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Ein antikes Lehrstück in human standing - eine Frage der Haltung

Jul 2026
27

Heutige Imperien und die des archaischen Athen und ihrer beidseitig verbreiteten Vorliebe für Spektakel und Theatralik

Es gibt unter den Mythen und Erinnerungen meiner frühen Kindheit Geschichten, die mein ganzes Leben dergestalt geprägt haben, dass ihre innere Fragestellung, ihre Essenz immer wieder in mir auftauchten und noch auftauchen; mir begegneten; manchmal ganz unvermutet.

Zwei von ihnen sind: “Parzivals Suche nach dem Heiligen Gral” mit der ungestellten Frage an Anfortas und “Der Trank des Schierlingsbechers” durch Sokrates. Beide berühren mich stark; bis heute. In meinen Erinnerungen muss ich ihnen sehr früh begegnet sein, nicht durch Erzählungen sondern selbstgelesen, so dass ich wohl doch im eigentlichen Sinne kein Kind mehr gewesen sein kann. Sie haben aber dass innere Kind angesprochen und sind dort all die Jahrzehnte wohl verwahrt worden. Selbst die größten Beschädigungen des Lebens, zerbrochener Kronleuchter, konnten ihrem inneren Kern nichts anhaben.

Sokrates, ein wahrer Anarchist im Denken der Etablierten. Er glaubte daran, dass nur gute Politik betrieben werden könne, wenn man den Einzelnen nur ereichte und verbesserte. Deshalb ging er hinaus und sprach auf den Plätzen und Straßen Athens. Die Jugend hing an seinen Lippen und er war berüchtigt durch gezieltes Fragen die Menschen zur Selbsterkenntnis zu führen. Das freie Denken aber macht Unabhängig. Und, “Das freie Denken kann man töten, aber nicht besiegen”. So ist seine Verurteilung (in der damals üblichen Form) ein Lehrstück das die Zeit überdauerte. Er hätte sich selbst vom Tode freisprechen können indem er seiner Verurteilungsklage einen Gegenvorschlag entgegengesetzt hätte, doch er verzichtete und wurde zum Tode verurteilt. Platon machte daraus die zwei Bücher des Phaidon, und gründete nach seinem Tod die Schule der Philosophen, die berühmte Akademie von Athen, aus deren Mitte Aristoteles weit hervorstrahlte und sich in seinem Denken zum Yang der Geisteswelt machte. Platons Ying und Aristoteles Yang überdauerten die Zeiten, wir haben uns schon mit ihnen beschäftigt. Heute, am 27. Juli, jährt sich der Tag an dem Sokrates zu seinem Denken, zu seiner Unabhängigkeit stand - im Jahre 398 v. Chr. - und, in einer eindrücklichen Erzählung, den Schierlingsbecher bis zur Neige leerte.

Dieser Becher wurde zum Symbol, zum Symbol zu seinen Überzeugungen zu stehen, sich selbst treu zu bleiben. Platon überlieferte uns was uns über Sokrates bekannt ist, machte aus dem Redner einen Ewigen, einen Überzeugenden und Überzeugten, dessen Entitäten, seine Kronleuchter, noch hell und strahlend an ihren Decken hingen.

Da steh’ ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor...

Parzival irrte herum, getrieben von der ungestillten Suche, naiv bis ins Mark, ein Kind das im entscheidenden Moment versagt und die Frage nicht stellt, wieder hinaus getrieben wird, neue Runden auf seinem Erkenntnisrad zu drehen, bis es ganz bereit ist das Moment zu nutzen, dem Mitleid Worte zu verleihen. Es ist der entscheidende Augenblick selbst, aber auch das Ergebnis von vorangegangenen Mühen, von Abwegen und Geduld. Für Aristoteles ist dieser Moment (Kairos) ‘das Gute in der Zeit’, für die Sophisten ein Stil in der Rhetorik, einer Kunstform, für andere, wie Platon und Aristoteles selbst aber eine Methode, ein Mittel, um andere zu manipulieren. Es gilt also Geistesgegenwärtig zu sein, den Pfeil abzuschießen wenn er reif ist; nicht zu zögern. Wir könnnen es also als ein kummulatives Element betrachten, aber auch als ein Ergebnis vorangegangener Werdung. Wir können es als ‹ Gutes in der Zeit › und als ‹ Dolchstoß › betrachten, als erlösende Hilfe ebenso wie als vernichtende Zerstörung. Dieses Momentum jedenfalls, ist pfeilschnell wie der Wind, kaum erkannt und schon vorbei, spitz wie Jener, und nur im rechten Moment zu erwischen. Es ist ‹ die Gelegenheit beim Schopfe packen › aber nicht von Hinten, weshalb der flinke Herr - nebst geflügelten Schuhen - ein kahles Haupt, aber mit einer Haarlocke über der Stirn trägt, die man unmittelbar ergreife.

