Skip to content

Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung

Jul 2026
27

Über Imperien und das archaische Athen - ihrer Animo für Spektakel und Theatralik

Es gibt unter den Mythen und Erinnerungen meiner frühen Kindheit Geschichten, die mein ganzes Leben dergestalt geprägt haben, dass ihre innere Fragestellung, ihre Essenz immer wieder in mir auftauchten und noch auftauchen; mir begegneten; manchmal ganz unvermutet.

Zwei von ihnen sind: “Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral” mit der ungestellten Frage an Anfortas und “Der Trank des Schierlingsbechers” durch Sokrates. Beide berühren mich stark; bis heute. In meinen Erinnerungen muss ich ihnen sehr früh begegnet sein, nicht durch Erzählungen sondern selbstgelesen, so dass ich wohl doch im eigentlichen Sinne kein Kind mehr gewesen sein kann. Sie haben aber dass innere Kind angesprochen und sind dort all die Jahrzehnte wohl verwahrt worden. Selbst die größten Beschädigungen des Lebens, zerbrochener Kronleuchter, konnten ihrem inneren Kern nichts anhaben.

Sokrates, ein wahrer Anarchist im Denken der Etablierten. Er glaubte daran, dass nur gute Politik betrieben werden könne, wenn man den Einzelnen nur ereichte und verbesserte. Deshalb ging er hinaus und sprach auf den Plätzen und Straßen Athens. Die Jugend hing an seinen Lippen und er war berüchtigt durch gezieltes Fragen die Menschen zur Selbsterkenntnis zu führen. Das freie Denken aber macht Unabhängig. Und, “Das freie Denken kann man töten, aber nicht besiegen”. So ist seine Verurteilung (in der damals üblichen Form) ein Lehrstück das die Zeit überdauerte. Er hätte sich selbst vom Tode freisprechen können indem er seiner Verurteilungsklage einen Gegenvorschlag entgegengesetzt hätte, doch er verzichtete und wurde zum Tode verurteilt. Platon machte daraus die zwei Bücher des Phaidon, und gründete nach seinem Tod die Schule der Philosophen, die berühmte Akademie von Athen, aus deren Mitte Aristoteles weit hervorstrahlte und sich in seinem Denken zum Yang der Geisteswelt machte. Platons Ying und Aristoteles Yang überdauerten die Zeiten, wir haben uns schon mit ihnen beschäftigt. Heute, am 27. Juli, jährt sich der Tag an dem Sokrates zu seinem Denken, zu seiner Unabhängigkeit stand - im Jahre 398 v. Chr. - und, in einer eindrücklichen Erzählung, den Schierlingsbecher bis zur Neige leerte.

Dieser Becher wurde zum Symbol, zum Symbol zu seinen Überzeugungen zu stehen, sich selbst treu zu bleiben. Platon überlieferte uns was uns über Sokrates bekannt ist, machte aus dem Redner einen Ewigen, einen Überzeugenden und Überzeugten, dessen Entitäten, seine Kronleuchter, noch hell und strahlend an ihren Decken hingen.

Da steh’ ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor...

Parzival irrte herum, getrieben von der ungestillten Suche, naiv bis ins Mark, ein Kind das im entscheidenden Moment versagt und die Frage nicht stellt, wieder hinaus getrieben wird, neue Runden auf seinem Erkenntnisrad zu drehen, bis es ganz bereit ist das Moment zu nutzen, dem Mitleid Worte zu verleihen. Es ist der entscheidende Augenblick selbst, aber auch das Ergebnis von vorangegangenen Mühen, von Abwegen und Geduld. Für Aristoteles ist dieser Moment (Kairos) ‘das Gute in der Zeit’, für die Sophisten ein Stil in der Rhetorik, einer Kunstform, für andere, wie Platon und Aristoteles selbst aber eine Methode, ein Mittel, um andere zu manipulieren. Es gilt also Geistesgegenwärtig zu sein, den Pfeil abzuschießen wenn er reif ist; nicht zu zögern. Wir könnnen es also als ein kummulatives Element betrachten, aber auch als ein Ergebnis vorangegangener Werdung. Wir können es als ‹ Gutes in der Zeit › und als ‹ Dolchstoß › betrachten, als erlösende Hilfe ebenso wie als vernichtende Zerstörung. Dieses Momentum jedenfalls, ist pfeilschnell wie der Wind, kaum erkannt und schon vorbei, spitz wie Jener, und nur im rechten Moment zu erwischen. Es ist ‹ die Gelegenheit beim Schopfe packen › aber nicht von Hinten, weshalb der flinke Herr - nebst geflügelten Schuhen - ein kahles Haupt, aber mit einer Haarlocke über der Stirn trägt, die man unmittelbar ergreife.

Erich Kästner postet treffend: Sokrates zugeeignet / Es ist schon so: Die Fragen sind es, / aus denen das, was bleibt, entsteht. / Denkt an die Frage jenes Kindes: / »Was tut der Wind, wenn er nicht weht?«

Die Anatomie einer Selbstzerstörung: Was uns Thukydides über Populisten, Oligarchen und die Krisen der Gegenwart lehrt

Wenn wir heute über die „Krise der Demokratie“ sprechen, blicken wir meist auf die Bildschirme unserer Gegenwart: auf algorithmisch angefeuerte Echokammern, schrille populistische Redner und das subtile, aber stetige Abwandern politischer Macht in die Hände einer globalisierten, superreichen Elite. Wir neigen dazu, diese Phänomene als Krankheiten des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Doch das wirksamste Lehrstück über diese Dynamiken wurde vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben.

Jedem Interessierten seien hier die wundervoll eindrücklichen Vorlesungen, inbesondere „Pericles and the Peloponnesian War (Thucydides, Pt. 4)“ von Professor Barth, an der Arizona State University in den USA empfohlen. Solange solche Lehrer lehren und ihre Zuhörer finden, darf mir nicht bange werden!

In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges seziert der athenische Historiker Thukydides den Untergang der attischen Demokratie. Er hinterließ uns kein bloßes Geschichtsbuch, sondern – in seinen eigenen Worten – ein „Besitztum für immer“ (ktēma es aiei), eine überzeitliche Blaupause dafür, wie eine freie Gesellschaft sich unter dem Druck von Krisen, Demagogen und internen Spaltungen selbst zerfleischt.

