller wirkmächtige Dinge beschließen, von deren Anspruch und Folgen sie meist wenig Ahnung haben und nie wissen, wie sie einst aus diesem angerichteten Schlamassel wieder herauskommen; sei es am Hindukusch, in der schleichenden Aushöhlung der freiheitlichen Grundrechte im Kampf gegen den Terror, oder eben in Pandemiezeiten. Alles aus gutem Grund und doch grundfalsch im Ergebnis. Die Geschichte zeigt es immer wieder.

Meist läuft es doch so, wenn der Demokrat sich endlich in die Höhen eines Ministeramtes gebracht hat: Tue wenig bis gar nichts und niemand kann dir ans Leder. Sollte es dennoch soweit kommen, dass man gezwungen ist zu handeln, haben sich obskure 10-Punkte Pläne bewährt, die so lange medial durchgeritten werden, bis jederman denkt, sie wären tatsächlich dafür da etwas konkret zu bewirken. Sobald sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit einer nächsten Krise zuwendet - und das ist gewiß - ist die Gefahr vorüber und der Plan wird bis zum nächsten Ereignis in die Dunkelheit der Schubladen zurück gelegt. Solche Ereignisse zu handeln gehört heute zum politischen Handwerk. Hat man an ein, zwei Stellschräubchen gedreht, kann alles so weiter laufen wie bisher und weiterer Schaden ist erfolgreich vermieden und abgewendet.

Schlimmer ist, wenn die Krisen anhalten und wirklich etwas getan werden muss. Dann sieht sich unser Vertreter plötzlich gezwungen zu handeln und etwas auf die eigene Kappe zu nehmen. Alles unter der medial scharf-gerichteten Aufmerksamkeits-Bestrahlung der Öffentlichkeit. Dies ist ein sehr unangenehmer Zustand. Denn das Ende ist womöglich offen und unvorhersehbar. Also folgt man einer Erzählung und bleibt ihr treu. Solch ein Narrativ ist wohl das einzige was hilft — und Zeit. Längst hat die — WIRKLICHKEIT — das Narrativ überholt und doch herrscht nackte Angst es anzupassen, sich wieder in das Unbestimmte zu ergeben; die Folgen zu tragen. Der Demo.krat ist schließlich auch nur ein Mensch!

Nun tut man natürlich all denjenigen Unrecht die sich ihre Gesinnung bewahrt haben und aufrecht gegen die Mühlen ankämpfen. Sie sind aber im Strom der Wahrnehmung eher die Ausnahme als die Regel. Einsame Don Quichotes, meist eher von den eigenen Leuten vom Hofe gejagt, als vom Wähler mißbilligt.

Wer setzt sich nun durch? Zum Einen die Jäger, die Narzisten, die genügend Skrupellosigkeit mitbringen ein paar Opfer auf ihrem Wege zu hinterlassen. Sie sind Kämpfer, und Psychopaten und ihr Platz, die Arena. Doch werden sie auch ebenso schnell aus dem Wege gerollt wenn ein neuer Platzhirsch die Herde beansprucht; ihr eigener Zenit an Machthunger überschritten ist. Dann gibt es die ruhend Sit.ZEN.den. Sie überstehen oft lange und schadlos die Wirren der Tagesgeschäfte, aus denen sie sich heraushalten, die Nächte der langen Messer, denn sie nutzen eine besondere Form der Machtausübung, die seit dem amerikanischen Politologen Joseph S. Nye gemeinhin als Soft Power gegenüber der Hard Power bezeichnet wird. Verkürzt in etwa: Eine kulturelle Attraktivität des ideologischen Narrativs. Sie geht nicht gegen an, sondern nutzt das Vertrauen als Basis. Sie hören so lange zu bis sich ein Weg abzeichnet, der in der erschöpfenden Entkräftung der Kontrahenten einen Lösungsweg ergibt. Ihre Hard Power ist diejenige, die ihre Kontrahenten bei ihnen für möglich halten, nicht aber deren konkrete Anwendung. Ihr wahrer Schatz liegt in der Attraktivität ihrer “Vision”. Dies kann gänzlichst ohne eine solche auskommen. Aber es ist die Nutzung der positiven Kraft, also eine Entgegennahme, ganz ein wenig so wie es die östlichen Kampfkünste vermitteln. Jeder kriegerische Akt ist ein Akt der Gewalt, der Zerstörung. Darauf kann nichts bauen! Hinwendung und Verwandlung sind die Kennzeichen eines großen Staatskünstlers. Auch ein solcher hinterläßt so manchen Psychopaten ausgelaugt und entnervt am Wegesrand, doch nicht aus Zerstörung, sondern aus Entkräftung!