Erich Kästner postet treffend: Sokrates zugeeignet / Es ist schon so: Die Fragen sind es, / aus denen das, was bleibt, entsteht. / Denkt an die Frage jenes Kindes: / »Was tut der Wind, wenn er nicht weht?«

Die Anatomie einer Selbstzerstörung: Was uns Thukydides über Populisten, Oligarchen und die Krisen der Gegenwart lehrt

Wenn wir heute über die „Krise der Demokratie“ sprechen, blicken wir meist auf die Bildschirme unserer Gegenwart: auf algorithmisch angefeuerte Echokammern, schrille populistische Redner und das subtile, aber stetige Abwandern politischer Macht in die Hände einer globalisierten, superreichen Elite. Wir neigen dazu, diese Phänomene als Krankheiten des 21. Jahrhunderts zu betrachten. Doch das wirksamste Lehrstück über diese Dynamiken wurde vor zweieinhalbtausend Jahren geschrieben.

Jedem Interessierten seien hier die wundervoll eindrücklichen Vorlesungen, inbesondere „Pericles and the Peloponnesian War (Thucydides, Pt. 4)“ von Professor Barth, an der Arizona State University in den USA empfohlen. Solange solche Lehrer lehren und ihre Zuhörer finden, darf mir nicht bange werden!

In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges seziert der athenische Historiker Thukydides den Untergang der attischen Demokratie. Er hinterließ uns kein bloßes Geschichtsbuch, sondern – in seinen eigenen Worten – ein „Besitztum für immer“ (ktēma es aiei), eine überzeitliche Blaupause dafür, wie eine freie Gesellschaft sich unter dem Druck von Krisen, Demagogen und internen Spaltungen selbst zerfleischt.

1. Vom Staatsmann zum Demagogen: Die Stunde der Populisten

Der Wendepunkt für die athenische Demokratie war laut Thukydides nicht der Ausbruch des Krieges gegen Sparta im Jahr 431 v. Chr., sondern ein innerer Verlust: der Tod des Perikles. Thukydides beschreibt Perikles als einen Mann, der die Masse führen konnte, ohne ihr nach dem Mund zu reden.1 Unter ihm war Athen „namentlich eine Demokratie, in Wirklichkeit aber die Herrschaft des ersten Mannes“.2 Perikles besaß die Autorität, das Volk zu zügeln, wenn es übermütig wurde, und es aufzurichten, wenn es verzweifelte. Denken Sie an seine berühmte Gefallenenrede; einer Rede zur Ehre der Toten, die ihr Leben für Athen riskiert und geopfert haben. Sie handelt von Rechtstaatlichkeit und Gesetz und mahnt die Athener zur aktiven Teilhabe an der Demokratie.

„Jeder Mann von Verstand wird einsehen, dass der Tod, wenn er unbemerkt zu einem Mann bei voller Kraft und mit Hoffnung für sein Land kommt, nicht so bitter ist wie eine elende Niederlage für einen weich gewordenen Mann.“

Nach seinem Tod im Jahr 429 v. Chr. entstand ein Machtvakuum, das eine neue Generation von Politikern füllte: die Demagogen (wörtlich „Volksführer“).3 Männer wie Kleon oder später der schillernde Alkibiades besaßen nicht mehr die moralische Integrität des Perikles.4 Um an die Macht zu kommen, kehrten sie das Verhältnis um: Sie führten das Volk nicht mehr, sondern ließen sich von den Launen der Masse treiben, die sie zuvor selbst aufgestachelt hatten.1

