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Warte, warte nur balde ... Pfingsttägliche Betrachtungen

Mai 2018
21

oder, ‘Wie ein bisschen Naschen die Menschheit in die Freiheit stürzte...’

So der heilige Geist niedergefahren und die Jünger fortan sprachbegabte, fielen wohl auch einige dieser Ambrosianischen Tropfen auf die hier geliebten Denker und Dichter. Ein Buch das heute in der Gänze wohl eher unbekannt ist offenbart Perlen der philosophischen Betrachtungen. Es ist der Beginn eines Krieges und Voltaires Ansichten gehören heute zum Grundbestand eines jeden denkenden Menschen (auch wenn zuweilen Zweifel daran aufkommen). Es soll angeblich in feuchtfröhlichem Gelage am Hofe Friedrichs II. die Idee entstanden sein, der christlichen Religion und ihren allseits bestimmenden Themen ein Werk entgegenzusetzten, dass die Positionen der französischen Aufklärung in verständlicher Form zusammenfasste. Welch ein Affront! Es verbreitete sich subversiv vergnüglich an passenden Orten und konnte nicht aufgehalten werden. Sogleich nach Erscheinen wurde es allerdings in Paris verbrannt und Voltaire musste sich auf die Flucht begeben! Und das, obwohl er durchaus den Glauben an einen Gott als Bedingung der menschlichen Moral rechtfertigte, ohne den das Volk kurz über lang alle Hemmungen und Ängste verlieren und zu gewalttätigen Mitteln gegen die herrschende Ordnung greifen würde.

Recht so, meine Herren, erobert euch die Erde, denn sie gehört dem Starken oder dem Geschickten, der sich ihrer bemächtigt. Ihr habt euch die Zeiten der Unwissenheit, des Aberglaubens, des Wahnsinns zunutze gemacht, um uns unser Hab und Gut zu rauben und uns mit Füßen zu treten, um euch auf Kosten der Unglücklichen zu mästen. Zittert vor dem anbrechenden Tag der Vernunft.

Voltaire „Philosophisches Wörterbuch“
Voltaire ( François-Marie Arouet 1694–1778 ) »Dictionnaire philosophique portatif« (Philosophisches Taschenwörterbuch), zuerst Genf/London 1764.

Voltaire

Ueber den Satz: »Alles ist gut.«

(»Tout est bien.«)

Ich bitte euch, ihr Herren, mir den Satz: Alles ist gut, zu erklären, denn ich verstehe ihn nicht.

Bedeutet es, Alles ist der Theorie der bewegenden Kräfte gemäß eingerichtet und angeordnet, so verstehe ich das und räume es ein.

Versteht ihr darunter, daß Jeder sich wohl befindet, daß Jeder zu leben hat, daß Niemand leidet? Ihr wißt, wie falsch das ist.

Ist eure Ansicht die, daß all das beklagenswerthe Elend, welches auf der Erde lastet, in Beziehung auf Gott gut ist und daß er sich dessen freut? An eine solche Scheußlichkeit glaube ich nicht und ihr eben so wenig.

Ich bitte euch, erklärt mir den Satz: Alles ist gut. Der superkluge Platon ließ Gott gnädigst die freie Wahl zwischen fünf Welten, und zwar aus dem Grunde, weil es, wie er sagt, nur fünf regelmäßige Körper in der Geometrie giebt, nämlich das Tetraedron, den Kubus, das Hexaedron, das Dodekaedron und das Ikosaedron. Allein warum will er der göttlichen Macht so enge Schranken setzen? Warum will er ihr nicht die Kugel gestatten, die noch regelmäßiger ist, und selbst den Kegel, die mehrseitige Pyramide, den Cylinder etc.?

Gott wählte nach ihm nothwendiger Weise die beste aller möglichen Welten. Dies System wurde von verschiedenen christlichen Philosophen angenommen, obgleich es dem Dogma der Erbsünde zu widerstreiten scheint; denn unser Erdball ist nach jener Katastrophe der bestmögliche Erdball. Er war es vorher; er könnte es mithin noch jetzt sein; viele Leute aber glauben, daß er, weit entfernt der beste zu sein, vielmehr der schlechteste aller denkbaren Erdbälle ist.

Leibniz bekannte sich in seiner Theodicäe zu Platon’s System. Mehr als ein Leser beklagte sich, den Einen so wenig zu verstehen, wie den Andern. Was uns betrifft, so bekennen wir, nachdem wir Beide zu wiederholten Malen durchgelesen, unumwunden, wie wir zu thun pflegen, unsere Unwissenheit; und da das Evangelium uns über diese Frage nichts offenbart hat, verharren wir ohne Gewissensskrupel in unserer Finsterniß.