Ach du grüne Neune! Jetzt habe ich mich doch tagelang etwas hinreißen lassen und sehe schon einen schier unendlichen Weg des weiteren Beschreibens vor mir. Aber Sie sehen worauf ich hinauswollte. 😅 Ich anerkenne die Kunst so lange regiert zur haben, ohne dass einen am Ende ein Brutus das Licht auslöscht! Respekt!

 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

 

DAS LIED VON DER MOLDAU, Bertolt Brecht

So long..!

» Hab’ ich es denn Euer Gnaden nicht gesagt, es seien Windmühlen, und das könne nur der verkennen, der selber welche im Kopf habe? «  M. de Cervantes, Sancho Panza an seinen Don

Ham se schon jewählt...?

Sep 2021
06

Kurt Tucholsky - “Ein älterer, aber leicht besoffener Herr” (1930)

"Wie Sie mir hier sehn, bin ick nämlich aust Fensta jefalln. Wir wohn Hochpachterr, da kann sowat vorkomm. Es ist wejn den Jleichjewicht. Bleihm Se ruhich stehn, lieber Herr, ick tu Sie nischt - wenn Se mir wolln mah aufhehm... so... hoppla... na, nu jeht et ja schon. Ick wees jahnich, wat mir is: ick muß wat jejessen ham...!

Jetrunken? Ja, det auch... aber mit Maßen, immer mit Maßen. Es wah - ham Sie ‘n Auhrenblick Sseit? - es handelt sich nämlich bessüchlich der Wahlen. Hips... ick bin sossusahrn ein Opfer von unse Parteisserrissenheit. Deutschland kann nich untajehn; solange es einich is, wird es nie besiecht! Ach, diß wah ausn vorjn Kriech... na, is aber auch janz schön! Wenn ick Sie ‘n Sticksken bejleiten dürf... stützen Sie Ihnen ruhig auf mir, denn jehn Sie sicherer!

Jestern morjen sach ick zu Elfriede, wat meine Jattin is, ick sahre: “Elfriede!” sahr ick, “heute is Sonntach, ick wer man bißken rumhörn, wat die Leite so wählen dun, man muß sich auf den Laufenden halten”, sahr ick - “es is eine patt... pathologische Flicht!” sahr ick. Ick ha nämlich ‘n selbständjen Jemieseladn. Jut.

Kennen Sie Jöbbels?

Sie packt ma ‘n paar Stulln in, und ick ßottel los. Es wird ein ja viel jebotn, ssur Sseit... so ville Vasammlungen! Erscht war ich bei die Nazzenahlsosjalisten. Feine Leute. Mensch, die sind valleicht uffn Kien! Die janze Straße wah schwarz... un jrien... von de Schupo... un denn hatten da manche vabotene Hemden an... dies dürfen die doch nich! “Runta mit det braune Hemde!” sachte der Wachtmeister zu ein. “Diß iss ein weißes Hemde!” sachte der. “Det is braun!” sachte der Jriene. Der Mann hat ja um sich jejampelt mit Hände und Fieße; er sacht, seine weißen Hemden sehn imma so aus, saubrer kann a nich, sacht a. Da ham sen denn laufen lassen. Na, nu ick rin in den Saal. Da jabs Brauselimmenade mit Schnaps. Da ham se erscht jeübt: Aufstehn! Hinsetzn! Aufstehn! Hinsetzn! weil sie denn nämlich Märsche jespielt ham, und die Führers sind rinjekomm - un der Jöbbels ooch.

Kenn Sie Jöbbels? Sie! Son Mann is det! Knorke. De ham die jerufen: “Juden raus!” un da habe ick jerufen: “Den Anwesenden nadhierlich ausjenomm!” un denn jing det los: Freiheit und Brot! ham die jesacht. Die Freiheit konnte man jleich mitnehm - det Brot hatten se noch nich da, det kommt erscht, wenn die ihr drittes Reich uffjemacht ham. Ja. Und scheene Lieda ham die -!

Als die liebe Morjensonne
schien auf Muttans Jänseklein,
zoch ein Rejiment von Hitla
in ein kleines Städtchen ein...!

Na, wat denn, wat denn... man witt doch noch singen dürfn! Ick bin ja schon stille - ja doch. Und der Jöbbels, der hat ja nich schlecht jedonnert! Un der hat eine Wut auf den Thälmann! “Is denn kein Haufen da?” sacht er - “ick willn iebern Haufn schießen!” Und wir sind alle younge Schklavn, hat der jesacht, und da hat er ooch janz recht. Und da war ooch een Kommenist, den ham se Redefreiheit jejehm. Ja. Wie sen nachher vabundn ham, war det linke Oohre wech. Nee, alles wat recht is: ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Wie ick rauskam, sachte ick mir: Anton, sachte ick zu mir, du wählst nazzenahlsosjalistisch. Heil!