Die Parallele zu Heute

Populismus funktioniert heute exakt nach dem thukydideischen Muster des Kleon. Wo Perikles auf Mäßigung und langfristige Strategie setzte, bedienen moderne Populisten die Affekte: Wut, Kränkung und die Sehnsucht nach einfachen Sündenböcken.5 Sie inszenieren sich – wie Kleon im berühmten Mytilene-Debattenschluss – als die „wahren Stimmen des einfachen Mannes“ gegen eine vermeintlich abgehobene, intellektuelle Elite. Das Ergebnis ist eine Politik des permanenten emotionalen Ausnahmezustands, in der rationale Argumente als Schwäche oder Verrat diffamiert werden.6

2. Die Instrumentalisierung der Krise: Die Sizilische Expedition

Wie gefährlich diese populistische Dynamik wird, zeigt das dramatischste Kapitel bei Thukydides: die Entscheidung zur Sizilischen Expedition (415 v. Chr.). Angetrieben von der rhetorischen Brillanz und dem grenzenlosen Egoismus des jungen Alkibiades, verfiel die athenische Volksversammlung in einen kollektiven Rausch. Alkibiades versprach unermesslichen Reichtum und die totale Vorherrschaft.

Warnende Stimmen, wie die des besonnenen Generals Nikias, wurden als feige und unpatriotisch niedergeschrien. Thukydides notiert bitter, dass das Volk für das ferne Sizilien stimmte, ohne überhaupt zu wissen, wie groß die Insel war oder wie viele Menschen dort lebten. Die Expedition endete in einer totalen Katastrophe; die athenische Flotte und Armee wurden vernichtet.5

Populistischer Rausch (Alkibiades) 
  ➔ Überheblichkeit & Ausblendung von Fakten 
  ➔ Strategische Katastrophe (Sizilien) 
  ➔ Kollektives Trauma & Destabilisierung der Institutionen

Dieses Muster wiederholt sich in der Moderne. Wenn populistische Bewegungen komplexe geopolitische oder ökonomische Realitäten ignorieren und stattdessen radikale, vermeintlich “einfache” Lösungen versprechen, führen sie Demokratien in moderne „Sizilische Expeditionen“. Das kollektive Erwachen aus dem Rausch hinterlässt eine tief traumatisierte, misstrauische Gesellschaft, deren Vertrauen in die eigenen Institutionen nachhaltig zertrümmert ist.

3. Der Schatten der Oligarchen: Das Ausnutzen der Instabilität

Die Zerstörung einer Demokratie durch den Populismus ist jedoch meist nur die erste Phase. Die zweite gehört den Oligarchen.

Nach der Katastrophe von Sizilien war Athen geschwächt und tief gespalten.2 Diesen Moment der maximalen Instabilität nutzte eine Gruppe reicher, oligarchisch gesinnter Bürger.3 Im Jahr 411 v. Chr. inszenierten sie einen Staatsstreich und errichteten das Regime der Vierhundert – eine Herrschaft der Wohlhabenden, die die demokratischen Rechte drastisch beschnitt.7 Später, nach der endgültigen Niederlage Athens, installierte Sparta die Schreckensherrschaft der „Dreißig Tyrannen“.

Thukydides zeigt uns hier eine bittere Wahrheit: Populismus und Oligarchie sind keine Gegensätze;
sie sind siamesische Zwillinge im Prozess des demokratischen Verfalls.
1

  • Der Populismus höhlt die demokratische Kultur von innen aus, polarisiert die Gesellschaft und lähmt die Handlungsfähigkeit des Staates.

  • Die Oligarchie nutzt dieses Chaos, um sich im Hintergrund die tatsächliche Macht zu sichern.

Die Parallele zu Heute

Unsere Gegenwart ist geprägt von einer subtilen Form dieser Oligarchisierung. Superreiche Akteure, Technologie-Giganten und mächtige Wirtschaftsnetzwerke operieren oft jenseits demokratischer Kontrolle.8 Sie nutzen die politische Lähmung und Polarisierung, die durch populistische Kulturkämpfe entsteht, um Steuersysteme zu ihren Gunsten zu beeinflussen, regulatorische Rahmenbedingungen auszuhebeln und politische Entscheidungen zu kaufen.2 Während die Masse sich über populistische Scheingefechte zerstreitet, verlagert sich die echte Gestaltungsmacht in die Hinterzimmer des großen Geldes.9