1. Vom Staatsmann zum Demagogen: Die Stunde der Populisten

Der Wendepunkt für die athenische Demokratie war laut Thukydides nicht der Ausbruch des Krieges gegen Sparta im Jahr 431 v. Chr., sondern ein innerer Verlust: der Tod des Perikles. Thukydides beschreibt Perikles als einen Mann, der die Masse führen konnte, ohne ihr nach dem Mund zu reden.1 Unter ihm war Athen „namentlich eine Demokratie, in Wirklichkeit aber die Herrschaft des ersten Mannes“.2 Perikles besaß die Autorität, das Volk zu zügeln, wenn es übermütig wurde, und es aufzurichten, wenn es verzweifelte. Denken Sie an seine berühmte Gefallenenrede; einer Rede zur Ehre der Toten, die ihr Leben für Athen riskiert und geopfert haben. Sie handelt von Rechtstaatlichkeit und Gesetz und mahnt die Athener zur aktiven Teilhabe an der Demokratie.

„Jeder Mann von Verstand wird einsehen, dass der Tod, wenn er unbemerkt zu einem Mann bei voller Kraft und mit Hoffnung für sein Land kommt, nicht so bitter ist wie eine elende Niederlage für einen weich gewordenen Mann.“

Nach seinem Tod im Jahr 429 v. Chr. entstand ein Machtvakuum, das eine neue Generation von Politikern füllte: die Demagogen (wörtlich „Volksführer“).3 Männer wie Kleon oder später der schillernde Alkibiades besaßen nicht mehr die moralische Integrität des Perikles.4 Um an die Macht zu kommen, kehrten sie das Verhältnis um: Sie führten das Volk nicht mehr, sondern ließen sich von den Launen der Masse treiben, die sie zuvor selbst aufgestachelt hatten.1

Die Parallele zu Heute

Populismus funktioniert heute exakt nach dem thukydideischen Muster des Kleon. Wo Perikles auf Mäßigung und langfristige Strategie setzte, bedienen moderne Populisten die Affekte: Wut, Kränkung und die Sehnsucht nach einfachen Sündenböcken.5 Sie inszenieren sich – wie Kleon im berühmten Mytilene-Debattenschluss – als die „wahren Stimmen des einfachen Mannes“ gegen eine vermeintlich abgehobene, intellektuelle Elite. Das Ergebnis ist eine Politik des permanenten emotionalen Ausnahmezustands, in der rationale Argumente als Schwäche oder Verrat diffamiert werden.6

2. Die Instrumentalisierung der Krise: Die Sizilische Expedition

Wie gefährlich diese populistische Dynamik wird, zeigt das dramatischste Kapitel bei Thukydides: die Entscheidung zur Sizilischen Expedition (415 v. Chr.). Angetrieben von der rhetorischen Brillanz und dem grenzenlosen Egoismus des jungen Alkibiades, verfiel die athenische Volksversammlung in einen kollektiven Rausch. Alkibiades versprach unermesslichen Reichtum und die totale Vorherrschaft.

Warnende Stimmen, wie die des besonnenen Generals Nikias, wurden als feige und unpatriotisch niedergeschrien. Thukydides notiert bitter, dass das Volk für das ferne Sizilien stimmte, ohne überhaupt zu wissen, wie groß die Insel war oder wie viele Menschen dort lebten. Die Expedition endete in einer totalen Katastrophe; die athenische Flotte und Armee wurden vernichtet.5

Populistischer Rausch (Alkibiades) 
  ➔ Überheblichkeit & Ausblendung von Fakten 
  ➔ Strategische Katastrophe (Sizilien) 
  ➔ Kollektives Trauma & Destabilisierung der Institutionen

Dieses Muster wiederholt sich in der Moderne. Wenn populistische Bewegungen komplexe geopolitische oder ökonomische Realitäten ignorieren und stattdessen radikale, vermeintlich “einfache” Lösungen versprechen, führen sie Demokratien in moderne „Sizilische Expeditionen“. Das kollektive Erwachen aus dem Rausch hinterlässt eine tief traumatisierte, misstrauische Gesellschaft, deren Vertrauen in die eigenen Institutionen nachhaltig zertrümmert ist.

3. Der Schatten der Oligarchen: Das Ausnutzen der Instabilität

Die Zerstörung einer Demokratie durch den Populismus ist jedoch meist nur die erste Phase. Die zweite gehört den Oligarchen.

Nach der Katastrophe von Sizilien war Athen geschwächt und tief gespalten.2 Diesen Moment der maximalen Instabilität nutzte eine Gruppe reicher, oligarchisch gesinnter Bürger.3 Im Jahr 411 v. Chr. inszenierten sie einen Staatsstreich und errichteten das Regime der Vierhundert – eine Herrschaft der Wohlhabenden, die die demokratischen Rechte drastisch beschnitt.7 Später, nach der endgültigen Niederlage Athens, installierte Sparta die Schreckensherrschaft der „Dreißig Tyrannen“.

Thukydides zeigt uns hier eine bittere Wahrheit: Populismus und Oligarchie sind keine Gegensätze;
sie sind siamesische Zwillinge im Prozess des demokratischen Verfalls.
1

  • Der Populismus höhlt die demokratische Kultur von innen aus, polarisiert die Gesellschaft und lähmt die Handlungsfähigkeit des Staates.

  • Die Oligarchie nutzt dieses Chaos, um sich im Hintergrund die tatsächliche Macht zu sichern.

