Skip to content

Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung

Jul 2026
27

Über Imperien und das archaische Athen - ihrer Animo für Spektakel und Theatralik

Es gibt unter den Mythen und Erinnerungen meiner frühen Kindheit Geschichten, die mein ganzes Leben dergestalt geprägt haben, dass ihre innere Fragestellung, ihre Essenz immer wieder in mir auftauchten und noch auftauchen; mir begegneten; manchmal ganz unvermutet.

Zwei von ihnen sind: “Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral” mit der ungestellten Frage an Anfortas und “Der Trank des Schierlingsbechers” durch Sokrates. Beide berühren mich stark; bis heute. In meinen Erinnerungen muss ich ihnen sehr früh begegnet sein, nicht durch Erzählungen sondern selbstgelesen, so dass ich wohl doch im eigentlichen Sinne kein Kind mehr gewesen sein kann. Sie haben aber dass innere Kind angesprochen und sind dort all die Jahrzehnte wohl verwahrt worden. Selbst die größten Beschädigungen des Lebens, zerbrochener Kronleuchter, konnten ihrem inneren Kern nichts anhaben.

Sokrates, ein wahrer Anarchist im Denken der Etablierten. Er glaubte daran, dass nur gute Politik betrieben werden könne, wenn man den Einzelnen nur ereichte und verbesserte. Deshalb ging er hinaus und sprach auf den Plätzen und Straßen Athens. Die Jugend hing an seinen Lippen und er war berüchtigt durch gezieltes Fragen die Menschen zur Selbsterkenntnis zu führen. Das freie Denken aber macht Unabhängig. Und, “Das freie Denken kann man töten, aber nicht besiegen”. So ist seine Verurteilung (in der damals üblichen Form) ein Lehrstück das die Zeit überdauerte. Er hätte sich selbst vom Tode freisprechen können indem er seiner Verurteilungsklage einen Gegenvorschlag entgegengesetzt hätte, doch er verzichtete und wurde zum Tode verurteilt. Platon machte daraus die zwei Bücher des Phaidon, und gründete nach seinem Tod die Schule der Philosophen, die berühmte Akademie von Athen, aus deren Mitte Aristoteles weit hervorstrahlte und sich in seinem Denken zum Yang der Geisteswelt machte. Platons Ying und Aristoteles Yang überdauerten die Zeiten, wir haben uns schon mit ihnen beschäftigt. Heute, am 27. Juli, jährt sich der Tag an dem Sokrates zu seinem Denken, zu seiner Unabhängigkeit stand - im Jahre 398 v. Chr. - und, in einer eindrücklichen Erzählung, den Schierlingsbecher bis zur Neige leerte.

Dieser Becher wurde zum Symbol, zum Symbol zu seinen Überzeugungen zu stehen, sich selbst treu zu bleiben. Platon überlieferte uns was uns über Sokrates bekannt ist, machte aus dem Redner einen Ewigen, einen Überzeugenden und Überzeugten, dessen Entitäten, seine Kronleuchter, noch hell und strahlend an ihren Decken hingen.

Da steh’ ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor...

Parzival irrte herum, getrieben von der ungestillten Suche, naiv bis ins Mark, ein Kind das im entscheidenden Moment versagt und die Frage nicht stellt, wieder hinaus getrieben wird, neue Runden auf seinem Erkenntnisrad zu drehen, bis es ganz bereit ist das Moment zu nutzen, dem Mitleid Worte zu verleihen. Es ist der entscheidende Augenblick selbst, aber auch das Ergebnis von vorangegangenen Mühen, von Abwegen und Geduld. Für Aristoteles ist dieser Moment (Kairos) ‘das Gute in der Zeit’, für die Sophisten ein Stil in der Rhetorik, einer Kunstform, für andere, wie Platon und Aristoteles selbst aber eine Methode, ein Mittel, um andere zu manipulieren. Es gilt also Geistesgegenwärtig zu sein, den Pfeil abzuschießen wenn er reif ist; nicht zu zögern. Wir könnnen es also als ein kummulatives Element betrachten, aber auch als ein Ergebnis vorangegangener Werdung. Wir können es als ‹ Gutes in der Zeit › und als ‹ Dolchstoß › betrachten, als erlösende Hilfe ebenso wie als vernichtende Zerstörung. Dieses Momentum jedenfalls, ist pfeilschnell wie der Wind, kaum erkannt und schon vorbei, spitz wie Jener, und nur im rechten Moment zu erwischen. Es ist ‹ die Gelegenheit beim Schopfe packen › aber nicht von Hinten, weshalb der flinke Herr - nebst geflügelten Schuhen - ein kahles Haupt, aber mit einer Haarlocke über der Stirn trägt, die man unmittelbar ergreife.