4. Die Kernzelle des Verfalls: Die sprachliche und moralische Perversion (Stasis)

Das tiefste und erschreckendste Lehrstück des Thukydides findet sich in seiner Analyse der Stasis (des Bürgerkriegs) auf der Insel Korfu (Buch III, 82-84). Hier beschreibt er, wie die politische Polarisierung zwischen Demokraten und Oligarchen die menschliche Natur korrumpiert und die Sprache selbst zerstört:

„Auch die gewohnte Bedeutung der Worte in Bezug auf die Taten änderte man nach eigenem Ermessen. Kopflose Verwegenheit galt nun als treue Kameradschaft, vorsichtige Zögerlichkeit als feige Ausflucht, Maßhalten als Deckmantel der Unmännlichkeit.“

Wenn eine Gesellschaft diesen Punkt erreicht, kollabiert das Fundament jeder Demokratie: das gemeinsame Verständnis von Wahrheit, Recht und Anstand.7 Die politische Arena ist dann kein Ort des Diskurses mehr, sondern ein Schlachtfeld, auf dem der Kompromiss als Verrat gilt und die totale Vernichtung des politischen Gegners das einzige Ziel ist.

Genau an diesem Abgrund steht die moderne Demokratie im Zeitalter von Fake News, “alternativen Fakten” und einer radikalen Polarisierung, die den politischen Mitbewerber zum existentiellen Feind erklärt.4 Wenn Begriffe wie „Freiheit“, „Demokratie“ oder „Gerechtigkeit“ je nach politischem Lager ins exakte Gegenteil verkehrt werden, wiederholen wir das korfiotische Drama auf globaler Bühne.

Thukydides als Weckruf

Das Lehrstück, das uns Thukydides erteilt, ist von grimmiger Nüchternheit. Demokratien sterben selten durch den Angriff von außen; sie sterben an ihren eigenen, inneren Krankheiten. Sie gehen zugrunde, wenn das Volk verlernt, zwischen staatsmännischer Klugheit und populitischer Schmeichelei zu unterscheiden. Sie gehen zugrunde, wenn die wirtschaftliche Ungleichheit so groß wird, dass oligarchische Interessen das Gemeinwohl ersticken. Und sie gehen zugrunde, wenn die Sprache des Hasses die Sprache der Vernunft ersetzt.

Thukydides war kein Optimist, aber er war ein Realist. Seine Chronik des Niedergangs ist kein Todesurteil für die Demokratie, sondern ein dringlicher, über Jahrtausende hallender Warnruf: Eine freie Gesellschaft bleibt nur so lange frei, wie ihre Bürger bereit sind, die Anstrengung der Vernunft gegen die Verlockungen der Demagogen zu verteidigen.

Lassen Sie dies ein wenig nachhallen... Wollen wir uns wirklich ergeben...?

In Perikles letzter Rede an seine Athener sehen wir wie alles in einer einzigen großen Warnung kulminiert: „Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man hat. Es ist schandbarer, das zu verlieren, was man besitzt, als bei dem Versuch zu scheitern, mehr zu gewinnen. Haltet fest an eurer Freiheit.“ Hören Sie Professor Barth zu wenn er den heutigen Imperien ins Gewissen spricht, über Perikles Demokratien davor warnt, sich aufzugeben! Eindrücklichst!

Ein Raum im Matrixgefüge von Begriffen, die Zeit und Sprache verbinden

Interessant an diesem Gerangel, wie Athen, nach kurzer Blüte selbst imperialer Tyrann, versuchte, das einzig verbliebene freie Eiland Melos in die Knechtschaft zu zwingen und sich darauf folgender Dialog entspann:

1. Die Realität von Macht vs. Gerechtigkeit

  • Athener: Wir werden keine Zeit mit schönen Reden über Gerechtigkeit oder das Wiedergutmachen vergangener Fehler verschwenden. Sie wissen genau wie wir, dass in der realen Welt Gerechtigkeit nur eine Frage zwischen Gleichstarken ist. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen.

  • Melier: Selbst wenn wir die Gerechtigkeit beiseitelassen und nur über Eigennutz sprechen, liegt es in Ihrem Interesse, den allgemeinen Schutz aller Menschen nicht zu zerstören – nämlich das Recht eines Menschen in Gefahr, eine faire Behandlung zu erwarten. Wenn Sie fallen, wird Ihr Sturz ein schreckliches Beispiel für die Welt sein.