Die Parallele zu Heute

Unsere Gegenwart ist geprägt von einer subtilen Form dieser Oligarchisierung. Superreiche Akteure, Technologie-Giganten und mächtige Wirtschaftsnetzwerke operieren oft jenseits demokratischer Kontrolle.8 Sie nutzen die politische Lähmung und Polarisierung, die durch populistische Kulturkämpfe entsteht, um Steuersysteme zu ihren Gunsten zu beeinflussen, regulatorische Rahmenbedingungen auszuhebeln und politische Entscheidungen zu kaufen.2 Während die Masse sich über populistische Scheingefechte zerstreitet, verlagert sich die echte Gestaltungsmacht in die Hinterzimmer des großen Geldes.9

4. Die Kernzelle des Verfalls: Die sprachliche und moralische Perversion (Stasis)

Das tiefste und erschreckendste Lehrstück des Thukydides findet sich in seiner Analyse der Stasis (des Bürgerkriegs) auf der Insel Korfu. Hier beschreibt er, wie die politische Polarisierung zwischen Demokraten und Oligarchen die menschliche Natur korrumpiert und die Sprache selbst zerstört:

„Auch die gewohnte Bedeutung der Worte in Bezug auf die Taten änderte man nach eigenem Ermessen. Kopflose Verwegenheit galt nun als treue Kameradschaft, vorsichtige Zögerlichkeit als feige Ausflucht, Maßhalten als Deckmantel der Unmännlichkeit.“

Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, kollabiert das Fundament jeder Demokratie: das gemeinsame Verständnis von Wahrheit, Recht und Anstand. Die politische Arena ist dann kein Ort des Diskurses mehr, sondern ein Schlachtfeld, auf dem der Kompromiss als Verrat gilt und die totale Vernichtung des politischen Gegners das einzige Ziel ist.

Genau an diesem Abgrund steht die moderne Demokratie im Zeitalter von Fake News, “alternativen Fakten” und einer radikalen Polarisierung, die den politischen Mitbewerber zum existentiellen Feind erklärt.4 Wenn Begriffe wie „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“ je nach politischem Lager ins exakte Gegenteil verkehrt werden, wiederholen wir das korfiotische Drama auf globaler Bühne.

Thukydides als Weckruf

Das Lehrstück, das uns Thukydides erteilt, ist von grimmiger Nüchternheit. Demokratien sterben selten durch den Angriff von außen; sie sterben an ihren eigenen, inneren Krankheiten. Sie gehen zugrunde, wenn das Volk verlernt, zwischen staatsmännischer Klugheit und populitischer Schmeichelei zu unterscheiden. Sie gehen zugrunde, wenn die wirtschaftliche Ungleichheit so groß wird, dass oligarchische Interessen das Gemeinwohl ersticken. Und sie gehen zugrunde, wenn die Sprache des Hasses die Sprache der Vernunft ersetzt.

Thukydides war kein Optimist, aber er war ein Realist. Seine Chronik des Niedergangs ist kein Todesurteil für die Demokratie, sondern ein dringlicher, über Jahrtausende hallender Warnruf: Eine freie Gesellschaft bleibt nur so lange frei, wie ihre Bürger bereit sind, die Anstrengung der Vernunft gegen die Verlockungen der Demagogen zu verteidigen.

Lassen Sie dies ein wenig nachhallen... Wollen wir uns wirklich ergeben...?

In Perikles letzter Rede an seine Athener sehen wir wie alles in einer einzigen großen Warnung kulminiert: „Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man hat. Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man besitzt, als bei dem Versuch zu scheitern, mehr zu gewinnen. Haltet fest an eurer Freiheit.“ Hören Sie Professor Barth zu wenn er den heutigen Imperien ins Gewissen spricht, über Perikles Demokratien davor warnt, sich aufzugeben! Eindrücklichst!

Ein Raum im Matrixgefüge von Begriffen, die Zeit und Sprache verbinden

Interessant an diesem Gerangel, wie Athen, nach kurzer Blüte selbst imperialer Tyrann, versuchte, das einzig verbliebene freie Eiland Melos in die Knechtschaft zu zwingen und sich darauf folgender Dialog entspann:

1. Die Realität von Macht vs. Gerechtigkeit

  • Athener: Wir werden keine Zeit mit schönen Reden über Gerechtigkeit oder das Wiedergutmachen vergangener Fehler verschwenden. Sie wissen genau wie wir, dass in der realen Welt Gerechtigkeit nur eine Frage zwischen Gleichstarken ist. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.

  • Melier: Selbst wenn wir die Gerechtigkeit beiseitelassen und nur über Eigennutz sprechen, liegt es in Ihrem Interesse, den allgemeinen Schutz aller Menschen nicht zu zerstören – nämlich das Recht eines Menschen in Gefahr, eine faire Behandlung zu erwarten. Wenn Sie fallen, wird Ihr Sturz ein schreckliches Beispiel für die Welt sein.

2. Neutralität und Reputation

  • Melier: Warum können wir nicht einfach neutral bleiben? Wir wollen Freunde statt Feinde sein, aber Verbündete keiner Seite.

  • Athener: Nein. Ihre Neutralität schadet uns mehr als Ihre Feindseligkeit. Für unsere Untertanen sieht es so aus, als wären wir zu schwach, um Sie zu erobern, wenn wir Sie in Ruhe lassen. Ihr Hass beweist unsere Macht; Ihre Freundschaft wäre ein Zeichen unserer Schwäche.

3. Hoffnung, Ehre und die Götter

  • Melier: Sich sofort zu unterwerfen bedeutet, sich völlig aufzugeben. Wenn wir kämpfen, gibt es immer noch Hoffnung, dass wir uns behaupten können. Wir vertrauen darauf, dass die Götter uns begünstigen werden, weil wir als Gerechte gegen Ungerechte kämpfen, und wir vertrauen darauf, dass unsere spartanischen Verbündeten kommen werden, um uns aus Ehre zu retten.

  • Athener: Die Hoffnung ist ein teures Gut, das diejenigen ruiniert, die alles auf eine Karte setzen. Was die Götter betrifft: Wir tun nichts, was dem Glauben der Menschen über den Himmel widerspricht. Es ist ein notwendiges Naturgesetz, dass die Starken herrschen, wo immer sie können. Wir haben dieses Gesetz nicht gemacht, wir befolgen es nur. Und was die Spartaner betrifft – sie achten vor allem auf ihren eigenen Vorteil. Sie werden sich nicht für Sie in Gefahr bringen.

Das Ergebnis:

Die Melier weigerten sich zu kapitulieren. Die Athener belagerten die Insel, nahmen sie schließlich ein, richteten alle erwachsenen Männer hin, verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten sie mit ihren eigenen Kolonisten neu.

Tiefes Durchatmen - Was folgern wir daraus?

Ähnlich Sokrates der dies für sich allein entschied, war der heroische Kampf der Melier ein verlorener Kampf, mit schrecklichen Folgen. Doch so zwingend wie folgerichtig. Nur weil die Starken stark sind, müssen die Schwachen nicht erleiden was sie müssen. Wasser ist weich und dennoch zwingt es das Härteste, das wissen wir seit Laotse. Aber es kann dauern. Wir müssen Verluste hinnehmen; auch unsere Eigenen. Alles eine Frage der Haltung !