Leibniz, der von Allem redet, läßt sich auch über die Erbsünde vernehmen; und da Jedermann, der ein System hat, Alles in seinen Plan zu bringen weiß, was damit im Widerspruch stehen könnte, so stellte er den Satz auf, daß der Ungehorsam gegen Gott und das daraus hervorgegangene schreckliche Unheil integrirende Theile der besten aller möglichen Welten, nothwendige Ingredienzien jeder möglichen Glückseligkeit seien. »Calla, calla, señor Don Carlos: todo che se haze es por su ben«.

Wie! aus einem Orte des Wohllebens vertrieben werden, aus einem Orte, wo man ewig gelebt haben würde, wenn man nicht unglücklicher Weise einen Apfel gegessen hätte! Wie! im Elend elende und verbrecherische Kinder zeugen, die selbst alle Leiden erdulden und sie wieder auf andere vererben werden! Wie! alle Krankheiten ausstehen, allen Kummer und Verdruß erfahren, eines schmerzhaften Todes sterben und zur Erfrischung Ewigkeiten hindurch in der Hölle braten: das Alles sollte das beste Loos sein, das uns beschieden werden könnte? Das ist doch wahrhaftig nicht allzu gut für uns, und inwiefern könnte es wohl gut für Gott sein?

Leibniz fühlte wohl, daß sich hierauf nichts erwidern lasse: auch schrieb er dicke Bücher, worin er selbst nicht verstand, was er sagte.

Das Dasein des Uebels mag allenfalls ein Lucullus lachend hinwegleugnen wollen, wenn er sich wohl befindet und mit seinen Freunden und seiner Geliebten in seinem Apollosaal eine stattliche Mahlzeit hält. Allein er stecke nur den Kopf zum Fenster hinaus, so wird er Unglückliche sehen; er bekomme das Fieber, so ist er es selbst.

Ich citire nicht gern. Es ist gewöhnlich eine ziemlich mißliche Sache damit; man läßt das, was der citirten Stelle vorhergeht oder darauf folgt, unberücksichtigt und setzt sich tausenderlei Kritteleien aus. Hier kann ich indessen nicht umhin, den Kirchenvater Lactanz zu citiren, der im 13. Kapitel seines Buchs vom Zorne Gottes dem Epikur folgende Worte in den Mund legt: »Entweder will Gott das Böse aus der Welt entfernen und kann es nicht, oder er kann es und will es nicht, oder er kann es nicht und will es nicht, oder endlich er will es und kann es. Will er es und kann es nicht, so ist das ein Unvermögen, was dem Wesen Gottes widerspricht; kann er es und will es nicht, so ist es Bosheit, die seiner Natur nicht minder zuwider läuft; will er es nicht und kann es auch nicht, so ist es Bosheit und Unvermögen zugleich; will er es aber und kann es auch (was der einzige von diesen Fällen ist, der dem Wesen der Gottheit entspricht): woher kommt dann das Böse auf Erden?«

Das Argument ist schlagend. Auch beantwortet Lactanz es sehr schlecht, indem er sagt, Gott wolle das Böse, habe uns aber die Weisheit verliehen, vermittelst deren man das Gute erwirbt. Man muß gestehen, daß diese Antwort im Vergleich mit dem Einwurf sehr schwach ist; denn sie setzt voraus, daß Gott die Weisheit nicht anders verleihen konnte, als indem er das Böse ins Dasein rief; und dann mit welcher allerliebsten Weisheit sind wir ausgerüstet!

Der Ursprung des Bösen war von jeher ein Abgrund, dessen Boden Niemand zu sehen bekommen hat. Dies trieb eben so viele alte Philosophen und Gesetzgeber dermaßen in die Enge, daß sie ihre Zuflucht zu zwei Grundprincipien, einem guten und einem bösen, nahmen. Typhon war das böse Princip bei den Aegyptern, Arimanes bei den Persern. Die Manichäer nahmen bekanntlich diese Theologie an; da aber diese Leute nie, weder mit dem guten, noch mit dem bösen Princip persönlich verkehrten, darf man ihnen nicht aufs Wort glauben.

Unter den Dummheiten, wovon diese Welt strotzt und die man auch zu den Uebeln derselben rechnen kann, ist es keine der geringsten, zwei allmächtige Wesen anzunehmen, die sich darum schlagen, welches von ihnen in den Angelegenheiten dieser Welt am thätigsten die Hände im Spiel haben soll, und die einen Vertrag schließen, wie die beiden Aerzte im Molière: »Lassen Sie mir das Brechmittel, so lasse ich Ihnen den Aderlaß«.