Erich Kästner postet treffend: Sokrates zugeeignet / Es ist schon so: Die Fragen sind es, / aus denen das, was bleibt, entsteht. / Denkt an die Frage jenes Kindes: / »Was tut der Wind, wenn er nicht weht?«

Die Anatomie einer Selbstzerstörung: Was uns Thukydides über Populisten, Oligarchen und die Krisen der Gegenwart lehrt

Wenn wir heute über die „Krise der Demokratie“ sprechen, blicken wir meist auf die Bildschirme unserer Gegenwart: auf algorithmisch angefeuerte Echokammern, schrille populistische Redner und das subtile, aber stetige Abwandern politischer Macht in die Hände einer globalisierten, superreichen Elite. Wir neigen dazu, diese Phänomene als Krankheiten des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Doch das wirksamste Lehrstück über diese Dynamiken wurde vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben.

Jedem Interessierten seien hier die wundervoll eindrücklichen Vorlesungen, inbesondere „Pericles and the Peloponnesian War (Thucydides, Pt. 4)“ von Professor Barth, an der Arizona State University in den USA empfohlen. Solange solche Lehrer lehren und ihre Zuhörer finden, darf mir nicht bange werden!

In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges seziert der athenische Historiker Thukydides den Untergang der attischen Demokratie. Er hinterließ uns kein bloßes Geschichtsbuch, sondern – in seinen eigenen Worten – ein „Besitztum für immer“ (ktēma es aiei), eine überzeitliche Blaupause dafür, wie eine freie Gesellschaft sich unter dem Druck von Krisen, Demagogen und internen Spaltungen selbst zerfleischt.

1. Vom Staatsmann zum Demagogen: Die Stunde der Populisten

Der Wendepunkt für die athenische Demokratie war laut Thukydides nicht der Ausbruch des Krieges gegen Sparta im Jahr 431 v. Chr., sondern ein innerer Verlust: der Tod des Perikles. Thukydides beschreibt Perikles als einen Mann, der die Masse führen konnte, ohne ihr nach dem Mund zu reden.1 Unter ihm war Athen „namentlich eine Demokratie, in Wirklichkeit aber die Herrschaft des ersten Mannes“.2 Perikles besaß die Autorität, das Volk zu zügeln, wenn es übermütig wurde, und es aufzurichten, wenn es verzweifelte. Denken Sie an seine berühmte Gefallenenrede; einer Rede zur Ehre der Toten, die ihr Leben für Athen riskiert und geopfert haben. Sie handelt von Rechtstaatlichkeit und Gesetz und mahnt die Athener zur aktiven Teilhabe an der Demokratie.

„Jeder Mann von Verstand wird einsehen, dass der Tod, wenn er unbemerkt zu einem Mann bei voller Kraft und mit Hoffnung für sein Land kommt, nicht so bitter ist wie eine elende Niederlage für einen weich gewordenen Mann.“

Nach seinem Tod im Jahr 429 v. Chr. entstand ein Machtvakuum, das eine neue Generation von Politikern füllte: die Demagogen (wörtlich „Volksführer“).3 Männer wie Kleon oder später der schillernde Alkibiades besaßen nicht mehr die moralische Integrität des Perikles.4 Um an die Macht zu kommen, kehrten sie das Verhältnis um: Sie führten das Volk nicht mehr, sondern ließen sich von den Launen der Masse treiben, die sie zuvor selbst aufgestachelt hatten.1

Die Parallele zu Heute

Populismus funktioniert heute exakt nach dem thukydideischen Muster des Kleon. Wo Perikles auf Mäßigung und langfristige Strategie setzte, bedienen moderne Populisten die Affekte: Wut, Kränkung und die Sehnsucht nach einfachen Sündenböcken.5 Sie inszenieren sich – wie Kleon im berühmten Mytilene-Debattenschluss – als die „wahren Stimmen des einfachen Mannes“ gegen eine vermeintlich abgehobene, intellektuelle Elite. Das Ergebnis ist eine Politik des permanenten emotionalen Ausnahmezustands, in der rationale Argumente als Schwäche oder Verrat diffamiert werden.6

2. Die Instrumentalisierung der Krise: Die Sizilische Expedition

Wie gefährlich diese populistische Dynamik wird, zeigt das dramatischste Kapitel bei Thukydides: die Entscheidung zur Sizilischen Expedition (415 v. Chr.). Angetrieben von der rhetorischen Brillanz und dem grenzenlosen Egoismus des jungen Alkibiades, verfiel die athenische Volksversammlung in einen kollektiven Rausch. Alkibiades versprach unermesslichen Reichtum und die totale Vorherrschaft.