Spektakel und Theatralik haben und hatten wir zur Genüge. Mache sich Jeder seinen eigenen Reim darauf...! 🙂

Weiter: "Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung"

Frost und Hölle! Von Schildkröten und ihren Bedürfnissen

Mär 2023
10

Leicht skeptisch, etwas trotzig, aber gleichmütig, mit gehobenen Brauen, blickt sie in die Kamera.
Das Leben hat sich in diesem Gesicht verarbeitet; Zäh wie Leder, einer alten Schildkröte gleich.
Ihr Haupt umrundet ein Geflecht aus leuchtendem Krepp. Die Augen, - fern, und wässrig müde. Blickten sie doch allzu lang schon in die Welt und sahen wilde Zeiten rollen; - kommend, - gehend.
Sie haben ausgesehen; ihren Dienst verrichtet!

128 Jahre sind eine lange Zeit. Johanna Mazibuko lebte in der britischen Kolonialzeit, sah die selbstverwalteten Anfänge der Afrikanischen Union, überlebte die schreckliche Zeit der Apartheit und feierte Nelson Mandela, der ein ganzes Volk glücklich in einen afrikanischen Traum zur Befreiung führte. Die Buren wären, ob der begangenen Greuel und hinterlassenen Wut, sicher zu Tausenden abgeschlachtet worden, hätte Mandela nicht seine schützende Hand erhoben und einen schmerzvollen Aufarbeitungs- und Heilungsprozess in Gang gesetzt.
Sie hat auch diesen überlebt und begriff, dass große Ideen und große Führer, wie es Mandela sicher gewesen ist, ihre Ausstrahlung verlieren und verblassen, sobald die Macht an die Kleptomanen und Egomanen übergeht, im ewigen Spiel um Geld und Macht.

Was wollen sie? Anerkennung! Und bekommen sie diese nicht über Menschlichkeit und Verständnis, über ein sorgsam angeeignetes Charisma und geistiger Strenge gegenüber sich Selbst, kehrt sich mancher schnell in das genaue Gegenteil und verfolgt Andersdenkende mit brutalster Härte. Das Gesetz des Dschungels, der Savanne, unserer Ahnen; Sieger ist wer überlebt!
Moral und Anstand sind für Schwächlinge! Wer zu essen hat, hat Recht!

Rede ich von Afrikanern, die bis heute, in plötzlichen Anfällen von archaischer Wut, immer noch nicht gelernt haben sich nicht gegenseitig umzubringen, die Macheten zu schwingen, kleine Kinder zu brutalsten Mördern abzurichten? Nicht unbedingt! Denn dieses Gen steckt in uns allen! Wohnen sie denn in den heißen Gegenden des globalen Südens, oder in den sibirisch kalten Nordländern; im Westen, wie im Osten. Einerlei!
Mit dem Tauen des Permafrostes kommen diese Gewohnheiten und Gewissheiten wieder zum Vorschein. Eiswürmer des Grauens!

Mächtige Narrative einer wagen Idee kommen sich ins Gehege. Freiheit gegen Bevormundung! Beide haben Recht, in ihrer eigenen Weise. Weder sind die Menschen fähig in völliger Freiheit zu leben und zu handeln, denn es macht sie zu Egoisten. Das Gesetz der alten Gene. Noch aber sind sie nur fremdgesteuerte, willfährige Diener, die in beschränkter Amnesie hordengleich jedem Schwenk ihrer geistigen Ordnung und Kaisers folgen. Sie müssen sich aber darüber hinaus entwickeln. Konsum oder Zwang werden nicht lange als Ersatz taugen. Sie sind zu billig und taugen nicht für den inneren Fortschritt!
Regeln und Ordnung brauchen beide. Manipuliert werden beide Systeme, so dass sie am Ende nur noch Hüllen sind, in denen die Puppenspieler ihre Machtspiele spielen.

Ich rede nicht von den wenigen Ausnahmen. Den Menschen die sich entwickeln. Die gelernt haben all die Teile der vorherigen Erfahrungen und Konsequenzen zu einem Teil ihres künftigen Handelns und ihrer Werte zu machen. Die Freiheit sich zurückzunehmen für die Freiheit des Anderen. Ein steiniger Weg und auch schwieriger Anspruch in der Entwicklung des Menschen. Und nur wenn ein genügend großer Teil diesem Anspruch genügt, ist die Menschheit bereit die nächste Stufe ihrer Evolution zu nehmen.

Wir sind an einem Kipppunkt. Mit ihrer Maßlosigkeit und Ignoranz hat es die Menschheit geschafft die alten Geister wiederzuerwecken.
Das Eis schmilzt. Säbelzahntiger und Scharen von Schädlingen kriechen empor, bereit sich in die giftige Schlacht zu werfen. Die Jahrhunderte der Aufklärung und des Humanismus werden in ihren eigenen Staub zurückgeworfen. Die Saat scheint nicht angegangen. Haben zu viele der Gärtner ihren Job gekündigt, oder gar ob des plötzlichen Wassermangels resigniert? Die jungen Pflanzen vergilben, verdorren. Doch gerade dort brauchen wir am allernötigsten Hilfe um die wiedererweckten Scharen der Vergangenheit in den Griff zu bekommen. Sonst kann der wildgewordene Säbelzahntiger gleich seine irren Atomdrohungen wahrmachen und die Welt in den totalen Abgrund zurückbomben. Die Brasiliens, Indiens und Chinas dieser Welt werden sich schön wundern, dass sie doch auf der selben Erde leben (wollten)!
Ich bin nicht Willens diesen Irren unwidersprochen freie Bahn zu geben, nur damit ich meine Ruhe habe!

Vielleicht sind die großen Länder und Systeme nicht fähig zur Erneuerung. Erneuerung braucht engagierte Menschen. Menschen die dort anfangen wo sie selber sind oder sich einbringen und kleine selbstverwaltete Gemeinschaften bzw Gemeinschaftsstrukturen neu denken und erfinden.