Basilides behauptete im ersten Jahrhundert der Kirche, sich hierin an die Lehre der Platoniker lehnend, Gott habe seinen untergeordnetsten Engeln aufgetragen, unsere Welt zu schaffen, und diese hätten, in Ermangelung hinreichender Geschicklichkeit, ein Machwerk zu Stande gebracht, wie wir es vor uns sehen. Diese theologische Fabel hält nicht Stand vor dem furchtbaren Einwurf, daß es nicht im Wesen eines allmächtigen und allweisen Gottes liegt, ein Weltgebäude von Baumeistern aufführen zu lassen, die nichts von der Sache verstehen.

Simon, der den Einwurf vorausahnte, kömmt ihm durch die Erzählung zuvor, daß der Engel, welcher der Werkstätte vorgestanden, verdammt worden sei, weil er seine Sache so schlecht gemacht; allein das höllische Feuer, worin dieser Engel brennt, heilt uns nicht von unsern Uebeln.

Die Geschichte der Pandora bei den Griechen widerlegt den Einwurf eben so wenig. Die Büchse, worin sich alle Uebelbefinden und auf deren Boden die Hoffnung zurückbleibt, ist zwar eine schöne Allegorie; allein diese Pandora wurde vom Hephästos nur verfertigt, um sich am Prometheus zu rächen, der einen Menschen aus Koth gebildet hatte.

Die Inder trafen es nicht besser. Nachdem Gott den Menschen geschaffen, gab er ihm eine Arznei, die ihm eine ewige Gesundheit sicherte. Der Mensch belud seinen Esel damit, der Esel hatte Durst, die Schlange zeigte ihm eine Quelle, und während der Esel trank, nahm die Schlange die Arznei zu sich.

Die Syrer ersannen folgende Fabel. Der Mann und das Weib, die im vierten Himmel erschaffen waren, ließen sich einst gelüsten, statt der Ambrosia, ihrer natürlichen Nahrung, einen Kuchen zu essen. Die Ambrosia hatte sie durch die Haut ausgedünstet, nachdem sie aber von dem Kuchen gegessen, mußten sie zu Stuhle gehen. Der Mann und das Weib baten einen Engel, ihnen zu zeigen, wo das geheime Kabinet sei. »Seht ihr,« sprach der Engel, »jenen kleinen Planeten, ein Punkt, ein Nichts an Größe, dort unten einige sechzig Millionen Meilen von hier, das ist das heimliche Gemach des Weltalls, macht schnell, daß ihr hinkommt.« Sie gingen hin, man ließ sie dort, und seit dieser Zeit war unsre Welt, was sie dermalen ist.

Man kann nun aber immer auch die Syrer fragen, warum Gott es zugab, daß der Mensch den Kuchen aß und daß uns daraus eine so unsägliche Menge der schrecklichsten Uebel erwuchs.

Von jenem vierten Himmel gehe ich schnell zu Lord Bolingbroke über, um der Langenweile zu entgehen. Dieser Schriftsteller, unstreitig ein großer und tiefer Geist, gab dem berühmten Pope die Grundidee zu seinem Gedicht über den Satz: Alles ist gut, die man in der That Wort für Wort in Bolingbroke’s nachgelassenen Schriften wiederfindet und die Lord Shaftesbury schon früher seinen Charakteristiken einverleibt hatte. In dem Kapitel von den Sittenlehrern bei Shaftesbury findet man wörtlich Folgendes:

»Auf jene Klagen über die Mängel der Natur läßt sich Mancherlei erwidern. Wie konnte sie (heißt es) so ohnmächtig und mangelhaft aus den Händen eines vollkommnen Wesens hervorgehen? Allein ich stelle in Abrede, daß sie mangelhaft ist – – Ihre Schönheit ergiebt sich eben aus den Widersprüchen, und die Harmonie des Ganzen entspringt aus einem beständigen Kampf – – Jedes Wesen muß dem andern geopfert werden; die Pflanzen den Thieren, die Thiere der Erde - ; und die Gesetze der Centralkraft und der Schwere werden nicht einem armseligen Thiere zu Liebe gestört werden, das binnen Kurzem durch eben diese Gesetze, mögen sie es immerhin während seines Lebens beschützen, wieder zu Staub wird«.

Bolingbroke, Shaftesbury und Pope, der ihre Gedanken in das Gold seiner Verse faßte, lösen die Frage nicht befriedigender als die übrigen. Ihr »Alles ist gut« will weiter nichts sagen, als das Alles durch unwandelbare Gesetze regiert wird. Allein wer weiß das nicht? Ihr lehrt uns nichts Neues, wenn ihr die Bemerkung, die alle kleine Kinder bereits an den Schuhen abgelaufen haben, wiederholt, daß nämlich die Fliegen dazu da sind, von den Spinnen gefressen zu werden, wie die Spinnen von den Schwalben, die Schwalben von den Spechten, die Spechte von den Adlern, die Adler, um von den Menschen getödtet zu werden, die Menschen, um sich einander zu tödten und von den Würmern gefressen zu werden, so wie demnächst noch von den Teufeln, wenigstens von tausenden immer 999.