Warnende Stimmen, wie die des besonnenen Generals Nikias, wurden als feige und unpatriotisch niedergeschrien. Thukydides notiert bitter, dass das Volk für das ferne Sizilien stimmte, ohne überhaupt zu wissen, wie groß die Insel war oder wie viele Menschen dort lebten. Die Expedition endete in einer totalen Katastrophe; die athenische Flotte und Armee wurden vernichtet.5

Populistischer Rausch (Alkibiades) 
  ➔ Überheblichkeit & Ausblendung von Fakten 
  ➔ Strategische Katastrophe (Sizilien) 
  ➔ Kollektives Trauma & Destabilisierung der Institutionen

Dieses Muster wiederholt sich in der Moderne. Wenn populistische Bewegungen komplexe geopolitische oder ökonomische Realitäten ignorieren und stattdessen radikale, vermeintlich “einfache” Lösungen versprechen, führen sie Demokratien in moderne „Sizilische Expeditionen“. Das kollektive Erwachen aus dem Rausch hinterlässt eine tief traumatisierte, misstrauische Gesellschaft, deren Vertrauen in die eigenen Institutionen nachhaltig zertrümmert ist.

3. Der Schatten der Oligarchen: Das Ausnutzen der Instabilität

Die Zerstörung einer Demokratie durch den Populismus ist jedoch meist nur die erste Phase. Die zweite gehört den Oligarchen.

Nach der Katastrophe von Sizilien war Athen geschwächt und tief gespalten.2 Diesen Moment der maximalen Instabilität nutzte eine Gruppe reicher, oligarchisch gesinnter Bürger.3 Im Jahr 411 v. Chr. inszenierten sie einen Staatsstreich und errichteten das Regime der Vierhundert – eine Herrschaft der Wohlhabenden, die die demokratischen Rechte drastisch beschnitt.7 Später, nach der endgültigen Niederlage Athens, installierte Sparta die Schreckensherrschaft der „Dreißig Tyrannen“.

Thukydides zeigt uns hier eine bittere Wahrheit: Populismus und Oligarchie sind keine Gegensätze;
sie sind siamesische Zwillinge im Prozess des demokratischen Verfalls.
1

  • Der Populismus höhlt die demokratische Kultur von innen aus, polarisiert die Gesellschaft und lähmt die Handlungsfähigkeit des Staates.

  • Die Oligarchie nutzt dieses Chaos, um sich im Hintergrund die tatsächliche Macht zu sichern.

Die Parallele zu Heute

Unsere Gegenwart ist geprägt von einer subtilen Form dieser Oligarchisierung. Superreiche Akteure, Technologie-Giganten und mächtige Wirtschaftsnetzwerke operieren oft jenseits demokratischer Kontrolle.8 Sie nutzen die politische Lähmung und Polarisierung, die durch populistische Kulturkämpfe entsteht, um Steuersysteme zu ihren Gunsten zu beeinflussen, regulatorische Rahmenbedingungen auszuhebeln und politische Entscheidungen zu kaufen.2 Während die Masse sich über populistische Scheingefechte zerstreitet, verlagert sich die echte Gestaltungsmacht in die Hinterzimmer des großen Geldes.9

4. Die Kernzelle des Verfalls: Die sprachliche und moralische Perversion (Stasis)

Das tiefste und erschreckendste Lehrstück des Thukydides findet sich in seiner Analyse der Stasis (des Bürgerkriegs) auf der Insel Korfu. Hier beschreibt er, wie die politische Polarisierung zwischen Demokraten und Oligarchen die menschliche Natur korrumpiert und die Sprache selbst zerstört:

„Auch die gewohnte Bedeutung der Worte in Bezug auf die Taten änderte man nach eigenem Ermessen. Kopflose Verwegenheit galt nun als treue Kameradschaft, vorsichtige Zögerlichkeit als feige Ausflucht, Maßhalten als Deckmantel der Unmännlichkeit.“

Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, kollabiert das Fundament jeder Demokratie: das gemeinsame Verständnis von Wahrheit, Recht und Anstand. Die politische Arena ist dann kein Ort des Diskurses mehr, sondern ein Schlachtfeld, auf dem der Kompromiss als Verrat gilt und die totale Vernichtung des politischen Gegners das einzige Ziel ist.

Genau an diesem Abgrund steht die moderne Demokratie im Zeitalter von Fake News, “alternativen Fakten” und einer radikalen Polarisierung, die den politischen Mitbewerber zum existentiellen Feind erklärt.4 Wenn Begriffe wie „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“ je nach politischem Lager ins exakte Gegenteil verkehrt werden, wiederholen wir das korfiotische Drama auf globaler Bühne.