Denn bin ick bei die Katholschen jewesn...

Denn bin ick bei die Katholschen jewesn. Da wollt ick erscht jahnich rin... ick weeß nich, wie ick da rinjekomm bin. Da hat son fromma Mann am Einjang jestandn, der hatte sich vor lauter Fremmichkeit den Krahrn vakehrt rum umjebunden, der sacht zu mir: “Sind Sie katholischen Jlaubens?” sacht er. Ick sahre: “Nich, daß ick wüßte...” - “Na”, sacht der, “wat wollen Sie denn hier?” - “Jott”, sahre ick, “ick will mir mal informieren”, sahre ick. “Diß is meine Flicht des Staatsbirjers.”

Ick sahre: “Einmal, alle vier Jahre, da tun wa so, als ob wa täten... diß is ein scheenet Jefiehl!” - “Na ja”, sacht der fromme Mann, “diß is ja alles jut und scheen... aber wir brauchen Sie hier nich!” - “Nanu...!” sahre ick, “sammeln Sie denn keene Stimm? Wörben Sie denn nich um die Stimm der Stimmberechtichten?” sahre ick. Da sacht er: “Wir sind bloß eine bescheidene katholische Minderheit”, sacht er. “Und ob Sie wähln oder nich”, sacht er, “desderwejn wird Deutschland doch von uns rejiert. In Rom”, sacht er, “is et ja schwierijer... aber in Deutschland...” sacht er. Ick raus. Vier Molln hak uff den Schreck jetrunken.

Denn wak bei die Demokratns...

Denn wak bei die Demokratns. Nee, also... ick hab se jesucht... durch janz Berlin hak se jesucht. “Jibbs denn hier keene Demokratsn?” frahr ick eenen. “Mensch!” sacht der. “Du lebst wohl uffn Mond! Die hats doch nie jejehm! Und nu jippse iebahaupt nich mehr! Jeh mal hier rin”, sacht er, “da tacht die Deutsche Staatspachtei - da is et richtich.”

Ick rin. Da wah ja so viel Jugend... wie ick det jesehn habe, mußt ick vor Schreck erscht mal ‘n Asbach Uralt trinken. Aber die Leute sinn richtich. Sie - det wa jroßachtich! An Einjang hattn se lauter Projramms zu liejn... da konnt sich jeder eins aussuchen. Ick sahre: “Jehm Sie mir... jehm Se mia ein scheenet Projamm für einen selbständigen Jemieseladen, fier die Interessen des arbeitenden Volkes”, sahre ick, “mit etwas Juden raus, aber hinten wieder rin, und fier die Aufrechterhaltung der wohlerworbenen Steuern!” - “Bütte sehr”, sacht det Frollein, wat da stand, “da nehm Sie unsa Projramm Numma siemundfürrsich - da is det allens drin. Wenn et Sie nicht jefällt”, sacht se, “denn kenn Siet ja umtauschn. Wir sind jahnich so!” Diß is eine kulante Pachtei, sahre ick Ihn! Ick werde die Leute wahrscheinlich wähln. Falls et sie bei der Wahl noch jibt.

Denn wak bei die Sozis...

Denn wak bei die Sozis. Na, also ick bin ja eijentlich, bei Licht besehn, ein alter, jeiebter Sosjaldemokrat. Sehn Se mah, mein Vata war aktiva Untroffssier... da liecht die Disseplin in de Familie. Ja. Ick rin in de Vasammlung. Lauta klassenbewußte Arbeita wahn da: Fräser un Maschinenschlosser un denn ooch der alte Schweißer, der Rudi Breitscheid. Der is so lang, der kann aus de Dachrinne saufn. Det hat er aba nich jetan - er hat eine Rede jehalten. Währenddem daß die Leute schliefen, sahr ick zu ein Pachteigenossn, ick sahre: “Jenosse”, sahre ick, “wieso wählst du eijentlich SPD - ?”

Ick dachte, der Mann kippt mir vom Stuhl! “Donnerwetter”, sacht er, “nu wähl ick schon ssweiunsswanssich Jahre lang diese Pachtei”, sacht er, “aber warum det ick det due, det hak ma noch nie iebalecht! - Sieh mal”, sachte der, “ick bin in mein Bessirk ssweita Schriftfiehra, un uff unse Sahlahmde is det imma so jemietlich; wir kenn nu schon die Kneipe, un det Bier is auch jut, un am erschten Mai, da machen wir denn ‘n Ausfluch mit Kind und Kejel und den janzen Vaein... und denn ahms is Fackelssuch... es is alles so scheen einjeschaukelt”, sacht er. “Wat brauchst du Jrundsätze”, sacht er, “wenn du’n Apparat hast!” Und da hat der Mann janz recht. Ick werde wahrscheinlich diese Pachtei wähln - es is so ein beruhjendes Jefiehl. Man tut wat for de Revolutzjon, aber man weeß janz jenau: mit diese Pachtei kommt se nich. Und das is sehr wichtig fier einen selbständjen Jemieseladen!