Das ist eine bündige und consequente Ordnung bei den Thieren jeder Gattung; überall herrscht Ordnung. Wenn sich in meiner Blase ein Stein bildet, so geschieht das vermittelst einer ganz bewundernswürdigen Mechanik: steinige Substanzen gehen zu kleinen Theilen in mein Blut über, werden in den Nieren filtrirt, passiren durch die Uriteren, lagern sich in meiner Blase und, vermöge einer ausgezeichneten Newton’schen Attractionskraft, sammeln sie sich dort an. Der Stein bildet sich und wird immer größer. In Folge der schönsten Einrichtung von der Welt stehe ich Schmerzen aus, die zehnmal ärger sind als der Tod. Ein Chirurg, der die vom Tubalkain erfundene Kunst vervollkommnet hat, stößt mir ein spitzes und scharfes Eisen in das Perinäum, faßt meinen Stein mit seiner Zange, vermöge eines nothwendigen Mechanismus zerbröckelt er bei seinen Bemühungen, und in Folge des nämlichen Mechanismus sterbe ich unter entsetzlichen Qualen. Alles das ist gut; Alles das ist die augenscheinliche Folge unwandelbarer physischer Principe. Das gebe ich zu und wußte es längst so gut, wie Ihr.

Wären wir gefühllos, so ließe sich gegen diese Physik nichts einwenden. Aber davon ist hier nicht die Rede; wir fragen Euch, ob es keine fühlbaren Uebel giebt, und woher sie kommen? »Es giebt keine Uebel,« sagt Pope in seiner vierten Epistel über den Satz: Alles ist gut; »giebt es besondere Uebel, so machen sie in ihrer Gesammtheit das allgemeine Wohl aus«.

Ein seltsames allgemeines Wohl, in der That, das aus dem Stein, der Gicht, allen möglichen Verbrechen, allen möglichen Leiden, dem Tode und der Verdammniß bestehen soll.

Der Fall der Menschen ist das Pflaster, welches wir auf alle jene besondern Krankheiten des Körpers und der Seele legen, die Ihr in ihrer Gesammtheit allgemeine Gesundheit nennt. Allein Shaftesbury und Bolingbroke wagten die Erbsünde zu bestreiten. Pope redet nicht davon. Offenbar untergräbt ihr System die christliche Religion in ihren Grundfesten und erklärt doch durchaus nichts.

Gleichwohl wurde dies System seit einiger Zeit von mehreren Theologen, die gern Widersprüche zugeben, gebilligt. Immerhin! man darf Niemand den Trost mißgönnen, nach bestem Vermögen über die Fluth von Uebeln, die uns überschwemmt, zu philosophiren. Kranken, die man einmal aufgegeben hat, mag man billiger Weise erlauben, zu essen, was sie wollen. Man hat sogar dies System für sehr trostreich erklären wollen. »Gott,« sagte Pope, »sieht mit gleichem Auge den Untergang des Helden und den Tod des Sperlings, die Vernichtung eines Atoms und den Zusammensturz ganzer Sonnensysteme, das Platzen einer Seifenblase und einer Welt«.

Nun, das gesteh’ ich, ein herrlicher Trost! Findet Ihr nicht eine beträchtliche Linderung Eures Schmerzes in der Erklärung Lord Shaftesbury’s, der da sagt, Gott werde seine ewigen Gesetze nicht eines so armseligen Thiers wegen, wie der Mensch sei, stören? Wenigstens muß man gestehen, daß dies armselige Thier wohl berechtigt ist, sein Loos in aller Demuth zu beklagen und, indem es klagt, nachzuforschen, warum diese ewigen Gesetze nicht dem Wohlbefinden jedes Einzelwesens gemäß eingerichtet sind.

Das System: Alles ist gut, stellt den Urheber der ganzen Natur nur als einen mächtigen und böswilligen König hin, der wenig darnach fragt, ob es 4 oder 500,000 Menschen das Leben kostet, und ob die übrigen ihr Dasein in Jammer und Elend hinschleppen, wenn er nur seine Zwecke erreicht.