Thukydides als Weckruf

Das Lehrstück, das uns Thukydides erteilt, ist von grimmiger Nüchternheit. Demokratien sterben selten durch den Angriff von außen; sie sterben an ihren eigenen, inneren Krankheiten. Sie gehen zugrunde, wenn das Volk verlernt, zwischen staatsmännischer Klugheit und populitischer Schmeichelei zu unterscheiden. Sie gehen zugrunde, wenn die wirtschaftliche Ungleichheit so groß wird, dass oligarchische Interessen das Gemeinwohl ersticken. Und sie gehen zugrunde, wenn die Sprache des Hasses die Sprache der Vernunft ersetzt.

Thukydides war kein Optimist, aber er war ein Realist. Seine Chronik des Niedergangs ist kein Todesurteil für die Demokratie, sondern ein dringlicher, über Jahrtausende hallender Warnruf: Eine freie Gesellschaft bleibt nur so lange frei, wie ihre Bürger bereit sind, die Anstrengung der Vernunft gegen die Verlockungen der Demagogen zu verteidigen.

Lassen Sie dies ein wenig nachhallen... Wollen wir uns wirklich ergeben...?

In Perikles letzter Rede an seine Athener sehen wir wie alles in einer einzigen großen Warnung kulminiert: „Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man hat. Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man besitzt, als bei dem Versuch zu scheitern, mehr zu gewinnen. Haltet fest an eurer Freiheit.“ Hören Sie Professor Barth zu wenn er den heutigen Imperien ins Gewissen spricht, über Perikles Demokratien davor warnt, sich aufzugeben! Eindrücklichst!

Ein Raum im Matrixgefüge von Begriffen, die Zeit und Sprache verbinden

Interessant an diesem Gerangel, wie Athen, nach kurzer Blüte selbst imperialer Tyrann, versuchte, das einzig verbliebene freie Eiland Melos in die Knechtschaft zu zwingen und sich darauf folgender Dialog entspann:

1. Die Realität von Macht vs. Gerechtigkeit

  • Athener: Wir werden keine Zeit mit schönen Reden über Gerechtigkeit oder das Wiedergutmachen vergangener Fehler verschwenden. Sie wissen genau wie wir, dass in der realen Welt Gerechtigkeit nur eine Frage zwischen Gleichstarken ist. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.

  • Melier: Selbst wenn wir die Gerechtigkeit beiseitelassen und nur über Eigennutz sprechen, liegt es in Ihrem Interesse, den allgemeinen Schutz aller Menschen nicht zu zerstören – nämlich das Recht eines Menschen in Gefahr, eine faire Behandlung zu erwarten. Wenn Sie fallen, wird Ihr Sturz ein schreckliches Beispiel für die Welt sein.

2. Neutralität und Reputation

  • Melier: Warum können wir nicht einfach neutral bleiben? Wir wollen Freunde statt Feinde sein, aber Verbündete keiner Seite.

  • Athener: Nein. Ihre Neutralität schadet uns mehr als Ihre Feindseligkeit. Für unsere Untertanen sieht es so aus, als wären wir zu schwach, um Sie zu erobern, wenn wir Sie in Ruhe lassen. Ihr Hass beweist unsere Macht; Ihre Freundschaft wäre ein Zeichen unserer Schwäche.

3. Hoffnung, Ehre und die Götter

  • Melier: Sich sofort zu unterwerfen bedeutet, sich völlig aufzugeben. Wenn wir kämpfen, gibt es immer noch Hoffnung, dass wir uns behaupten können. Wir vertrauen darauf, dass die Götter uns begünstigen werden, weil wir als Gerechte gegen Ungerechte kämpfen, und wir vertrauen darauf, dass unsere spartanischen Verbündeten kommen werden, um uns aus Ehre zu retten.

  • Athener: Die Hoffnung ist ein teures Gut, das diejenigen ruiniert, die alles auf eine Karte setzen. Was die Götter betrifft: Wir tun nichts, was dem Glauben der Menschen über den Himmel widerspricht. Es ist ein notwendiges Naturgesetz, dass die Starken herrschen, wo immer sie können. Wir haben dieses Gesetz nicht gemacht, wir befolgen es nur. Und was die Spartaner betrifft – sie achten vor allem auf ihren eigenen Vorteil. Sie werden sich nicht für Sie in Gefahr bringen.