2. Neutralität und Reputation

  • Melier: Warum können wir nicht einfach neutral bleiben? Wir wollen Freunde statt Feinde sein, aber Verbündete keiner Seite.

  • Athener: Nein. Ihre Neutralität schadet uns mehr als Ihre Feindseligkeit. Für unsere Untertanen sieht es so aus, als wären wir zu schwach, um Sie zu erobern, wenn wir Sie in Ruhe lassen. Ihr Hass beweist unsere Macht; Ihre Freundschaft wäre ein Zeichen unserer Schwäche.

3. Hoffnung, Ehre und die Götter

  • Melier: Sich sofort zu unterwerfen bedeutet, sich völlig aufzugeben. Wenn wir kämpfen, gibt es immer noch Hoffnung, dass wir uns behaupten können. Wir vertrauen darauf, dass die Götter uns begünstigen werden, weil wir als Gerechte gegen Ungerechte kämpfen, und wir vertrauen darauf, dass unsere spartanischen Verbündeten kommen werden, um uns aus Ehre zu retten.

  • Athener: Die Hoffnung ist ein teures Gut, das diejenigen ruiniert, die alles auf eine Karte setzen. Was die Götter betrifft: Wir tun nichts, was dem Glauben der Menschen über den Himmel widerspricht. Es ist ein notwendiges Naturgesetz, dass die Starken herrschen, wo immer sie können. Wir haben dieses Gesetz nicht gemacht, wir befolgen es nur. Und was die Spartaner betrifft – sie achten vor allem auf ihren eigenen Vorteil. Sie werden sich nicht für Sie in Gefahr bringen.

Das Ergebnis:

Die Melier weigerten sich zu kapitulieren. Die Athener belagerten die Insel, nahmen sie schließlich ein, richteten alle erwachsenen Männer hin, verkauften die Frauen und Kinder in die Sklaverei und besiedelten sie mit ihren eigenen Kolonisten neu.

Tiefes Durchatmen - Was folgern wir daraus?

Ähnlich Sokrates der dies für sich allein entschied, war der heroische Kampf der Melier ein verlorener Kampf, mit schrecklichen Folgen. Doch so zwingend wie folgerichtig. Nur weil die Starken stark sind, müssen die Schwachen nicht erleiden was sie müssen. Wasser ist weich und dennoch zwingt es das Härteste, das wissen wir seit Laotse. Aber es kann dauern. Wir müssen Verluste hinnehmen; auch unsere Eigenen. Alles eine Frage der Haltung !

Spektakel und Theatralik haben und hatten wir zur Genüge. Mache sich Jeder seinen eigenen Reim darauf...! 🙂

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Wiederbegegnung mit einem Meister

Jul 2020
24

Was bleibt ist der arme Poet. Der große Westen mit seiner Idee hat sich überlebt und sein großer Bruder im Osten ebenso. Es fehlt weiterhin die Idee der Mitte. War es doch einst die Chance der EU, getragen aus den Kriegen, die erst die Staaten formten, dann die Einsicht. Heute ist Zerfall das Schlüsselwort. Einsicht sucht man vergebens. Alles ist geprägt von Machtinteressen und Egoismen.
Teppichhändler, Gaukler, Warenströme // Ein Husar wer anderes dächte und erhoffte // Dem Guten, dem Wahren und dem Schönen // Ja, so wird es uns gelehret // soll Geist - soll Kunst, Kommerz bekehren // Seinem Dasein höher`n Sinn verleihen // wo üble Teufel Gall und Gift verspeien // Doch niedere Sinne machten aus Erkenntnis Gift // Strategen nutzen es mit spitzem Stift // Unfriede herrscht, was einst vereinen sollt // der Mensch Geschlecht - zum Ziel ausrollt // Einst stieg Zeus selbst, geformt als Stier // zum Mensch hinab und raubte ihm Europe // Heut trottet dieser in der Grube // gelähmt, sein kühner Flügelschlag im Pfluge // Schon fast zerrieben unter dem Geknirsche // verdrehter Wahrheit, liegt die Kirsche // Was also blieb von der IDEE? // Nichts. Nada, weiß Papier - ein Traum aus Schnee!