Weit entfernt also sehr tröstlich zu sein, muß vielmehr die Hypothese von der besten aller möglichen Welten die Philosophen, welche sich dazu bekennen, in Verzweiflung setzen. Die Frage nach dem Ursprunge und Zweck des Guten und des Bösen bleibt ein unentwirrbares Chaos für Jeden, der in gutem Glauben danach forscht. Sie ist eine Uebung des Scharfsinns für Leute, die gern disputiren; sie kommen mir wie Galeerensklaven vor, die mit ihren Ketten spielen. Was das gedankenlose Volk betrifft, so gleicht es so ziemlich den Fischen, die man aus einem Flusse in einen Behälter gebracht hat. Sie haben keine Ahnung davon, daß sie als Fastenspeise verzehrt werden sollen. Auch erfahren wir durch uns selbst nicht das Geringste von den Ursachen unsers Geschicks.

Fast alle Kapitel der Metaphysik können wir füglich mit jenen beiden Buchstaben beschließen, wodurch die römischen Richter erklären, daß eine Sache ihnen nicht klar sei: N. L., non liquet. Vor Allem aber wollen wir die Elenden zum Schweigen bringen, die, wie wir unter der Last menschlichen Elends seufzend, dasselbe noch durch die Raserei der Verleumdung vergrößern. Wir wollen ihre fluchwürdigen Betrügereien zu Boden schlagen und im Glauben an die Vorsehung Schutz und Zuflucht suchen.

Es gab Vernünftler, die behaupten wollten, es liege nicht in der Natur des Wesens aller Wesen, daß die Dinge anders sein könnten, als sie sind. Das ist ein hartes System; ich kenne es nicht genau genug, um mich nur an die Untersuchung desselben zu wagen.

Quelle:
Kandid oder die beste Welt. Von Voltaire. Leipzig 1844, S. 25-37.
Es handelt sich um den Artikel »Tout est bien« (Alles ist gut) aus Voltaires »Dictionnaire philosophique portatif« (Philosophisches Taschenwörterbuch), zuerst Genf/London 1764. Der Text folgt der Übersetzung von A. Ellissen von 1844.


N. L.

Variations on: Whatever is, is RIGHT.
[*] Henry St. John Bolingbroke lebte, nachdem er sich aus dem aktiven Politikerleben zurückgezogen hatte, wie auch Alexander Pope und Sir Robert Walpole, dem ersten Premierminister Großbritanniens, in Twickenham in der früheren Grafschaft Middlesex nicht weit voneinander entfernt und war letzterem in herzlichster Abneigung verbunden, da sich beide in ihrer aktiven Zeit das Leben gegenseitig erschwerten. Sir Robert war wiederum der Vater des hier schon genannten Horace Walpole, des großen Briefeschreibers, Wortschöpfers und Gartenliebhabers, der einen Großteil seiner Berühmtheit mit dem 1794 erschienenen Buch „Über die englische Gartenkunst“ erlangte, in dem er das Konzept des Englischen Landschaftsgartens beschreibt. Sein Schlösschen ebenfalls in Twickenham, heute ein Teil Londons, benannte er “Strawberry Hill”. So ließe sich der Faden sicher weiter spinnen ... Doch dies ist eine andere Geschichte!

Will.kommen - Gedeih und Verderb - ein Geduldsspiel

Mai 2018
01

Nun hat der olle Marx bald endlich seinen 200. Geburtstag gefeiert und macht den Menschen immer noch Angst, ist doch die soziale Frage längst noch ungelöst, wenn nicht gar manchen auch völlig abhanden gekommen. Beschäftigt sie sich doch mit dem Kommen und dem Abkommen; und stellt die Frage, wieviel von dem einen oder anderen, dem Menschen an sich, den Menschen oder der Gesellschaft bekömmlich sei.

Hat der liebe Herrgott uns doch alle aus dem gleichen Stoffe kommen lassen, so dass unsere Niederkunft, der Herkunft eine Unterkunft biete. So stellt unsere Ankunft auf Erden ein Kommen, ja sogar ein Abkommen dar, dessen wir uns sicher sein können, aus der Herkunft gleichen Maßes entsteht. Doch schon mit dem Erscheinen des Abkommen wird dem Abkömmling ein Auskommen in die Wiege gelegt, das nicht mehr vom gemeinsamen Abkommen, sondern vom Einkommen der Herkommen, der weltlichen Abkunft bestimmt ist.

Das wagende Beschreiten wird zum Zustand! Und doch ist das Kommen mit all seinen Abkömmlingen ein Bewegendes. Ein Schreiten; ein Kommen und Gehen. Wir nähern uns mit dem Kommen einem Orte, einem Ereignis, einem Ziel und bestimmen “Derivatenhaft” deklinierend fortwährend unsere Position zu diesem Wollen, von der Abkunft in die Zukunft könnte man sagen.