Das Ergebnis:

Die Melier weigerten sich zu kapitulieren. Die Athener belagerten die Insel, nahmen sie schließlich ein, richteten alle erwachsenen Männer hin, verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten sie mit ihren eigenen Kolonisten neu.

Tiefes Durchatmen - Was folgern wir daraus?

Ähnlich Sokrates der dies für sich allein entschied, war der heroische Kampf der Melier ein verlorener Kampf, mit schrecklichen Folgen. Doch so zwingend wie folgerichtig. Nur weil die Starken stark sind, müssen die Schwachen nicht erleiden was sie müssen. Wasser ist weich und dennoch zwingt es das Härteste, das wissen wir seit Laotse. Aber es kann dauern. Wir müssen Verluste hinnehmen; auch unsere Eigenen. Alles eine Frage der Haltung !

Spektakel und Theatralik haben und hatten wir zur Genüge. Mache sich Jeder seinen eigenen Reim darauf...! 🙂

Weiter: "Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung"

Schritt für Schritt - oder das Tellerrandphänomen!

Mai 2019
14

“Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter - Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.”

Jean-Claude Juncker in: Die Brüsseler Republik, Der Spiegel, 27. Dezember 1999, festgehalten in wikiquote

 

Jean-Claude Juncker und sein Aufruf als Kantischer Imperativ... 2019 zur Europawahl

Nach diesem „Mea Culpa“ gibt Juncker auch noch eine Empfehlung für die Europawahl ab. „Bitte fragen Sie sich, was passieren würde, wenn alle so abstimmen wie Sie. Wie würde Europa aussehen, wenn alle rechtsextrem wählen?“ Es ist eine rhetorische Frage, man muss sie nicht beantworten.

8. 5. 2019, https://www.taz.de/Bilanz-ueber-Junckers-Rolle-in-der-EU/!5591833/

Ja! Doch!! Ich blicke mit Sorge auf die kommenden Zeiten.
Brüssel und die Europapolitik sind so fern, dass sich einfach zu wenig Menschen die Mühe machen ihr zu folgen, sie in ihr unmittelbares Sichtfeld zu zwingen. Deshalb ist es allerorten ein beliebter Volkssport, alles was aus Brüssel kommt als hanebüchen und nicht relevant zu betrachten. Nur so kann man erklären, dass es diese ominösen 20-30 Prozent gibt, die ohne zu zögern selbsterklärte Europafeinde ins Parlament wählen, die wir alle bezahlen und aushalten müssen. Solche mit dem verniedlicheren Begriff “Populisten” zu verharmlosen, ist naiv! Sie sind Demagogen und Feinde und gehören offensiv bekämpft. Europa ist doch so viel mehr als das beliebt zitierte “I want my money back”, dem Geben und Nehmen derjenigen Völker, die sich unter einer Idee zusammengefunden haben, dass die nationalstaatliche “Kleinstaaterei” einen idealen Überbau benötigt, alleine schon um der Hybris entgegenzuwirken, die einzelne Staaten und ihre Lenker von Zeit zu Zeit überfällt. Diese Idee ist das, was das “über den Tellerrand schauen” idealisiert und gleichzeitig (mühsam) realisiert. Wir lernen, dass die Nachbarn die gleichen oder ähnliche Probleme haben, wir lernen, dass Wasser und Luft keine Grenzen kennen, dass politische und wirtschaftliche Entscheidungen unmittelbare Auswirkungen haben, die an Ländergrenzen nicht halt machen. Wir müsssen uns zwingen wieder mehr auf das Ideelle dieser Idee zu schauen, nicht auf den Selbstbedienungsladen Europa, vor dem man sich zu Recht manchmal angewidert zurückziehen möchte. Es gibt zu Recht so viel zu kritisieren an Europa. Diesem Tanker zuzuschauen, der quasi ohne erkennbare Reaktion auf das vermeintlich hektische Umsteuern auf der Brücke reagiert. Die einfachste Reaktion des Bürgers ist, sich zurückzuziehen und sein Heil in verwaschenen Ansichten alter Zeiten zu suchen. Hier setzen die Demagogen an. Sie nehmen dieses obskure Gefühl auf und verwandeln es in einfache simple Ideen und “hast du nicht gesehen” sind sie (- die Wähler -) gefangen in Ideologien, die aus der politischen Mottenkiste stammen. Da sie sich und ihre Gedanken nicht selbst bestimmen, verstummen sie zum Fußvolk dieser Demagogen und Feinde einer überpersönlichen Idee.
Die anderen sind doch nicht besser; genießen sie die Vorzüge des Europa im Konkreten doch als inzwischen so selbstverständlich, dass sie, wie der sprichwörtliche Frosch im Kochtopf, das immer wärmer werdende Wasser nicht bemerken und keinerlei geeignete Reaktion zeigen ihrem zwingenden Dilemma zu entkommen. Stattdessen neigt man dazu, zu verharmlosen, diejenigen zu beschimpfen, die einen explizit aus dem Lehnstuhl in die konkrete Haltung zwingen wollen.