Denn wak noch bei die kleinern Pachteien...

Denn wah ick bei Huchenberjn. Sie... det hat ma nich jefalln. Wer den Pachteisplitter nich ehrt, is det Janze nich wert - sahr ick doch imma. Huchenberch perseenlich konnte nich komm... der hat sich jrade jespaltn. Da hak inzwischen ‘n Kimmel jetrunken.

Denn wak noch bei die kleinern Pachteien. Ick wah bei den Alljemeinen Deutschen Mietabund, da jabs hellet Bia; und denn bei den Tannenberchbund, wo Ludendorff mitmacht, da jabs Schwedenpunsch; und denn bei die Häußerpachtei, die wähln bloß in Badehosn, un da wah ooch Justaf Nahrl, der is natürlicher Naturmensch von Beruf; und denn wak bei die Wüchtschaftspachtei, die sind fier die Aufrechterhaltung der polnschen Wüchtschaft - und denn wark blau... blau wien Ritter. Ick wollt noch bei de Kommenistn jehn... aber ick konnte bloß noch von eene Laterne zur andern Laterne... Na, so bink denn nach Hause jekomm.

Mutta hat valleicht ‘n Theater jemacht...

Sie - Mutta hat valleicht ‘n Theater jemacht! “Besoffn wie son oller Iiiijel -.” Hat se jesacht. Ick sahre: “Muttacken”, sahre ick, “ick ha det deutsche Volk bei de Wahlvorbereitung studiert.” - “Besoffn biste!” sacht se. Ick sahre: “Det auch...” sahre ick. “Aber nur nehmbei. Ick ha staatspolitische Einsichten jewonn!” sahre ick. “Wat wißte denn nu wähln, du oller Suffkopp?” sacht se. Ich sahre: “Ick wähle eine Pachtei, die uns den schtarkn Mann jibt, sowie unsan jeliebtn Kaiser und auch den Präsidenten Hindenburch!” sahr ick. “Sowie bei aller Aufrechterhaltung der verfassungsjemäßichten Rechte”, sahr ick. “Wir brauchen einen Diktator wie Maxe Schmeling oder unsan Eckner”, sahre ick. “Nieda mit den Milletär!” sahre ick, “un hoch mit de Reichswehr! Und der Korridor witt ooch abjeschafft”, sahre ick. “So?” sacht se. “Der Korridor witt abjeschafft? Wie wißte denn denn int Schlafzimmer komm, du oller Süffel?” sacht se.

Ick sahre: “Der Reichstach muß uffjelöst wern, das Volk muß rejiern, denn alle Rechte jehn vom Volke aus. Na, un wenn eener ausjejang is, denn kommt a ja sobald nich wieda!” sahre ick. “Wir brauchen eine Zoffjett-Republik mit ein unumschränkten Offsier an die Spitze”, sahre ick. “Und in diesen Sinne werk ick wähln.” Und denn bin ick aust Fensta jefalln.

Mutta hat ohm jestanden und hat jeschimpft...! “Komm du mir man ruff”, hat se jebrillt. “Dir wer ick! Du krist noch mal Ausjang! Eine Schande is es - ! Komm man ja ruff!” Ick bin aba nich ruff. Ick als selbstänjdja Jemieseladen weeß, wat ick mir schuldich bin. Wollen wa noch ne kleene Molle nehm? Nee? Na ja... Sie missn jewiß ooch ze Hause - die Fraun sind ja komisch mit uns Männa! Denn winsch ick Sie ooch ne vajniechte Wahl! Halten Sie die Fahne hoch! Hie alleweje! Un ick wer Sie mal wat sahrn: Uffjelöst wern wa doch... rejiert wern wa doch... Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes! Det sacht Ihn ein Mann, der det Lehm kennt! Jute Nacht -!"

 


Kurt Tucholsky: “Ein älterer, aber leicht besoffener Herr” aus: “Kurt Tucholsky, Gesammelte Werke”. Copyright © 1960 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg. Freundlichst entwendet, dem Gutenbergarchiv.

 

Hier ruht ein goldenes Herz und eine eiserne Schnauze
Gute Nacht — !