Wir kommen zusammen in der Zusammenkunft, schließen Übereinkunft, geben Auskunft, bieten Unterkunft, kommen zu früh oder kommen zu spät, kommen auf und kommen an. Manche sind auf ewig mit dem Kommen beschäftigt, so dass sie nie ihr Ziel erreichen, während andere sich stets sofort der Ankunft, der Bewegungskonsolidierung widmen. Wir heben bestimmte Vorkommen als wichtige Herkommen im Kommen als Hervorkommen hervor, dass sie die punktuellen Stationen eines Entkommens, Vorkommens, Auskommens, Unterkommens, An- und Nachkommens, eines über-, unter-, weiter-, zu- und bei-kommens sind.

Heute wird dem Einkommen ein großer Wert beigelegt, das sicherlich das Auskommen beachtlich steigert, doch schnell dessen Grenzen erreicht, in denen es keinerlei Bedeutung für mehr besitzt, als diejenige, abgekoppelt vom Kommen, Einkommen zu generieren das allein das Bekommen befriedigt. Spätestens ab diesem Zeitpunkt wird das Kommen zur Verkommenheit und verkommt elendig zu seinem Gegenteil, einer Verwahrlosung des Sittlichen.

Sollte einmal jemand eine Ethymologie des Kommens in Bezug auf Gesellschaftsformen und Ökonomie schreiben, und das wäre bestimmt interessant zu erlesen, wie die Begriffe im Zeitlichen sich zur Form bestimmten, da selbst Begriffe wie überliefert und vererbt, Abstieg und Aufstieg, Fremde, Herkunft, Sitte und Brauch eine Ableitung dieses Bewegenden sind, so käme bestimmt heraus, dass alleine das darin enhaltende Bewegende das entscheidende Element des Kommens mit all seinen Derivaten ist. Immer dann, wenn das Bewegende sich in den unbewegten, sammelnden Zustand verwandelt, wird es zu einem schwarzen Loch, von teils gigantischer Dimension. Es saugt die Bewegung aus dem Markt. Nimmt dem Werden des Kommens seine Kunft ! Man könnte wahrlich eine ganze Philosophie auf dem Kommen gründen, denn sie beschäftigt sich, und mit allen Spielarten ihrer Abkömmlinge, direkt mit dem Sein, dem Werden und Vergehen, dem wir alle, unsere Gesellschaften und Sozialitäten unterliegen.

In unserer Nachkommenschaft liegt die Relevanz unseres Herkommens - die Wurzel - ihr tragendes Element in der erbenden Verantwortung all derer die vor uns taten, und gleichzeitig, in dem wir gehen, ein Futur, ein Abstraktum, für das, was wir durch ein ebensolches Element dem Erbgut, ja dem Gemeingut hinzufügen. Die Wurzel des Wortes ‘Kommen’, in seinen mundartlichen Ausprägungen der europäischen Völker des Frühmitelalters, als queman, comen, komen, kuma, koma, cuman, to come, qiman, koma, komma, bis hin zum germanischen *kweman, geht auf das altindische, indo-europäische Wort gámati für ‘geht’ zurück, dessen unerschiedliche Spielarten im mittleren und vorderen Orient, als käm-, kam-, kum-, sem-, zum griechischen bá͞inein (βαίνειν) für ‘gehen’, dem lateinischen venīre für ‘kommen’, und, über die russisch-baltisch-armenisch-arvestischen Worte für ‘Geburt’, ‘gebären’, ‘er kam’, zum litauischen gim̃ti, für ‘zur Welt kommen, geboren werden, entstehen’ führt, die aber alle auf einer indo-europäischen Wurzel *gu̯em- für ‘gehen, kommen, zur Welt kommen, geboren werden’ fußen. So ist es mehr als Recht, dem Abkommen, eine grundlegendere Bedeutung als der familiären oder völkischen Betrachtungsweise zuzuweisen. Dies könnte auch helfen, um dem Marxschen Gedanken einen Standpunkt zu geben, der die Ausgestaltungen prägt.

Bringen wir zum Abschluss doch noch ein wenig (mehr) Bewegung in die Sache mit dem Kommen... Die neue Sonderbriefmarke des Bundesfinanzministeriums zu Karl Marx verdeutlicht das Geschehen nur allzu gut. Nur durch die zeitliche und weltliche Bewegung lässt sich der Gute scharf stellen. (Das übt sich am besten mit der großen Version, durch Klick)

© Sonderbriefmarke des Bundesfinanzministeriums zu Karl Marx, 2018

Paradoxien und Knoten

Okt 2017
17

Es ginge wohl, aber es geht nicht!

Nicht das wir uns falsch verstehen, ich bin trotz all seiner himmelschreienden Unzulänglichkeiten immer noch ganz zufrieden mit meinem Hausriff. Die Parteien und Räuber, ja die ewigen Opfer sind bekannt und alles Leben hat sich geordnet, folgt dem Laufe seiner Natur.