Das ist doch das was so kritisierbar am Politikbetrieb ist. Alles wird so lang gewendet und besprochen, bis man an dem Punkte ist sich möglichst wenig zu bewegen, denn es könnte ja das innere Gefüge, die Wirtschaft beschädigen. An ihr hängt, wie der Tropf am Hahn, das Wohl und Wehe, die Finanzierung, die eigene politische Zukunft, die Wiederwahl. Jahre vergehen, bis aus den kleinen Reaktionen richtungsbestimmende Fahrtänderungen werden. Man rettet die Autoindustrie, aber vergißt das Weltklima. Alle wollen, aber tun es nicht wirklich. Kinder, in ihrer zu Recht versimplifizierenden reaktionären Ansicht, erkennen den Unterschied zwischen konsequenten Handeln und verwaschenener “sowohl-als-auch” Haltung. Es ist eine Frage der Lobby; denn Diese ist zu stark in den Händen von Interessen! Diese (eher kurzfristigen) Interessen verhindern alles was die unmittelbare und konsequente Veränderung bewirkt. Aus großen Ideen werden immer kleinere Teilstücke gehackt, die am Status quo nichts wirklich verändern, bzw. so langsam, dass die Idee dabei oft auf der Strecke bleibt. Politik ist der Ausgleich von Interessen. So sieht sie sich selber. An diesen Lobbyverbänden scheitert aber die Idee per se, denn sie, die hochbezahlten Lobbyisten, bearbeiten die Entscheidungsträger in künstlichen Blasen, so lange, bis diese ihre Blasen als ihre unmittelbare Existenz- und Erfahrungswelt, aus der sie dann ihre “eigenen” Entscheidungen fällen, ansehen. Sie sind nicht böse an sich, aber sie bewirken es mitunter! Dabei können sie das gar nicht selbst begreifen, denn dazu müsste man ja über den eigenen Tellerrand schauen.

Aus diesem Grunde soll uns heute ein Text begleiten, der das “Über den Tellerrand schauen” schon zu einer Zeit betrachtete, als Deutschland sich anschickte, mit unfassbarer Glut dasjenige Höllenfeuer neu zu entfachen, das schon mit dem ersten Weltkrieg Europa ein Ende der alten Ordnung, der alten Ideen aufzeigte. 1933 war das Jahr, in dem das zarte Pflänzchen einer ersten deutschen Demokratie überrannt wurde von den Demagogen, die die Schwäche der Politiker, die Streitereien unter den Parteien, die Schwächen der sozialen Ordnung, die Unbekümmertheit der Feiernden ausnutzte und innert kürzester Zeit keinen Stein mehr auf dem anderen ließen. Wozu Völkerbund, die alte Schwatzbude, wenn der Wille des Einzelnen ganze Staaten in die Knie und die Welt in den Abgrund zwingen kann.Wir wollen selbst bestimmen.” Alles Parolen, die einem auch heute mehr als bekannt vorkommen...

Wohlan denn. Wer noch des Lesens mächtig, sollte sich beherzt diesen wunderbaren Text von einer erhöhten Warte zu Gemüte führen. Denn wir alle stehen doch auf den Schultern von Riesen; wir müssen sie nur verstehend lesen!

MAX HORKHEIMER - Materialismus und Moral - 1933

Vielleicht hilft es, die Zeit nicht verstreichen zu lassen und eine Wahl zu treffen, eine gute WAHL!

Paradoxien und Knoten

Okt 2017
17

Es ginge wohl, aber es geht nicht!

Nicht das wir uns falsch verstehen, ich bin trotz all seiner himmelschreienden Unzulänglichkeiten immer noch ganz zufrieden mit meinem Hausriff. Die Parteien und Räuber, ja die ewigen Opfer sind bekannt und alles Leben hat sich geordnet, folgt dem Laufe seiner Natur.

Ich erinnere mich eines Gespräches von Max Brod mit Kafka, das vom heutigen Europa und dem Verfall der Menschheit handelte.