Bei all den schlechten Nachrichten die immer gehäufter auf einen niederprasseln und einem jeglichen Optimismus rigoros vertreiben, sind es diese kleinen Nachrichten einzelner Menschen oder lokaler Gruppen, die einfach anfangen es besser zu machen. Sei es an den Küsten rund um den Indischen Ozean mit der Wiedergewinnung von Nachhaltigkeit durch Schonung der Fischbestände und Aufforstung der weggeholzen Mangroven, alles initiert von einer kleinen Gruppe sehr engagierter Menschen mit einer klaren einfachen Idee, Eden Reforestation Projects, die die Küstenmenschen befähigt ihre direkte Umwelt nachhaltig und damit zukunftssicher zu bewirtschaften, oder in der Sahelzone mit der schlichten Idee der “unterirdischen Wälder”, die zum Leben wieder erweckt werden können, angeleitet von einem Australier, Tony Rinaudo, mit einer ebenso klaren und einfachen Idee, der Befähigung. Eines Auswegs!
Kein Geschwafel, kein Gerede. Keine langatmigen Konferenzen, keine kurzatmigen Gelder aus Entwicklungstöpfen. Einfach klares, ideengesteuertes Handeln, im Einklang mit der Natur.
Bravourös! Ich ziehe den Hut tief und verbeuge mich vor Scham!

Wir aber leben in Systemen die bis zur Erstarrung in Gesetzmäßigkeiten stecken, die keinerlei Bewegung mehr zulässt. Alles ist geregelt, zerregelt!
Zu viele Köche verderben den Brei. Schaue ich auf das Schulsystem in Deutschland wird einem ganz bang. Alle wollen und sehen die Notwendigkeit, aber keiner ist fähig wirklich etwas zu verändern oder Neues zu probieren. Alles erstarrt in den gewordenen Regelungen. Finnland, noch vor Jahren so hochgelobt, hat es vorgemacht. Horden von Besuchern aus aller Welt haben es sich immer und immer wieder angesehen und die Erfolge gesehen. Was ist davon geblieben? Sie müssen resigniert haben, denn heute redet keiner mehr davon. Und so blieb alles beim Alten. Hauptsache ist, dass alle was zu reden haben.

Bei Weitem kein Einzelfall! Mit der Digitalisierung ist es doch ebenso. Hehre Ziele, die im Nichts verpuffen. Warum? Weil die Regelungswut und die “German Angst” alles zerstört.
Ich ertappe mich selbst als einen derjenigen, die wegen wohlgemeinter und nicht unbegründeter Sorge vor den Gefahren warnen und zögern. Die aus bitterer Erfahrung den mauschelhaften Vergabepraktiken unserer Politiker mißtrauen. Denn sie treffen grundsätzlich auf Räuber. Räuber die sich häuslich in den Lobbyfluren der Regierungen niedergelassen haben. Kein Gemeinwohlgedanke steht im Vordergrund. Nur Bereicherung. Qualität und Schlichtheit sind nicht erwünscht. Sie bringen kein Geld.
Zunehmend muß ich also auch mich selbst in Frage stellen, ob diese Art des zögerlichen Handelns noch angebracht ist. Kleinere Länder wie Dänemark und andere machen es einfach vor.

Zwanzig Jahre zögern aus Sorge, sind ein viel grundsätzlicherer Verlust als das einfache und konsequente Heben des Schatzes. Wenn ich an all die Projekte zurückdenke, die ich im Laufe meines langen Lebens, - Johanna Mazibuko vergebe mir -,  bewußt wahrgenommen, als politisch anvisiert und dann nicht oder nicht konsequent genug verwirklicht gesehen habe, so fallen mir fast keine Gegenteiligeren mehr ein. Und ich muß zugeben, ja bekennen, dass wir den Stillstand mehr zu schätzen scheinen als den Fortschritt.

Wir sind zu faul und zu behäbig! Traurig. Wir werden gefressen von den Gierigen die sich 120 Millionen für eine App bezahlen lassen, oder ihre Verträge wohlweislich unter Geheimverschluss stellen lassen. Wenn man Ihnen wenigstens da auf die Finger sehen könnte, würde ihr Gebaren offenbar.
Auf dem armen Mann wird viel und ungerecht herumgehauen. Aber Karl Lauterbach macht es richtig. Zwanzig Jahre (zer-)reden für nichts. Jetzt ist Schluss!

Ich wünschte, wir könnten einfach alle mal die Klappe halten. Ein, zwei Jahre. Und in der Zeit bauen wir alle wie verrückt. Schulen, Windräder, Zugstrecken, auch Autobahnen wenn es unbedingt sein muss, Stromleitungen, Tunnel, Wohnungen, und bestellen endlich einfach und schlicht das Material was uns fehlt. Jetzt! Ohne den ganzen Klimbim! Macht die Beschaffungsämter dicht derweil und gebt den Leuten zwei Jahre bezahlten Urlaub. Sie sollen nachdenken, wie wir zu mehr Schlichtheit und Einfachheit zurückkehren.

Mit diesen Worten legte sich die alte Schildkröte nieder und sagte: Es ist getan! Solvitur ambulando!
Sie freute sich insgeheim ihren alten Ofen endlich wieder in Gang zu setzen und sich das erste leckere Essen nach langer Zeit zu kochen.

Wenn eine positive Formulierung für das Optimum gewonnen wird, rücken die nihilistischen Irrlichter an den Rand. Die Vorfreude darauf, was aus einem normalen Leben heraus erreicht werden kann, würde so stark werden, dass die Leuchtfeuerwirkung eines Bildungsideals für das kybernetische Zeitalter die Menschen aus der aktuellen Lethargie zöge.

Peter Sloterdijk

Am Nasenring durch die Manege - von Souveränität und Freiheit

Mai 2022
22

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;

man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.

Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.

Karl Kraus, Band 9 (Gedichte), S. 639. Vgl. Die Fackel Nr. 888, Oktober 1933, S. 4.

 

Von der verzweifelten Suche nach Beständigkeit im Momento der Zerbrechlichkeit...
und vom Versuch im Nebel eine “
Sprache zu finden gegen den Druck, der sie nimmt ! ”

Der Mensch möchte gerne betrogen werden, belügt er sich doch fortwährend selbst. Er möchte glauben. Glauben an die Wahrhaftigkeit einer Erzählung, eines Gegenübers, eines Getreuen, einer Existenz, einer allumfassenden Bestimmung des Seins. Angesichts der Masse mit der wir heute Meinungs.bildend konfrontiert werden ist dieses urmenschliche Verhalten umso auffälliger. Man muss zweifeln. Das ist das was man aus dem sich entwickelndem Leben lernen kann und lernen muss. Aber das stete Zweifeln ist anstrengend und da als Mensch von Natur aus ebenso dem Schlichten zugewandt, verstärkt der Zweifel den Glauben. So sitzen wir gefangen in unseren Blasen und vertrauen dort auf das Gute, das Bestätigende, das Wahre und Wohlmeinende. Es ist zum Verrücktwerden! Von der Wiege bis zur Bahre ein dorniger Weg.

„Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos“
 

Hans Albert: Traktat über kritische Vernunft, 1991; 5. Aufl., Verl.: J.C.B. Mohr. S. 36

Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ (Sokrates). Dieses unfassbare Gestammle aus Deutungen, Erzählungen, Geschichten und Kommentaren; alle ohne Anfang und Ende, in sich schlüssige oder auch nur postulatische Übersetzungen des Gewordenen, eines Geworfenen und Getanen, oder eben nur Herbei.gewünschten, Herbei.geschriebenen, machen mich kirre. Ich habe Erscheinungen, kurze Helligkeiten, die alsbald wie Seifenblasen zu zerplatzen beginnen, nichts als ein beständiges plopp plopp und Kreise einer sich ausbreitende Leere hinterlassend; die mich sprachlos machen!

In meinem Ringen um Worte vergehen die Zeiten. Gestern noch tiefes Gefühl und als Suche des Ausdrucks, heute schon Schall und Leer, nichts anderes als das was ich zu kritisieren suche auf meiner verzweifelten Suche. Dann und wann fällt einem eine Perle aus vergangenen Zeiten vor die Füße, in der ein Recke mit größerer Potenz die Fackel schwingt und mit seinem Lichtschwert der Worte so tüchtig in die Landschaft haut, dass es eine wahre Freude ist. Man wagt zu fragen wie es sein kann, dass solche Texte auch heute noch passen, wo wohl der wortgewaltige Karl Kraus unserer Tage zuschlägt und die Geschichtenerzähler und Dummschätzer, ja das ganze Gewese der Journaille von Heute entlarvt... die kaum je besser geworden zu sein scheint.

Heute leben wir in Meinungsinfektionen, Epidemien der Erregungskultur (Sloterdijk). Alles wird hochgejazzt und Erklärendes - soweit überhaupt vorhanden - verschwindet hinter den Paywalls. Es geht eben nur noch ums Aufmerksamkeitsgeheische. Zahlt der Gutgläubige seinen Obolus bekommt er den Rest zu sehen und wird meist schwer enttäuscht, setzt sich doch das Gestammele und die enervierende Erregungskette fort, wo der hilflose Geist sich dem Zeitgeist konfrontiert sieht.

Nun denn... Soll er statt meiner sprechen. Hoch die Tassen!

(Ob der Länge etwa(s) zwei.geteilt)

Aufnahme von Charlotte Joël (1930)

Dezember 1912

Karl Kraus

Untergang der Welt durch schwarze Magie

Ich habe Erscheinungen vor dem, was ist. Ich mache aus einer Mücke einen Elefanten. Ist das keine Kunst? Zauberer sind die andern, die das Leben in die Mückenplage verwandelt haben. Und der Mücken werden immer mehr. Oft kann ich sie nicht mehr unterscheiden. Tausend habe ich zu Hause und komme nicht dazu, sie zu überschätzen. Bei Nacht sehen sie wie Zeitungspapier aus und jedes einzelne Stück lacht mich an, ob ich nun endlich auch ihm die Verbindung mit dem Weltgeist gönnen wolle, von dem es stammt. Gegen die Plage dieser Ephemeren gibt es keinen Schutz, als sie unsterblich zu machen. Das ist eine Tortur für sie und für mich. Doch wachsen sie nach und ich werde nicht fertig. Finde ich da ein Stück:

Man hat ihn mit Geschenken, Blumen, Reden gefeiert. Die Vertreter der Stadt und des Landes, das Zivil wie hohe Offiziere wetteiferten darin, diesem Jubilar zu zeigen, daß so redliche Tüchtigkeit nicht nur Ehre, sondern auch herzliche Zuneigung einbringt.

Was war das nur? Warum habe ich das aufgehoben? »Man hat ihn ...«: dieser Ton muß einer Feier gelten, die schon etwas Selbstverständliches hat. Was kann es nur sein, wobei Stadt und Land, Zivil und Militär wetteifern? Grillparzer? Der Ausschnitt ist doch nicht so alten Datums, und damals hat man sich noch nicht so ins Zeug gelegt für die Jubilare. »Herzliche Zuneigung«: das würde für Alfred Grünfeld sprechen, aber da gibts keine Vertreter des Landes. »Redliche Tüchtigkeit«: für Schnitzler, aber da rückt wieder das Militär nicht aus. Auch dürfte es sich nicht um einen der Fünfziger handeln, die heuer wie falsches Geld herumlaufen, sondern eher um einen, der seit fünfundzwanzig Jahren — ich weiß es nicht, aber man sollte mir helfen. Man muß doch schließlich schon viel besser als ich wissen, wem ein verlorener Tonfall gehört. Ich habe die Übersicht verloren. Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen: So haben die Wiener einen ihrer titanischen Kaffeesieder gefeiert. Denn inzwischen ist ein Geschlecht von Epigonen nachgewachsen, und denen wird auch schon gehuldigt. Ich sehe zum Beispiel irgendwo ein Bild: ein Ehepaar. Er ein Charakterkopf. Darunter steht — wie eben immer die Tat, die den Mann berühmt gemacht hat, mit einem Schlagwort, gleich unter dem Bild und vor der eigentlichen Biographie, umrissen wird:

Cafétier Anton Stern, der Besitzer des Wiener Café Prückl, und seine Gattin, die in eigenen Autos die Gäste gegen Erlag einer Krone in ihre Wohnungen fuhren lassen.