Ich erinnere mich eines Gespräches von Max Brod mit Kafka, das vom heutigen Europa und dem Verfall der Menschheit handelte.

« „Wir sind”, so sagte er, „nihilistische Gedanken, Selbstmordgedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen”. Mich erinnerte das zuerst an das Weltbild der Gnosis: Gott als böser Demiurg, die Welt sein Sündenfall. „O nein,” meinte er, „unsere Welt ist nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechter Tag.” — „So gäbe es außerhalb dieser Erscheinungsform Welt, die wir kennen, Hoffnung?” — Er lächelte: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, — nur nicht für uns.” » °

Und noch lieber habe ich die Interpretation dieses Gespräches aus dem berufenen Mund seines Biographen Rainer Stach, und das in etwas so lautet: « Und heißt das es gibt keine Hoffnung? Kafka setzte sein schelmisches Lächeln auf und sagte: "Aber natürlich gibt es Hoffnung, es gibt sogar unendlich viel Hoffnung ... nur nicht für uns!” » ;-)

Dies in mancherlei Hinsicht interessante Jahr 2017 neigt sich seinem Herbst. Neulich hörte ich jemand sagen, das Kommunistische Manifest sei von ganz besonderer Art. Ein Sprachkunstwerk sondergleichen, allenfalls vergleichbar der Genesis, der Verfassung, oder dem Koran, im Sinne seiner schier unangreifbaren Ausführung als Gedicht. Im Fühjahr vor 150 Jahren erschien das besagte Dokument. Das kunstvolle Manifest beginnt mit dem heute geflügelten Wort: “Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus”. Und es endet mit dem bekannten Aufruf: “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!”.

Ein Gespenst geht um in Europa ist auch heute noch eine geeignete Wortschöpfung, um die totgeglaubten anti-europäischen oder nationalen Gespenster 2017 zu beschreiben. Der Kommunismus als Absolutismus hat sich aufgerieben. Ist der Geilheit des Geldes, des Kapitals gewichen. Hat dem wahren Sinn dieses Aufrufes in seinen siebzig schauerlichen großen Jahren einen prägenden Totenkopf verliehen. Wer mag, kann sich durch die Nobelpreisträger für Literatur 2009, Herta Müller (Atemschaukel ³) oder 1970, Alexander Issajewitsch Solschenizyn lesen, um einen Eindruck davon zu davon bekommen, was die dunkle Seite der Macht mit einer großen Idee anzustellen vermag.

Das Manifest wurde in fast alle Sprachen der Welt übersetzt und lebt heute noch, selbst wenn es, ebenso wie das 20 Jahre später geschriebene „Das Kapital”, als Originaldokument verschwunden ist. Erst 2013 wurden von der UNESCO die beiden Dokumente in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Beide Dokumente bzw erhalten gebliebene Kopien werden im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt.

Woher kommt nun diese Ansicht eines sprachlichen Kunstwerkes von biblischen Ausmaßes?

Das Manifest ist nicht nur ein wichtiger theoretischer sozialistischer Text , sondern darüber hinaus ein komplexes Sprachkunstwerk von weltliterarischem Rang ... das Kommunistische Manifest als politische Rhetorik ist von einer fast biblischen Sprachgewalt.

genauer

Das Manifest ist nicht nur ein wichtiger theoretischer sozialistischer Text , sondern darüber hinaus ein komplexes Sprachkunstwerk von weltliterarischem Rang, das sich durch eine wortmächtige Bildersprache, rhetorische Kunstgriffe, revolutionäre Parolen und intertextuelle Bezüge auszeichnet. Kurzum, das Jugendwerk von Marx und Engels ist ein Klassiker der deutschen Literatur. ¹

Hobsbawm seinerseits betont ebenfalls die literarischen Qualitäten dieses Texts: «Was immer es sonst ist, das Kommunistische Manifest als politische Rhetorik ist von einer fast biblischen Sprachgewalt.» ²

Dieser zwischen Analyse und Dialektik pendelnde, in seiner ganzen kulminativen Kraft zuspitzender Aufruf führte zusammen, was zu den Revolutionen der 40er Jahre, und, kurz nach Veröffentlichung, zur französischen Februarrevolution und zur deutschen Märzrevolution des Jahres 1848 führte, ... den Aufständen gegen die festgefahrene Klassengesellschaft des Großbürgertums, der Fürsten und des Adels, die ihren Untertanen keine Luft zum Atmen ließen, der Unterdrückung und Ausbeutung, den Hungersnöten, ja, den harten Lebensbedingungen der einfachen Menschen im Beginne der industriellen Revolution, dem Industriekapitalismus.