« „Wir sind”, so sagte er, „nihilistische Gedanken, Selbstmordgedanken, die in Gottes Kopf aufsteigen”. Mich erinnerte das zuerst an das Weltbild der Gnosis: Gott als böser Demiurg, die Welt sein Sündenfall. „O nein,” meinte er, „unsere Welt ist nur eine schlechte Laune Gottes, ein schlechter Tag.” — „So gäbe es außerhalb dieser Erscheinungsform Welt, die wir kennen, Hoffnung?” — Er lächelte: „Oh, Hoffnung genug, unendlich viel Hoffnung, — nur nicht für uns.” » °

Und noch lieber habe ich die Interpretation dieses Gespräches aus dem berufenen Mund seines Biographen Rainer Stach, und das in etwas so lautet: « Und heißt das es gibt keine Hoffnung? Kafka setzte sein schelmisches Lächeln auf und sagte: "Aber natürlich gibt es Hoffnung, es gibt sogar unendlich viel Hoffnung ... nur nicht für uns!” » ;-)

Dies in mancherlei Hinsicht interessante Jahr 2017 neigt sich seinem Herbst. Neulich hörte ich jemand sagen, das Kommunistische Manifest sei von ganz besonderer Art. Ein Sprachkunstwerk sondergleichen, allenfalls vergleichbar der Genesis, der Verfassung, oder dem Koran, im Sinne seiner schier unangreifbaren Ausführung als Gedicht. Im Fühjahr vor 150 Jahren erschien das besagte Dokument. Das kunstvolle Manifest beginnt mit dem heute geflügelten Wort: “Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus”. Und es endet mit dem bekannten Aufruf: “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!”.

Ein Gespenst geht um in Europa ist auch heute noch eine geeignete Wortschöpfung, um die totgeglaubten anti-europäischen oder nationalen Gespenster 2017 zu beschreiben. Der Kommunismus als Absolutismus hat sich aufgerieben. Ist der Geilheit des Geldes, des Kapitals gewichen. Hat dem wahren Sinn dieses Aufrufes in seinen siebzig schauerlichen großen Jahren einen prägenden Totenkopf verliehen. Wer mag, kann sich durch die Nobelpreisträger für Literatur 2009, Herta Müller (Atemschaukel ³) oder 1970, Alexander Issajewitsch Solschenizyn lesen, um einen Eindruck davon zu davon bekommen, was die dunkle Seite der Macht mit einer großen Idee anzustellen vermag.

Das Manifest wurde in fast alle Sprachen der Welt übersetzt und lebt heute noch, selbst wenn es, ebenso wie das 20 Jahre später geschriebene „Das Kapital”, als Originaldokument verschwunden ist. Erst 2013 wurden von der UNESCO die beiden Dokumente in das Weltregister des Dokumentenerbes aufgenommen. Beide Dokumente bzw erhalten gebliebene Kopien werden im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam aufbewahrt.

Woher kommt nun diese Ansicht eines sprachlichen Kunstwerkes von biblischen Ausmaßes?

Das Manifest ist nicht nur ein wichtiger theoretischer sozialistischer Text , sondern darüber hinaus ein komplexes Sprachkunstwerk von weltliterarischem Rang ... das Kommunistische Manifest als politische Rhetorik ist von einer fast biblischen Sprachgewalt.

genauer

Das Manifest ist nicht nur ein wichtiger theoretischer sozialistischer Text , sondern darüber hinaus ein komplexes Sprachkunstwerk von weltliterarischem Rang, das sich durch eine wortmächtige Bildersprache, rhetorische Kunstgriffe, revolutionäre Parolen und intertextuelle Bezüge auszeichnet. Kurzum, das Jugendwerk von Marx und Engels ist ein Klassiker der deutschen Literatur. ¹

Hobsbawm seinerseits betont ebenfalls die literarischen Qualitäten dieses Texts: «Was immer es sonst ist, das Kommunistische Manifest als politische Rhetorik ist von einer fast biblischen Sprachgewalt.» ²

Dieser zwischen Analyse und Dialektik pendelnde, in seiner ganzen kulminativen Kraft zuspitzender Aufruf führte zusammen, was zu den Revolutionen der 40er Jahre, und, kurz nach Veröffentlichung, zur französischen Februarrevolution und zur deutschen Märzrevolution des Jahres 1848 führte, ... den Aufständen gegen die festgefahrene Klassengesellschaft des Großbürgertums, der Fürsten und des Adels, die ihren Untertanen keine Luft zum Atmen ließen, der Unterdrückung und Ausbeutung, den Hungersnöten, ja, den harten Lebensbedingungen der einfachen Menschen im Beginne der industriellen Revolution, dem Industriekapitalismus.

Nicht die Kritik, sondern die Revolution [ist] die treibende Kraft der Geschichte.