Pegasus im Joche

Auf einen Pferdemarkt – vielleicht zu Haymarket,
Wo andre Dinge noch in Waare sich verwandeln,
Bracht’ einst ein hungriger Poet
Der Musen Roß, es zu verhandeln.

Hell wieherte der Hippogryph,
Und bäumte sich in prächtiger Parade;
Erstaunt blieb Jeder stehn und rief:
Das edle, königliche Thier! Nur Schade
Daß seinen schlanken Wuchs ein häßlich Flügelpaar
Entstellt! Den schönsten Postzug würd’ es zieren.
Die Race, sagen sie, sey rar,
Doch wer wird durch die Luft kutschieren?
Und keiner will sein Geld verlieren.
Ein Pächter faßte endlich Muth.
Die Flügel zwar, spricht er, die schaffen keinen Nutzen;
Doch die kann man ja binden oder stutzen,
Dann ist das Pferd zum Ziehen immer gut.
Ein zwanzig Pfund, die will ich wohl dran wagen;
Der Täuscher, hoch vergnügt die Waare loszuschlagen,
Schlägt hurtig ein. „Ein Mann, ein Wort!“
Und Hans trabt frisch mit seiner Beute fort.

Das edle Thier wird eingespannt;
Doch fühlt’ es kaum die ungewohnte Bürde,
So rennt es fort mit wilder Flugbegierde
Und wirft, von edelm Grimm entbrannt,
Den Karren um an eines Abgrunds Rand.
Schon gut, denkt Hans. Allein darf ich dem tollen Thiere
Kein Fuhrwerk mehr vertraun. Erfahrung macht schon klug.
Doch morgen fahr’ ich Passagiere,
Da stell’ ich es als Vorspann in den Zug.
Die muntre Krabbe soll zwei Pferde mir ersparen;
Der Koller gibt sich mit den Jahren.

Der Anfang ging ganz gut. Das leichtbeschwingte Pferd
Belebt der Klepper Schritt, und pfeilschnell fliegt der Wagen,
Doch was geschieht? Den Blick den Wolken zugekehrt,
Und ungewohnt, den Grund mit festem Huf zu schlagen,
Verläßt es bald der Räder sichre Spur,
Und, treu der stärkeren Natur,
Durchrennt es Sumpf und Moor, geackert Feld und Hecken;
Der gleiche Taumel faßt das ganze Postgespann,
Kein Rufen hilft, kein Zügel hält es an,
Bis endlich, zu der Wandrer Schrecken,
Der Wagen, wohlgerüttelt und zerschellt,
Auf eines Berges steilem Gipfel hält.

Das geht nicht zu mit rechten Dingen!
Spricht Hans mit sehr bedenklichem Gesicht.
So wird es nimmermehr gelingen;
Laß sehn, ob wir den Tollwurm nicht
Durch magre Kost und Arbeit zwingen.
Die Probe wird gemacht. Bald ist das schöne Thier,
Eh noch drei Tage hingeschwunden,
Zum Schatten abgezehrt. Ich hab’s, ich hab’s gefunden!
Ruft Hans. Jetzt frisch, und spannt es mir
Gleich vor den Pflug mit meinem stärksten Stier!

Gesagt, gethan. In lächerlichem Zuge
Erblickt man Ochs und Flügelpferd am Pfluge.
Unwillig steigt der Greif und strengt die letzte Macht
Der Sehnen an, den alten Flug zu nehmen.
Umsonst, der Nachbar schreitet mit Bedacht,
Und Phöbus stolzes Roß muß sich dem Stier bequemen,
Bis nun, vom langen Widerstand verzehrt,
Die Kraft aus allen Gliedern schwindet,
Von Gram gebeugt das edle Götterpferd
Zu Boden stürzt, und sich im Staube windet.

Verwünschtes Thier! bricht endlich Hansens Grimm
Laut scheltend aus, indem die Hiebe flogen.
So bist du denn zum Ackern selbst zu schlimm,
Mich hat ein Schelm mit dir betrogen.