Nicht die Kritik, sondern die Revolution [ist] die treibende Kraft der Geschichte.

Wer einen Eindruck bekommen will von dem was unter anderem einerseits zu besagtem Ausbruch führte und andererseits Millionen in die Auswanderung zwang, sehe den bemerkenswerten Film von Edgar Reitz: Die andere Heimat. Ein großes Epos von suggestiver Kraft und lehrreich für das eigene Verständnis jener Epoche.

So zwangen die Zustände, Gedanken und Formulierungen die Menschen in Richtungen, wortwörtlich und politisch. Liberales Bürgertum auf der einen Seite, später gespalten in die Liberalen und die Demokraten, und ein radikaler Sozialismus/Kommunismus auf der anderen Seite, vorerst einig darin, aus dem Deutschen Bund einen nationalen Verfassungs- und Rechtsstaat zu machen.

Ausgehend von Frankreich schwappte das Republikanische in den Süden, nach Baden und verbreitete sich von da aus über die Bezugspunkte der damaligen Zeit durch Denker und Aktionisten in die Lande. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. erkannte wohl die Ausweglosigkeit der verfahrenen Zustände und, um nicht hinweggefegt zu werden, setzte sich an die Spitze dieser Bewegung, als ihm die Kaiserkrone angetragen wurde. Er ersetzte die Regierung durch ein liberales Märzministerium und für Preußen wurde eine deutsche Nationalversammlung akzeptiert, die eine liberale Verfassung ausarbeiten sollte. Der Rest ist bekannt.

 

(Abb. 388.) Nr_034 Lithographie, Karikatur, Friedrich Wilhelm IV, 1849 © Universitätsbibliothek; HZK

Sammlung von Flugblättern (1848 u. 1918-22) u. Flugschriften, Historische Sammlungen der Universitäts-Bibliothek
“Anläßlich der Antragung der Kaiserkrone an Friedrich Wilhelm IV., die dieser im April 1849 ablehnte. Zeigt den preußischen König, dem alte Germanen die Kaiserkrone überreichen, ohne wahrzunehmen, daß der von ihnen Erwählte keinen Kopf besitzt. Mit der Gesichtslosigkeit Friedrich Wilhelms wird dessen schlingernder Kurs in der Frage der deutschen Einheit kritisiert, der vom Versprechen eines Aufgehens Preußens in Deutschland (März 1848), über die den Anspruch einer Führungsposition Preußens bis zum außenpolitischen Alleingang (September 1848), preußischer Separation (Nov.-Dez. 1848) und schließlich der demonstrativen Ablehnung der Kaiserkrone reichte” (Ehbrecht 34).
Hinter dem König stehen Zar Nikolaus, Kaiser Franz Josef und die Könige von Württemberg, Sachsen, Bayern und Hannover. Wolf 1982, 75; Blum 1897 

 

Die Kommunisten, als Auftraggeber des Manifestes, mussten ihre Revolution von der Herrschaft des Proletariats in Mitteleuropa verschieben. Marx und Engels wurden ins Exil nach England getrieben. Sie konnte erst 1917 in Russland wieder Fuß fassen und sich fortan selbst ad absurdum führen. So ich dies schreibe fällt es mir auf ... und ein, denn frei nach Solschenizyn ist 1917 ein Knotenjahr. Hoffen wir das 2017 (nicht) ein ebensolches ist. Etwas Kulminierendes hat es schon ... auch wenn es in diesem Jahr nicht mehr platzen wird. Eine merkwürdige Kombination, ein gruselndes Jubiläum, paradoxer Jahre!

Die Frage ist: Was haben wir daraus gelernt..?!

 

°) Der Dichter Franz Kafka, von Max Brod

¹) Der Norden im Süden: Kostantinos Chatzopoulos (1868-1920) als Übersetzer deutscher Literatur, von Athanasios Anastasiadis

²) Michael R. Krätke über Eric J. Hobsbawm (1917-2012), der Professor für Geschichte an der University of London war und einen Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft an der New York School for Social Research innehatte. Wahrscheinlich Bezug nehmen auf Hobsbawms Buch: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus.

 

Rumänien, Januar 1945. «Es war 3 Uhr in der Nacht, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15° C.» So beginnt der erschütternde Bericht eines jungen Mannes, der in ein russisches Straflager verschleppt wird - so wie 60000 andere Rumäniendeutsche, von deren Schicksal Herta Müller in diesem ungeheuren Buch erzählt. In Gesprächen mit dem verstorbenen Dichter Oskar Pastior und anderen Überlebenden der Lager hat sie den Stoff gesammelt - und zu überwältigender Literatur geformt. ³

³) “Teaser” oder “Klappentext” für Herta Müllers, Atemschaukel