Wer einen Eindruck bekommen will von dem was unter anderem einerseits zu besagtem Ausbruch führte und andererseits Millionen in die Auswanderung zwang, sehe den bemerkenswerten Film von Edgar Reitz: Die andere Heimat. Ein großes Epos von suggestiver Kraft und lehrreich für das eigene Verständnis jener Epoche.

So zwangen die Zustände, Gedanken und Formulierungen die Menschen in Richtungen, wortwörtlich und politisch. Liberales Bürgertum auf der einen Seite, später gespalten in die Liberalen und die Demokraten, und ein radikaler Sozialismus/Kommunismus auf der anderen Seite, vorerst einig darin, aus dem Deutschen Bund einen nationalen Verfassungs- und Rechtsstaat zu machen.

Ausgehend von Frankreich schwappte das Republikanische in den Süden, nach Baden und verbreitete sich von da aus über die Bezugspunkte der damaligen Zeit durch Denker und Aktionisten in die Lande. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. erkannte wohl die Ausweglosigkeit der verfahrenen Zustände und, um nicht hinweggefegt zu werden, setzte sich an die Spitze dieser Bewegung, als ihm die Kaiserkrone angetragen wurde. Er ersetzte die Regierung durch ein liberales Märzministerium und für Preußen wurde eine deutsche Nationalversammlung akzeptiert, die eine liberale Verfassung ausarbeiten sollte. Der Rest ist bekannt.

 

(Abb. 388.) Nr_034 Lithographie, Karikatur, Friedrich Wilhelm IV, 1849 © Universitätsbibliothek; HZK

Sammlung von Flugblättern (1848 u. 1918-22) u. Flugschriften, Historische Sammlungen der Universitäts-Bibliothek
“Anläßlich der Antragung der Kaiserkrone an Friedrich Wilhelm IV., die dieser im April 1849 ablehnte. Zeigt den preußischen König, dem alte Germanen die Kaiserkrone überreichen, ohne wahrzunehmen, daß der von ihnen Erwählte keinen Kopf besitzt. Mit der Gesichtslosigkeit Friedrich Wilhelms wird dessen schlingernder Kurs in der Frage der deutschen Einheit kritisiert, der vom Versprechen eines Aufgehens Preußens in Deutschland (März 1848), über die den Anspruch einer Führungsposition Preußens bis zum außenpolitischen Alleingang (September 1848), preußischer Separation (Nov.-Dez. 1848) und schließlich der demonstrativen Ablehnung der Kaiserkrone reichte” (Ehbrecht 34).
Hinter dem König stehen Zar Nikolaus, Kaiser Franz Josef und die Könige von Württemberg, Sachsen, Bayern und Hannover. Wolf 1982, 75; Blum 1897 

 

Die Kommunisten, als Auftraggeber des Manifestes, mussten ihre Revolution von der Herrschaft des Proletariats in Mitteleuropa verschieben. Marx und Engels wurden ins Exil nach England getrieben. Sie konnte erst 1917 in Russland wieder Fuß fassen und sich fortan selbst ad absurdum führen. So ich dies schreibe fällt es mir auf ... und ein, denn frei nach Solschenizyn ist 1917 ein Knotenjahr. Hoffen wir das 2017 (nicht) ein ebensolches ist. Etwas Kulminierendes hat es schon ... auch wenn es in diesem Jahr nicht mehr platzen wird. Eine merkwürdige Kombination, ein gruselndes Jubiläum, paradoxer Jahre!

Die Frage ist: Was haben wir daraus gelernt..?!

 

°) Der Dichter Franz Kafka, von Max Brod

¹) Der Norden im Süden: Kostantinos Chatzopoulos (1868-1920) als Übersetzer deutscher Literatur, von Athanasios Anastasiadis

²) Michael R. Krätke über Eric J. Hobsbawm (1917-2012), der Professor für Geschichte an der University of London war und einen Lehrstuhl für Politik und Gesellschaft an der New York School for Social Research innehatte. Wahrscheinlich Bezug nehmend auf Hobsbawms Buch: Wie man die Welt verändert. Über Marx und den Marxismus.

 

Rumänien, Januar 1945. «Es war 3 Uhr in der Nacht, als die Patrouille mich holte. Die Kälte zog an, es waren -15° C.» So beginnt der erschütternde Bericht eines jungen Mannes, der in ein russisches Straflager verschleppt wird - so wie 60000 andere Rumäniendeutsche, von deren Schicksal Herta Müller in diesem ungeheuren Buch erzählt. In Gesprächen mit dem verstorbenen Dichter Oskar Pastior und anderen Überlebenden der Lager hat sie den Stoff gesammelt - und zu überwältigender Literatur geformt. ³

³) “Teaser” oder “Klappentext” für Herta Müllers, Atemschaukel