Indem er noch in seines Zornes Wuth
Die Peitsche schwingt, kommt flink und wohlgemuth
Ein lustiger Gesell die Straße hergezogen.
Die Cither klingt in seiner leichten Hand,
Und durch den blonden Schmuck der Haare
Schlingt zierlich sich ein goldnes Band.
Wohin, Freund, mit dem wunderlichen Paare?
Ruft er den Baur von weitem an.
Der Vogel und der Ochs an einem Seile,
Ich bitte dich, welch ein Gespann!
Willst du auf eine kleine Weile
Dein Pferd zur Probe mir vertraun?
Gib acht, du sollst dein Wunder schaun.

Der Hippogryph wird ausgespannt,
Und lächelnd schwingt sich ihm der Jüngling auf den Rücken.
Kaum fühlt das Thier des Meisters sichre Hand,
So knirscht es in des Zügels Band,
Und steigt, und Blitze sprühn aus den beseelten Blicken.
Nicht mehr das vor’ge Wesen, königlich,
Ein Geist, ein Gott, erhebt es sich,
Entrollt mit einem Mal in Sturmes Wehen
Der Schwingen Pracht, schießt brausend himmelan,
Und eh der Blick ihm folgen kann,
Entschwebt es zu den blauen Höhen.

Friedrich Schiller

MAX HORKHEIMER - Materialismus und Moral - 1933

Mai 2019
14

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant, Grundform des Kategorischen Imperativs 1785

 

Zeitschrift für Sozialforschung

Herausgegeben im Auftrag des INSTITUTS FÜR SOZIALFORSCHUNG von Max Horkheimer

Jahrgang II 1933 Heft 2, LIBRAIRIE FÉLIX ALCAN / PARIS, September 1933.

Max Horkheimer,
Professor der Sozialphilosophie.

Die Aufteilung auf Seiten wurde beibehalten, soweit es die Anmerkungen zuließen und aufgeteilte Sätze dahingehend korrigiert, ansonsten ganz weggelassen. [Sig.]

 

Materialismus und Moral.

Von
Max Horkheimer.

Dass die Menschen selbständig die Frage zu entscheiden versuchen, ob ihre Handlungen gut oder böse seien, ist offenbar eine späte geschichtliche Erscheinung. Während ein hoch entwickeltes europäisches Individuum nicht bloss wichtige Entschlüsse, sondern auch die meisten instinkthaften und zur Gewohnheit gewordenen Reaktionen, aus denen sich sein Leben zum grössten Teil zusammensetzt, vor das Licht des klaren Bewusstseins bringen und moralisch bewerten kann, erscheinen die menschlichen Handlungen als umso zwangsmässiger, je früheren geschichtlichen Bildungen ihre Subjekte angehören. Die Fähigkeit, triebhafte Reaktionen moralischer Kritik zu unterziehen und auf Grund individueller Bedenken zu verändern, konnte sich erst mit steigender Differenzierung der Gesellschaft herausbilden. Schon das Autoritätsprinzip des Mittelalters, von dessen Erschütterung die moralische Fragestellung der Neuzeit ihren Ausgang nimmt, ist der Ausdruck einer späten Phase dieses Prozesses. War bereits der ungebrochene religiöse Glaube, welcher der Herrschaft dieses Prinzips vorherging, eine reichlich komplizierte Vermittlung zwischen naivem Erlebnis und triebhafter Reaktion, so bezeichnet das mittelalterliche Kriterium der von der Kirche gutgeheissenen Tradition, dessen ausschliessliche Geltung freilich noch einen stark zwangshaften Charakter trug, bereits einen moralischen Konflikt. Wenn Augustin ¹) erklärt: „Ego vero evangelio non crederem nisi me catholicae ecclesiae commoveret auctoritas", so setzt diese Bekräftigung, wie Dilthey ²) erkannt hat, bereits den Zweifel im Glauben voraus. Der gesellschaftliche Lebensprozess der neueren Zeit hat nun die menschlichen Kräfte so stark gefördert, dass wenigstens die Mitglieder einzelner Schichten in den fortgeschrittensten Ländern in einem verhältnismässig weiten Bereich ihres Daseins nicht bloss dem Instinkt oder der Gewohnheit folgen, sondern unter mehreren vorgestellten Zielen selbständig zu wählen vermögen. Die Ausübung dieser Fähigkeit geschieht freilich in viel kleinerem Umfang, als gemeinhin angenommen wird.

Weiter: "MAX HORKHEIMER - Materialismus und Moral - 1933"