Ja, so hat er ausgesehen, das hat er vollbracht; ein Blick, und man übersieht ein Leben und ein Werk. Überall Bild und Wort zur Feier genialer Initiative. Aber das Wort klingt wieder anders. Gibt es da noch Varianten? Fest steht: er hat den Gedanken gehabt, die Gäste gegen Erlag einer Krone — — Endlich der vertraute Hinweis: »Heuer zaubert er ...« Nämlich aus den Souterrainlokalitäten das Schmuckkästchen hervor, weiß schon weiß schon. Wo ich hinschaue, lese ich und sehe ich das jetzt. Das ist eine Welt von Taten und Tönen, die mich vollends bezaubern würde, wenn ich nicht neben mir die Stimme des Advokaten hören müßte, der mir fortwährend zuraunt: Aber das weiß doch so jeder Gebildete, daß das bezahlt ist! Oder: Wissen Sie sich keine ärgere Übel zu beleuchten? Harden hat doch größere Themas ... Nun weiß ich ja nicht, ob die Fähigkeit, solche Stimmen zu hören und gleich mitklingen zu lassen, wenn ich die Gefahr eines Cafétiers überschätze, mir nicht doch endlich als das größte Thema angerechnet werden wird. Fast glaube ich, daß ich nie einer Gesellschaft, die Einwände erhebt, begreiflich machen werde, daß der Einwand die Überschätzung erst berechtigt, ja mit dem Übel selbst übereinstimmt, und daß der Zeuge identisch ist mit dem Täter. Denn diese Gesellschaft läßt sich nur das begreiflich machen, was sich begreiflich machen läßt, aber ihre eigene Unbegreiflichkeit, die ein Motiv künstlerischer Ahnung ist, entzieht sich ihrem Verständnis. Der Advokat soll und darf den für irrsinnig halten, der dabei bleibt, daß der gesamte Balkan viel unwichtiger ist als eine einzige Kaffeesieder-Annonce. Der Advokat ist da des Einwands überhoben, daß man ein Ästhet sei, wenn man die Politik für unwichtig hält. Ist man denn ein Ästhet, wenn man sich statt für gute Luft und schöne Linie für das Heiratsangebot eines Budapester Spezialarztes interessiert? Es ist so furchtbar schwer, sich mit Leuten, die ihre fünf Sinne beisammen haben, zu verständigen. Lassen wirs. Dem letzten Tier, das jetzt den Ehrgeiz hat, in der Kärntnerstraße zwischen sieben und acht links zu gehen, versichere ich, daß ich es, das Tier, für tausendmal wichtiger halte als den Dr. Danew. Das wird ihm, dem Tier, doch genügen. Was ich zu tun habe, ist unwichtig. Es ist bloß der Versuch, Gott zu geben, was Gottes, und dem Tier, was des Tieres ist. Es ist bloß das Gestammel der Sehnsucht, den Geist zu trennen von den Dingen, die gebraucht werden. Und wenn ich darüber nachdenke, will ich Heine belangen. Und schon ist der Advokat da und sagt: Heine ist doch für die Journalisten, die später auf die Welt gekommen sind, nicht verantwortlich und das Lob der Cafétiers ist doch bezahlt! Der Advokat hat, da er nichts anderes hat, Recht. Er hat nicht nur dort recht, wo er recht hat, sondern immer. Er begreift nur die Verantwortung, und im Staat gibts größere Übel als jene. Aber das größte ist das kleine, für das niemand verantwortlich ist und jeder, der es nicht ist. Vor allem der, der früher gelebt hat und also schon tot ist. Ich kann dem lebendigen Advokaten keine andere Antwort auf die viertausend anonymen Briefe geben, die er mir schon geschrieben hat. Der Advokat ist nützlich und soll auch in der Welt einen Platz finden, die die andere wäre. Aber in der würde die Leistung des Advokaten oder des Cafétiers die ihr zukommende Wertung finden und nicht jene, die ihre Termini aus dem Reich des Genius holt. Denn wenn der Apparat des geistigen Lebens dem sozialen Zweck für Geld zur Verfügung steht, ist die Welt zu Ende. Der Advokat meint natürlich: wegen der Korruption meinen Sie? Nein, wegen der Erleichterung der Schamlosigkeit, die geistige Werte vergibt. Es ist gar kein Zweifel, daß die Beethovens verkürzt werden, wenn über die Kaffeesieder gesagt wird, daß sie Schöpfer sind, und sie werden umso gewisser verkürzt, wenn die Administration über den Wortschatz verfügt, den die Redaktion vom weiland Geiste gestohlen hat. Eine Gesellschaft ist dann auf dem Krepierstandpunkt, wenn sie zum Schmuck des Tatsachenlebens Einbrüche in kulturelles Gebiet begeht und duldet. Nirgendwo auf der Welt erlebt sich das Ende so anschaulich wie in Österreich. Hier kann sich die Entwicklung, deren Sendbote Heine war, täglich zweimal im Spiegel sehen. Die grauenvolle Abbindung der Phantasie durch die Ornamentierung geistiger Nachttöpfe hat hier schon zu jener vollständigen Verjauchung geführt, die der europäischen Kultur im Allgemeinen noch vorbehalten bleibt. Die Zeitung ruiniert alle Vorstellungskraft: unmittelbar, da sie, die Tatsache mit der Phantasie servierend, dem Empfänger die eigene Leistung erspart; mittelbar, indem sie ihn unempfänglich für die Kunst macht und diese reizlos für ihn, weil sie deren Oberflächenwerte abgenommen hat. Die Zeitung ist eine unlautere Konkurrenz, die beim Nachbarn Einbruch begeht und gegen die Kundschaft Gewalt anwendet. Wenn der alte journalistische Typus in den Krieg zog, so log er. Aber er begnügte sich damit, unwahre Tatsachen mitzuteilen. Der neue ist dazu unfähig und stiehlt Stimmungen. Natürlich verfaulen sie in seiner Hand sofort zur Phrase, deren Mißgeruch noch gegen den ersten Erzeuger einnimmt. Von Wippchen zu Zifferer sind wir arg heruntergekommen; die Lüge eines türkischen Siegs wäre schöner als die Poesie einer bulgarischen Landschaft. Hier sind wir ganz im Elend. Die Vorstellung ist pfutsch, es kann keinen Dichter mehr geben, weil schon der Reporter einer ist, und der Staat hat nicht mehr genug Phantasie, um die letzte Steuer zu erfinden, die wenigstens etwas wie ein Ausweg wäre und wie der ehrliche Versuch, aus dem geistigen Elend Kapital zu schlagen: die Phrasensteuer. Oder den Zehent an Nuancen. Tausendmal größer noch wäre der wirtschaftliche Gewinn als bei jener Ersparnis am Ornament, auf die es einer der seltenen Antiwiener, Adolf Loos, abgesehen hat, ein Rechtsgeher der Kultur, der das Parsifal-Motiv von den Automobilhupen separieren will und den der Idiotismus deshalb für einen Bejaher der Automobilhupen hält und nicht für den Befreier des Parsifal-Motivs. Was ist aber der faule Zauber um die surrogatbedürftige Leere des Zeitgenossen, der ohne Zierat nicht fahren und nicht essen kann, gegen die furchtbare Anwendung des Geistes auf die Dinge des journalistischen Hausgebrauchs, auf eine Nutzbarkeit oder Unentbehrlichkeit, die sich in der Meldung, daß geschossen wurde, daß einer angekommen ist und daß ein Cafétier sein Lokal vergrößert hat, nicht mehr ausleben kann ohne Stimmung, Plastik oder Bedeutung? Für Reklame muß auch in anderen publizistischen Regionen gezahlt werden und sie bekommt im Ausland sogar den Platz vor der Politik, wenn sie mehr einträgt. Eine Presse, die sich auf den Ehrgeiz beschränkt, eine Bedürfnisanstalt zu sein, wird dem Cafétier, der sein Geschäft empfehlen will, den Platz vor Herrn Iswolsky ausnahmsweise zur Verfügung stellen. Aber sie wird an ihn nicht den Vorrat von Geistigkeit wenden, den sie Künstlern vorenthält, nachdem sie ihn von Künstlern gestohlen hat. Nur eine infame Meinungspresse, wie wir sie haben, nur die Vertretung jenes schamlosen Anspruchs, daß ein meldender Bote Geist und eine Plakatsäule Gemüt habe, ist auch bereit, die Grenze zu verschieben. Die Korruption, die zwischen Textteil und Anonncenteil Schiebungen macht, ist völlig belanglos neben der Schweinerei, die in allen Rubriken dichtet. Es kommt nicht darauf an, wo, sondern wie ein Händler gelobt wird; es ist besser, wenn im Leitartikel eine Ware empfohlen wird, als wenn ein Jobber dort poetischen Unfug treibt, und es ist besser, wenn im Text die Ware beschrieben, als wenn im Anonncenteil der Händler besungen wird. Nicht im letzten Provinznest, wo schließlich der Kaffeesieder auch Bürgermeister sein kann und überhaupt der bedeutendste Mensch in der ganzen Gegend, nicht in Arad, nur in Wien, nur in einem Kulturzentrum, wo ein schlichtes Frühstück, bestehend aus Kaffee, Butter und Eiern, plötzlich auf den Namen »Prückl-Frühstück« hört und zehn Individualitäten auf einmal für eine die Meldung ausbrüllen: »Ein Prückl-Frühstück für den Herrn von Politzer!«, nur in Wien, wo eine Torte eines Tages als Zehetbauer-Creme-Torte erwacht, wo ein Speisenträger Napoleon heißt, aber ein Zahlkellner mit »Herr Zwirschina« angesprochen wird, nur in Wien, wo der Knödel ein Gedicht ist und die Musen Köchinnen, wo der Mensch darauf angewiesen ist, seinen Gefühlsbesitz an die Verrichtungen des äußeren Lebens zu wenden und aller Spielraum für Persönliches zwischen Essen und Verdauen gesucht und geboten wird, nur in Wien ist eine Annonce möglich, in der auf ein Kaffeehaus in der Porzellangasse nebst allem Stimmungszauber bereits die Erkenntnisse der benachbarten Psychoanalyse angewendet sind:

Eine Londoner Gesellschaft ohne Bibel ist gerade so undenkbar wie ein Wiener ohne eine Kartenpartie. Nicht allein das, es ist eine Haupteigenheit des Wieners, seine Lebensenergie gerade im Kaffeehause abzureagieren. Und dazu gehört Stimmung, mit einem Wort, ein echtes, elegantes »Wiener Café«.

Eine solche Stätte par excellence ist das »Café City«. Es ist unbestritten das vornehmste und mit allen der anspruchsvollen Zeit entsprechenden Forderungen eingerichtete Kaffeehaus im IX. Bezirk. — —

Die vornehme Intimität, insbesondere des Souterrainlokals, lädt unwiderstehlich zu Arrangements von Kegelabenden, Versammlungen und Unterhaltungen ein. Im Augenblick ist die vorzügliche Kegelbahn auf die praktischeste Art und Weise in einen veritablen, exquisiten Ballsaal umgewandelt. Die Wände sind mit Malereien von Künstlerhand geschmückt. Nicht vergessen erwähnt zu werden darf der reizend und diskret eingerichtete Ecksalon im ersten Stock, der für Damen den angenehmsten Aufenthalt bildet.

Von der Güte dieses Lokals des IX. Bezirks kann sich der Besucher überzeugen, wenn er am späten Nachmittag, am Abend durch seine Säle schreitet. Kunst und Großindustrie, das vornehmste Literatentum, Vertreter der Wiener Presse erblickt er in heiterer, zufriedener Laune, zu der den Hauptbeitrag auch die Bequemlichkeit des Cafés liefert, versammelt.

Diese berechtigten und würdigen Erfolge kommen nicht von selbst. Sie sind die Frucht des distinguierten Geschmackes und der warmen Liebenswürdigkeit des Herrn Laufer, eines der routiniertesten Cafétiers Wiens.

Es ist ja klar, daß ein Vertreter des vornehmsten Literatentums des IX. Bezirks das Gedicht verfaßt haben muß, und man könnte meinen, daß diese spezifische Verbindung von Farbe und Ton das Übel, das sich hier erbricht, bloß auf den IX. Bezirk reduziert erscheinen läßt. Aber das wäre Täuschung. Denn es ist ein weltumfassender Glaube, der hier im Jargon der psychologischen Bildung spricht, und vielleicht ist von ihm wirklich nur jene Londoner Gesellschaft ausgenommen, die eine furchtbare Erkenntnis hier auf die Bibel vertröstet. Jedes Wort, das in der Annonce geschrieben steht, ist wahr und tief. Was nützte es, einen Kordon um einen Stadtteil zu ziehen, der ein Weltteil ist? Nicht vergessen erwähnt zu werden darf hier etwas:

Weiter: "Am Nasenring durch die Manege - von Souveränität und Freiheit"